
- Garra barreimiae, Porträt - Gerhard Ott
Wüsten, Oasen und schroffe Berge bestimmen das Bild der Landschaft im Oman außerhalb der Hauptstadt Maskat oder der Küstenstädte Suhâr oder Sûr. Tatsächlich gibt es hier Fische. Das arabische Wadi, so weiß der Leser von Karl Mays Romanen, ist ein zeitweilig austrocknender Flusslauf. Trotz der zeitweiligen Austrocknung gibt es immer noch Restwasserlöcher, in denen Fische die Trockenzeit überdauern. Mehrere hundert Wadis gibt es im Oman. Einige sind weniger als hundert Meter breit und nur einige Kilometer lang. Andere sind unglaubliche 200 Kilometer lang.
Saugbarbe Garra barreimiae
Die Zahl der Arten von Süßwasserfischen auf der arabischen Halbinsel ist insgesamt nicht besonders groß, gerade mal um die zwanzig Fischarten gibt es in diesem riesigen Gebiet. Eine davon wurde wissenschaftlich beschrieben von Henry Weed Fowler, dem damaligen Kurator für Fische der Akademie für Naturwissenschaften in Philadelphia und H. Steinitz von der Zoologischen Abteilung der Hebräischen Universität von Jerusalem in Israel. Es ist ein Karpfenfisch (Familie Cyprinidae, Unterfamilie Garrinae, Gattung Garra). Der Artname barreimiae (sprich bachraimiä) leitet sich ab vom Fundort - einer Oase namens Barreimi oder Burimi.
Wadi - Fluss ohne Wasser
Garra barreimiae ist ein typischer Fließgewässerbewohner und ist in etlichen Wadis des Oman und nahegelegener Gebiete auf der arabischen Halbinsel verbreitet. Diese Fische werden etwa viereinhalb bis sieben Zentimeter groß. Sie ernähren sich hauptsächlich von dem spärlichen Aufwuchs auf Felsen und Steinen und von den Kleinstlebewesen, die darin leben.
Die Saugbarbe von Barreimi hat hinsichtlich der Austrocknung ihres Lebensraums besondere Überlebensstrategien entwickelt: G. barreimiae kann Temperaturen bis zu 40 °C ertragen. Die Fische können kleine Strecken über Land wandern, um Restwasserlöcher aufzusuchen. Sie können sogar kleinere Wasserfälle und Stromschnellen überwinden, in dem sie sich mit dem Saugmaul und dem Brust- und Bauchflossen an Steinen und Felsen festhalten. Bis zu vier Meter Höhe sollen die Fische überwenden können. Und dort, wo nur noch unterirdisch Wasser zu finden ist, weil es von der Sonne nicht so stark ausgetrocknet wird, ziehen sich die Fische in unterirdische Gewässer zurück. Gerade das letztgenannte Phänomen hat zu ganz besonderen evolutionären Vorgängen bei dieser Art geführt. Vor dreißig Jahren wurde eine Höhlenpopulation von G. barreimiae gefunden: Sie hat deutlich reduzierte Augen und kaum noch Farbpigmente.
Speisefische und ihre Gefährdung
Interessanterweise wird von der einheimischen arabischen Bevölkerung als gelegentlicher Speisefisch ausschließlich G. barreimiae in speziellen v-förmigen Netzen, die "weir" genannt werden, aus den Wadis gefischt. Leider gibt es auch eingeschleppte Fischarten wie Tilapia, Oreochromis (Buntbarsche aus Afrika) und Poecilia und Gambusia (Zahnkarpfen aus Mittelamerika), von denen allerdings nicht einmal die Buntbarsche von den Menschen gegessen werden. In der Hauptstadt Maskat des Oman gibt es tatsächlich "pet shops", also Aquariengeschäfte, die nicht nur Goldfische, sondern auch junge Tilapia für Aquarien verkaufen. Auch "red-ear slides", also Rotwangen-Schmuckschildkröten aus Nordamerika gibt es dort. So nimmt es nicht Wunder, dass diese auch schon in etlichen Gewässern des Hajar-Gebirges als Neozoen gefunden worden sind. Es ist nicht unrealistisch anzunehmen, dass Goldfisch, Tilapia und Co. den Garra eines Tages den Garaus machen.
Jahrtausende lange Evolution hat die Garras in den verhältnismäßig unwirtlichen Flüssen der Wüsten und Gebirgen Arabiens überleben lassen. Sie waren eben fit im darwinschen Sinne, was nicht heißt, dass sie die Stärkeren waren, sondern angepasst und eingefügt in die natürlichen Lebensgemeinschaften.
