Fischfang im Brennpunkt der Kritik

Bei­fang von zwei Stun­den Fang­zeit. - dpa
Bei­fang von zwei Stun­den Fang­zeit. - dpa
Jonathan Safran Foer schlussfolgerte in seinem Buch "Tiere Essen" sehr nachvollziehbar, dass Fischfang auch nur Krieg unter Wasser sei.

Fische gelten als Lieferanten von wertvollen Omega-3-Fettsäuren - die sie über Algen aufnehmen - als gesunde Lebensmittel. Fische sind aber oft mit Umweltgiften, Schwermetallen, Quecksilber und Abfallpartikeln beispielsweise Plastikpartikeln kontaminiert. Weltweit werden geschätzte 146 (2010: 110) Millionen Tonnen Fisch jährlich gefangen - darin drückt sich schon folgender Aspekt aus: Fisch ist Massenware. 1850 soll sich die Fangmenge noch auf 1,5 Millionen Tonnen belaufen haben, 1900 auf 4 und 50 Jahre später bereits auf 30 Millionen Tonnen Fisch pro Jahr. Im Jahr 2009 war mit 146,3 Millionen Tonnen der vorläufige Hochpunkt erreicht, wobei 2/3 der Fangmenge aus den Weltmeeren stammen, der Rest aus Seen oder Flüssen.

Beifang - Wie die Meere tot geplündert werden

Die Grundfischerei erbringt circa 25% der Weltfangmenge - hat aber zusätzlich 50 % Beifang; so kann beispielsweise für 1 Kilo Krabben 9 Kilo Beifang oder für 1 Pfund Indonesische Garnelen 12 Kilo anderer Meerestiere als Beifang anfallen, der getötet oder verletzt, aber lebend, zurück ins Meer geworfen wird. Die Garnelen-Fischerei ist für 33% des weltweiten Beifangs verantwortlich. Allgemein ist der Fang tropischer Krabben mit Schleppnetzen für 27 - 55% des weltweiten Wegwurfs verantwortlich, das sind ungeheure Zahlen.

Der Thunfisch-Fang fordert bis zu 145 anderen Arten als Beifang das Leben. Laut der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftorganisation der Vereinten Nationen) sind weltweit inzwischen 80% der Fischbestände überfischt. Auf 10 Thunfische, Haie und andere große Raubfische, die vor 50-100 Jahren herum schwammen, kommt heute noch einer. In weniger als 50 Jahren soll die vollkommene Auslöschung aller gefischten Arten bevorstehen; manche sprechen auch von nur 30 Jahren. Durch die Überfischung der Bestände können sich die Ökosysteme auch nicht mehr erholen. Komplette Arten und Unterwasserlandschaften sind unwiederbringlich zerstört.

Massentierhaltung auf See

20% des Meeresfisches und 75% des Süßwasserfisches stammen aus Aquakulturen oder Firschfarmen, wo die Tiere auf engstem Raum in Bottichen oder von Netzen umzäunt gezüchtet, gefüttert und irgendwann abgefischt werden. Da beliebte Speisesorten leer gefischt sind, wird optisch unattraktiver Tiefseefisch gefangen und als Futter für die Zucht eingesetzt. Vor der Schlachtung kommt dann allerdings bis zu 2 Wochen Hungern auf sie zu, damit sich Magen und Darm für eine reibungslose Tötung geleert haben. Fischfarmen sind wahre Krankheitsherde mit negativen Auswirkungen auf freie Fischpopulationen. Die Überdüngung und der hohe Antibiotikaeinsatz führen zudem zum Absterben von wertvollen Mangrovenwäldern. Für die Produktion von 1 kcal Fisch werden 5 kcal Fisch verfüttert.

Die wichtigsten Fischereimethoden

  • Bei der Schleppnetzfischerei werden große, taschenförmige Schleppnetze (trawls) durch das Wasser gezogen und verschlucken dabei Fischbestände. Netze, die über den Meeresboden geschleppt werden (Grundschleppnetz, oder auch 'bottom trawl' genannt), können den Meeresgrund stark beschädigen und dabei den Lebensraum von Fischen und anderem marinen Leben zerstören. . Bei der Schleppnetzfischerei erleiden Fische auf engstem Raum Schuppenverletzungen. Der Druck der Fischmasse ermöglicht es manchen Fischen nicht einmal mehr ihre Kiemen zu öffnen, sodass sie den Erstickungstod, Tod durch Kreislaufversagen oder durch Zerquetschen erleiden. Das schnelle Herausholen aus der Tiefe verursacht einen Druckabfall, der dazu führen kann, dass Teile der Gedärmer aus Mund und Anus quellen, die Augen aus ihren Höhlen treten oder die Schwimmblase platzt. Die Fische, die den Fang und das Anladen überleben, sterben für gewöhnlich am Ersticken oder im Laufe der Verarbeitung. Entkommen Fische den Netzen, sterben sie oft an den erlittenenen Verletzungen und an Infektionen.
  • Fischschwärme werden bei der Ringwadenfischerei von Netzmauern umrundet und zum Kreis zusammengezogen. Anschließend wird das Netz zusammengezogen und dann entweder wie ein Sack auf Bord gehievt oder die Fische werden auf das Deck gepumpt oder mit Keschern geschaufelt und gehoben. Das Pumpen kann beim Fisch zum Brechen der Flossen führen, Schuppen werden beschädigt, Leiber zerrissen und Fische zerdrückt. Oft gibt es Delfine als Beifang, da die zusammengetriebenen Thunfischschwärme sie anlocken.
  • Kiemennetze kommen bei der sogenannten Kiemennetzfischerei zum Einsatz. Mauern aus Netzen hängen im Meer und sind für die Fische eine unsichtbare Bedrohung. Fische einer gewissen Größe, die in ein Kiemennetz schwimmen, passen nur bis zu ihrem Kopf in eine Masche und werden eingeschnürt, wenn sie versuchen sich rückwärts zu bewegen. Beim Überlebenskampf verheddern sie sich nur noch mehr, sodass die Kiemen eingeschnürt werden können und damit die Sauerstoffzufuhr beschränkt wird. Die Netze können außerdem Schnittverletzungen an Haut und Schuppen zufügen. Der eingeschnürte Fisch ist freilich leichte Beute für Raubtiere wie Seelöwen und kann dadurch zusätzliche Verletzungen erleiden. Fische müssen Stunden oder Tage in dieser Gefangenschaft verbringen. .
  • Handleine und kleine Angelrute (rod and line)
  • Werden Leinen mit Köderhaken oder Lockmitteln ausgestattet durch das Wasser gezogen, spricht man von Schleppangelfischerei. Um die Fische anschließend an Bord zu hieven, wird manchmal 'gegafft', dass bedeutet, dass man eine Art Griff in die Flanke, die Flosse oder das Auge des Fisches schlägt. Lebendfische sind übrigens mögliche Köder.
  • Vor allem in der Thunfischfischerei kommen lange Angelruten (pole & line) zum Einsatz. Wobei auch hier Köderfische eingesetzt werden, auch Lebendköder. Der Trick ist simpel, man lokalisiert einen Fischschwarm, wirft den Köder rund um das Bott aus, um die Fische an die Oberfläche zu locken und sind die Fische erst im Fressrausch, schnappen sie nach allem, was hell aufglänzt, auch den Angelhaken der Angler an Bord, die die Fische dann über sich an Bord schwingen und aufklatschen lassen. Dabei fällt die Angel meist selbst vom Fisch, sodass für den Angler problemlos weiter geangelt werden kann, während der Fisch an Bord sinnlos um sein Überleben kämpft.
  • Eine weitere kommerzielle Fischfangmethode ist die Langleinenefischerei, das longlining. Hunderte oder Tausende von Köderhaken finden sich an nur einer Angelschnur von 50-100 km Länge. Moderne Angelschnüre können sogar bis zu 120 Kilometer lang sein, dass entspricht in etwa der Entfernung vom Meeresspiegel zum Weltraum. Die Verwendung von Lebendködern ist auch hier üblich; diese werden durch eine Maschine auf die Haken gespießt. Die Dauer der Gefangenschaft für die Fische ist hoch. Viele Haie werden bei dieser Methode als Beifang 'gefinnt', dass heißt, man schneidet ihnen die Flossen (fins) ab - die beispielsweise auf dem asiatischen Markt hochgeschätzt werden - und wirft die Haie (meist noch) lebend über Bord. Am Meeresgrund liegen die verstümmelten Tiere noch lange und siechen dahin. Langleinen fordern auch vielen Seevögeln, Meeresschildkröten und anderen Fischarten das Leben.
  • Fang mit Fallen und Reusen
  • Harpunenfischerei
  • Vor allem in Küstengebieten, in Riffnähe, macht man mit Dynamitfischen (blast fishing) Jagd nach Fischen großer Arten, die auf dem Markt hohe Preise erzielen sollen. Diese Form des Fischens kostett vielen fischen das Leben, und hat damit einen enorm hohen Beifang. Außerdem zerstört sie marine Nahrungsbeziehungen und ist - ebenso wie die Grundschleppnetzfischerei - für den Rückgang vieler Fischpopulationen verantwortlich. Alle Fischfangmethoden sind für den Fisch mit starker Erschöpfung, enormen Stress, wenn nicht sogar Schmerzen und panikartiger Angst verbunden.

Fischfang und unsere globale Verantwortung

Neben den ökologischen Problemen, sowie den unglaublichen Beifangmengen, kann die Fischerei auch soziale Konflikte verschärfen. Als Beispiel hierfür kann man die bekannten 'Piraten von Somalia' nennen: Das Österreichische Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung kam nämlich zum Schluss, dass die internationale Hochseefischerei für das Elend der Fischer mitverantwortlich ist. Der illegale Fischfang hätte ihnen die Existenzgrundlage genommen, an Schutzmaßnahmen seitens der Regierung mangelte es zudem. Der Umsatz der illegalen Fischerei (IUU-Fischerei) pro Jahr beläuft sich auf 10 Milliarden Euro, dabei ergibt sich ein Importwert dieser illegal gefischten Fische von 1,1 Milliarden Euro für die EU.

Bei allen genannten Tatsachen wurde allerdings außer Acht gelassen, dass Fische wohl empfindsame Lebewesen seien, und man aus Tierschutz und Umweltschutzgründen, sowie aus gesundheitlichen und sozialen Gründen sich besser gegen den Fischkauf entscheidet, andernfalls wird es bald nicht mehr viel zum Fischen geben und die wunderschöne Unterwasserwelt wird weiterhin gnadenlos ausgebeutet und zerstört.

Quellen: Auf See Geht Es Schlimmer Zu, Alison Mood, Übersetzung: Billo Heinzpeter Studer, fishcount.org.uk, fairfish.de | Tiere Essen, Jonathan Safran Foer | Vegan.at-Magazin Nr. 16/2011

Incognito., Jonny Labrada

Jonny Labrada Ramirez - Meine Interessen sind sehr themenspezifisch. Ich versuche schwere Materie leserfreundlich aufzuarbeiten. Grenzen dabei gibt es für ...

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