Fitna, der Anti-Islam-Film

Islamismus, Terrorismus, Islam – alles eins?

Screenshot - Start des Films - Public Domain
Screenshot - Start des Films - Public Domain
Der holländische Rechtspopulist Geert Wilders hat sein „fitna" betiteltes islamkritisches Video im Internet veröffentlicht und sieht den Koran als „faschistisches Buch".

Der niederländische Rechtspopulist und Vorsitzende der „Partei für die Freiheit“ (PVV) Geert Wilders hat am 27.März 2008 sein 15-minütiges islamfeindliches Video „fitna“ im Internet veröffentlicht in dem er den Koran als „faschistisches Buch“ brandmarkt. Er sorgte damit für weltweite Empörung.

Der Film ist eine Kampfansage an „den Islam“ als Ganzes, den es so nicht gibt. Er suggeriert dabei, der Islam sei ein einheitliche, straff organisierte Glaubensgemeinschaft, die eher einer hierarchisch gegliederten Miliz oder Terrortruppe gleicht, als einer Religion mit unzähligen Glaubensrichtungen. In völlig unzulässiger Weise werden dabei die Begriffe Islam, Islamismus und Terrorismus vermischt. Dazu bedarf es in diesem Film nicht einmal des Wortes, die suggestive Kraft der Bilder „belegen“ dies scheinbar. Und genau hier liegt das eigentliche Gefahrenpotential solcher Machwerke. Fallen solche Botschaften auf das rechte Milieu, ist es bis zum nächsten Brandanschlag gegen Muslime nicht mehr weit.

Fitna – Ein Film soll Ängste schüren

„Fitna“, der Titel, ist ein arabisches Wort und bedeutet so viel wie Trennung, Versuchung, Aufruhr und Zwietracht zwischen den Muslimen. Das 15-minütige Video ist ein Zusammenschnitt von Bildern aus verschiedensten Quellen. Die korrekte Verwendung des Materials ist für den Betrachter nicht nachprüfbar.

Die erste Szene des Videos zeigt die bekannte Mohammed-Karrikatur des dänischen Karrikaturisten Kurt Westergaars, die den Propheten Mohammed mit einem Bombenturban zeigt. Daneben tickt eine Uhr rückwärts, fünfzehn Minuten dauert dieser Countdown. Gegen die seiner Meinung nach illegale Verwendung dieser umstrittenen Karrikatur hat Westergaard Klage erhoben.

Korankritik a la Wilders

Weiter zitiert der Film die einschlägigen Koransuren 4:56, 4:89, 8:39, 8:60, 47:4, die nicht etwa die „Rechtgläubigen“ zum Terror auffordern, sondern vielmehr von Islamisten zur Rechtfertigung des Terrors missbraucht werden können. Unterlegt werden sie Koranzitate mit Bildern aus der Schreckenskammer islamistisch motivierten Terrors: Aufnahmen vom 11. September, die die Zerstörung der New Yorker Twin Towers zeigen, sowie von den Londoner und Madrider Anschlägen uns schließlich Bilder von der Enthauptung westlicher Geiseln. Abgerundet wird dieser Teil des Films durch die Aussage des van-Gogh-Mörders, dasselbe jederzeit wieder tun zu wollen. Dazu werden Tondokumente von Hasspredigern präsentiert, die zum Dschihad gegen Ungläubige, Juden und Christen aufrufen.

Die Islamisierung Europas

Des Weiteren behandelt Wilders das Thema der „Islamisierung Europas“ indem er suggeriert, eine massive Zuwanderung würde Europa Zustände wie im Afghanistan der Taliban bescheren. Auch hier bleiben die präsentierten Zahlen für den Betrachter nicht überprüfbar. Zeitungsschlagzeilen mit Horrormeldungen über islamistischen Terror werden wie Blitzlicht-Gewitter aneinander gekoppelt, die Musik-Untermalung (Grieg und Tachaikowsky) wird dramatischer, alles kumuliert in der islamistischen Todesdrohung gegen Geert Wilders.

Der Abspann gipfelt in einem Vergleich: 1945 habe man über den Nationalsozialismus gesiegt, 1989 gegen den Kommunismus und den Eisernen Vorhang, jetzt sei die „Ideologie des Islam“ dran: „Stopp der Islamisierung, verteidigt unsere Freiheit.“ Der Countdown-Zähler steht bei Null – Schnitt – Gewitter mit Blitz und Donner, Ende des Films.

Die Macht der Suggestion

Der Film zeigt keinerlei neue Argumente, er tut das, was Populisten gewöhnlich tun: Er vereinfacht, und zwar in völlig unzulässiger Weise. Die Karikatur, die den Film wie eine Klammer umfasst, stellt Mohammed und damit den Islam in seiner Vielfalt in diffamierender Weise als tickende Zeitbombe dar. Dabei suggeriert Wilders, Islamismus und islamistischer Terror seien mit dem Islam untrennbar verbunden – nach der Gleichung… Kein Islam ohne Islamismus und Terror.

Wilders baut mit technischem Geschick ein Bedrohungsszenarium für Europa auf: Das rasante Tempo der Schnittfolge, die Art der Montage von Horrorbildern, Schreckensbotschaften und Hasstiraden, die sich bis zur Todesdrohung gegen Wilders steigern. Dieser Film will nicht aufklären. Er will Ängste schüren und damit politische Ziele durchsetzen.

Dabei wirft Wilders alles in einen Topf und vergleicht die Komplexe Faschismus/Nationalsozialismus und Kommunismus/Eiserner Vorhang mit der „Islamisierung Europas“, obwohl beide Phänomene von Europa ausgingen, von Nicht-Muslimen.

Ähnlich ist es mit den Bildern und Aussagen die suggerieren, der Islam sei prinzipiell antisemitisch. Doch nicht etwa der Antisemitismus von Muslimen führte zum Holocaust, sondern der christlich-abendländisch geprägter deutscher Nationalsozialisten war dafür verantwortlich. Das perfide an solchen Filmen ist, dass vieles nicht explizit behauptet wird, die „Beweiskette“ und die gezeigten Bilder aber dennoch zu diesem Schluss führen.

Reaktionen

In den Niederlanden leben etwa 900 000 Muslime, die mehrheitlich aus der Türkei und Marokko stammende Sunniten sind. Muslimische Organisationen in den Niederlanden riefen zur Besonnenheit auf und die niederländischen Muslime reagierten tatsächlich erstaunlich gelassen. Sie teilten überwiegend das Urteil des Islamwissenschaftlers Marits Berger von der Universität Leiden. Für ihn zeigt der Film nur Bilder, die man längst kenne und sage am Ende mehr über Geert Wilders aus, als über den Koran.

Die niederländische Regierung distanzierte sich von dem Film. Ministerpräsident Jan Peter Balkenende erklärte in Den Haag: „Wir sehen nicht, dass damit etwas anderes bezweckt wird, als das Verletzen von Gefühlen."Die slowenische EU-Ratspräsidentschft ließ verlautbaren: „Wir glauben, dass Machwerke wie dieser Film keinem anderen Zweck dienen, als den Hass zu schüren.“

Der Grat ist schmal, auf dem Wilders balanciert. Zwar wird auch sein Machwerk vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit geschützt. Doch wo hört Meinungsfreiheit auf und wo beginnt der Tatbestand der Volksverhetzung? Nicht nur für viele Muslime ist diese Grenze überschritten, hetzt dieser Film doch Nicht-Muslime gegen Muslime auf. Geert Wilders wird also mit Klagen rechnen müssen.

Brigitte Jäger-Dabek, Brigitte Jäger-Dabek

Brigitte Jaeger-Dabek - Als ich vier Jahr alt war, kam die große weite Welt zu mir nach Hause. Sie tat das in Form einer Bananenstaude, die meine Eltern von ...

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