
- Mathias Jeschke: Flaschenpost - Hinstorff
Es gibt Geschichten, die sind wahr, aber ganz unglaublich. Dann gibt es Geschichten, die sind erfunden, aber man würde gerne glauben, dass sie wahr sind. Worum es sich bei „Flaschenpost“, einem Bilderbuch von Mathias Jeschke handelt, kann sich jeder selbst ausdenken oder wünschen. Gerne lesen möchte man sie allemal.
Das zweite Buch von Mathias Jeschke gemeinsam mit Katja Gehrmann
Und das liegt bestimmt daran, dass nicht nur die zwei Hauptpersonen der Geschichte, der Ich-Erzähler und der Junge Marius-Alexander, sondern auch der Autor Mathias Jeschke und die Illustratorin Katja Gehrmann das Meer lieben. Diese Leidenschaft haben die Beiden schon im Buch „Die Geschichte vom Lastkran, der eine Schiffsirene sein wollte“ bewiesen, aber auch in zahlreichen eigenen Büchern, die einem immer wieder eine Prise Seewind um die Nase wehen lassen. Und so wird man auch in „Flaschenpost“ hineingezogen in diese Meeratmosphäre und das Gefühl der Freiheit auf einem Boot.
Zwei Jungs lieben das Meer
Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt und provokant fragt Mathias Jeschke am Ende seines Buches: „Vielleicht sagt ihr: Ach, was ist das schon!“ und beantwortet die Frage gleich selbst: „Aber alle haben gestaunt, die die Geschichte bisher gehört haben.“ Und tatsächlich ist es zum Staunen, wenn zwei Menschen, die viele Kilometer voneinander entfernt wohnen und nicht mal voneinander wissen, die gleiche Leidenschaft haben und durch einen Zufall voneinander erfahren und sich dann begegnen. Die Zeit dazwischen – in dem Buch sind es elf Jahre – wird ebenso nebensächlich wie der Altersunterschied. Was bleibt sind die zwei Jungs, die beide das Meer lieben.
Der Wind der Sieben Meere auf den Landungsbrücken
Der eine ist inzwischen erwachsen und blickt leicht wehmütig zurück auf die Fahrten mit dem Großvater auf der Ilmenau und den Wind der Sieben Meere auf den Landungsbrücken mit dem Vater. Und natürlich auf die Freiheit an Bord eines großen Schiffes, auf das er mit seinem Seesack ging, um sein Herz auf dem Bug vor Freiheitslust jubeln zu lassen. Und daran, dass er einen datierten Brief in eine Flaschenpost steckte, die er dann ganz vergaß, weil er das Schiff verließ und sich "erwachsenen Dingen" wie einem Studium widmete. 11 Jahre später und 400 Seemeilen weiter weg, wird die Flaschenpost gefunden und zwar von einem kleinen Jungen, Marius Alexander, der zu seinem 6. Geburtstag ein eigenes Boot mit Außenbordmotor bekam, weil auch er das Meer so sehr liebte. Und ein paar Jahre später sucht der inzwischen 9-jährige Marius bei Ebbe wieder einmal nach angeschwemmten Sachen am Strand und findet eben just die Flaschenpost.
Ein Junge wird berühmt und ein Erwachsener staunt
Seine Mutter ruft – nach einem Blick auf das Datum – bei der Zeitung an und Marius wird darin mit dem Flaschenpost-Brief in der Hand abgebildet. Zwei Wochen später bekommt der Ich-Erzähler einen Brief von der deutschen Botschaft in Oslo, die ihm schreibt, dass seine Flaschenpost gefunden wurde. „Ich brauchte etwa siebeneinhalb Stunden, bis ich kapierte, was ich las.“, lässt Mathias Jeschke seine Hauptfigur dann sagen. Und die letzten zwei Bilder sagen das, was der Text nicht mehr zu sagen braucht: Der Ich-Erzähler trifft Marius und seine Familie. Sie winken ihm erfreut zu, als er sie besucht und damit selbst wieder einmal seinen Jugendtraum lebt, auf einem großen Schiff übers Meer zu fahren. Und natürlich entsteht zwischen dem kleinen Jungen und dem „großen Jungen“ eine Freundschaft und beide schippern mit Marius kleinem Boot über ein wildes, stürmisches Meer. Die um den Hals gebundenen Schäle stehen mehr als waagrecht in der steifen Brise nach oben und die Gischt spritzt rund um die beiden zufriedenen Menschen, die die Mundwinkel genießerisch nach oben ziehen. Eine „Männerfreundschaft“, die keiner Worte bedarf.
Witzige Bilder, kindgerechte Texte und viel Informationen rund um die Seefahrt
Wie schon bei dem letzten gemeinsamen Buch von Gehrmann/Geschke lebt auch „Flaschenpost“ von den schönen Wasser- und Hafenbildern. Allerdings hat Kaja Gehrmann hier keine flächig-bunten Bilder für die Illustration gewählt, sondern hat viel Weiß frei gelassen. Und das wird zum einen genutzt, um ein Gefühl von Freiheit zu vermitteln, zum anderen werden hier auch kleine Infotexte mit Bild integriert, die über „S.O.S.", „Backbord und Steuerbord“ oder die „Gezeiten des Meeres“ kindgerecht informieren. Daher macht das Bilderbuch, das ab 4 Jahre empfohlen wird, auch Leseanfängern Lust zum selbst lesen. Die Zeichnungen sind dieses Mal mit Buntstiften gemalt, was auch eine gewisse Leichtigkeit vermittelt. Geblieben ist die Liebe zu wilden Wellen, im Wind flatternden Schälen und zu Möwen. Diese sind fast auf jeder Seite zu finden, ziehen sich wie ein fortlaufendes Suchbild durch das Buch. Humorvoll sind auch die kleinen Details auf den Bildern, wie die Ziege neben dem Pressefotograf, eine Möwe, die sich hinter einer Thermoskanne versteckt oder eine außergewöhnlich bebrillte Dame mit Hund, die sich in den Vordergrund des Bildes drängt. Immer wieder gibt es etwas Neues zum Schmunzeln.
Mathias Jeschke/Katja Gehrmann: Flaschenpost, Hinstorff, 2009, 32 Seiten, gebunden. Euro 14,90
