Das ganz individuelle Ernährungs- und schließlich auch Essverhalten eines jeden Menschen ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig, die es unterschiedlich stark beeinflussen können. Zudem spielen die Erziehung und die bisherigen Erfahrungen sowie Wünsche und Wertvorstellungen bei der Ausprägung des Essverhaltens eine wichtige Rolle.
Steuerung des Essverhaltens - Das Drei-Komponenten-Modell
Beim Drei-Komponenten-Modell (Pudel 1986) spielen drei wichtige Regulationsmechanismen eine Rolle:
- die Bedeutung innerer Signale,
- die Bedeutung äußerer Reize,
- rationale Einstellungen.
Mithilfe der Innensteuerung kann ein Säugling seine Essmenge noch entsprechend seinem Bedarf steuern. Diese Fähigkeit geht mit dem Alter zunehmend verloren beziehungsweise wird durch die Außensteuerung und die kognitive Steuerung eingeschränkt. Bei der Außensteuerung handelt es sich zum Beispiel um Faktoren wie das Süßigkeitenangebot im Supermarktregal oder feste Essenszeiten sowie den leckere Duft vor einer Pommesbude. Die kognitive Steuerung hingegen bezieht sich beispielsweise auf die gesundeitsbewusste Lebensmittelauswahl, Verzicht auf bestimmte Lebensmittel oder die Einhaltung einer bestimmten Diät.
Diese drei Mechanismen stehen in Wechselwirkung zueinander: Wirken sie optimal und günstig zusammen, tritt ein Ernährungsverhalten zu tage, das zur selbständigen Befriedigung physiologischer (zum Beispiel Hunger) und psychologischer (zum Beispiel Appetit, Wohlbefinden) Essbedürfnisse beiträgt. Somit wird der tatsächliche (physiologische) Bedarf zum Beispiel an Nährstoffen optimal gedeckt. Ein günstiges Zusammenwirken der drei Komponenten beugt außerdem Über- oder Untergewicht vor und wirkt präventiv auf die Entstehung von Essstörungen.
Rigide Kontrolle
Unter dem Begriff "rigide Kontrolle" versteht man eine Form gezügelten Essverhaltens mit dem Ziel einer Gewichtsreduktion oder des Erhalts einer gewissen Gewichtsgrenze. Hierbei werden im Rahmen der kognitiven Steuerung die Hunger- und auch die Sättigungsregulation beeinträchtigt. Unter Umständen ist es sogar möglich, dass die tatsächliche Nahrungsaufnahme so entgegen dem physiologischen Bedarf reguliert wird. Die erste Folge ist zunächst einmal eine Gewichtsabnahme, allerdings kann es gleichzeitig zu
- Fehlernährung,
- Heißhunger,
- Störungen der Sättigungsregulation sowie
- langfristig zur Entwicklung einer Ess-Störung
kommen. Diese Art der rigiden Kontrolle führt häufig dazu, dass sie nur begrenzt durchgehalten werden kann, es häufiger zu Heißhungerattacken und Frustessen und damit zu Rückfällen kommt. Längerfristig kann eine Gewichtsreduktion auf diese Art und Weise nicht aufrecht erhalten werden.
Flexible Kontrolle
Bei der flexiblen Kontrolle handelt es sich im Gegensatz zur rigiden Kontrolle um eine gewünschte Form der Steuerung des Essverhaltens. Hierbei werden die jeweiligen Lebensmittel zwar nach rationellen Gesichtspunkten ausgewählt, die letztendliche Entscheidung wird aber von inneren Signalen und äußeren Bedingungen mitbestimmt. Die flexible Kontrolle zeichnet sich dadurch aus, dass Ausnahmen erlaubt sind - also keinen Rückfall bedeuten - und dass es vor allem keine Verbote gibt. Somit ist eine Veränderung des Essverhaltens längerfristig durchhaltbar und hat die besten Chancen, zu einer dauerhaften Gewichtsregulation oder auch -reduktion beizutragen.
Unterstützung eines natürlichen und damit selbständigen Ernährungs- und Essverhaltens
Wichtig ist es zunächst einmal, die rigide Kontrolle nicht zu verstärken, sondern die Innensteuerung zu unterstützen und zu fördern. Hierfür ist es von Bedeutung, auf
- Kalorienzählen,
- Diäten oder
- ständiges Wiegen
zu verzichten und stattdessen das natürliche Essverhalten mithilfe von Übungen zur Körperwahrnehmung, zur Sättigungsregulation, mit Genussübungen und einem vielfältigen Angebot an täglich verfügbaren Lebensmitteln zu trainieren. Außerdem hilft es, das eigene Essverhalten zu beobachten, zu analysieren und entsprechend zu verändern, also die Frage nach dem Wie und Warum des Essens in die Essentscheidung mit einzubeziehen und auch Konflikte bezüglich des Essens in der Familie anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel den eines Arztes - nicht ersetzen kann!
Literatur:
Auswertungs- und Informationsdienst Verbraucherschutz, Ernährung, Landwirtschaft e.V. (Aid): Schlankheitsideal. Baustein für einen schüler- und handlungsorientierten Unterricht in der 7. bis 10. Klasse. 4. Auflage (Bonn 2005)
