"Fliegende Fische müssen ins Meer" oder Was ist normal?

Fliegende Fische - Movienet Film GmbH
Fliegende Fische - Movienet Film GmbH
Der Film zeigt eine anormale Familie. Ihr Widerpart ist die Welt des Dorfes und des Jugendamtes. Doch niemand hält den Rollen stand, weil sie niemand kennt.

Beim Versuch, normal zu werden, ist mancher schon verrückt geworden. So oder ähnlich könnte das Motto des neusten Films der türkisch-schweizerischen Regisseurin Güzin Kars heißen, die als Drehbuchautorin für „Die wilden Hühner“ bereits Erfolgsgeschichte schrieb.

Meret Becker und Elisa Schlott in "Fliegende Fische müssen ins Meer"

Roberta (Meret Becker), Mutter der knapp 16-jährigen Nana (Elisa Schlott) und deren Halbgeschwister, deren beide Väter jeweils nicht der von Nana sind, muss sich wegen ihres ausschweifenden Lebenswandels vor dem Jugendamt verantworten. Die zuständige Beamtin nennt sie "anormal" und setzt ihr eine Frist von wenigen Wochen, binnen derer Roberta sich in eine verantwortungsvolle und vorbildliche Mutter verwandelt haben soll.

"Fliegende Fische müssen ins Meer": Realität versus Ideal

Die Jugendamtstante scheint den Idealen der Medien- und Ratgeberbücher der 90er-Jahre verfallen zu sein, wonach die Familien-Frau oder Ehefrau sowohl in Job, Küche, Ehebett als auch in der Kindererziehung brillieren soll. Nur annähernd erfüllt nicht die Mutter Roberta, sondern Nana, die älteste Tochter, dieses Ideal: Sie arbeitet täglich als Schleusenwärterin beim Wasserkraftwerk und versorgt die Kleinen mit Essen und Gute-Nacht-Geschichten, wenn auch aus Dosen beziehungsweise Literatur für den Hypochonder von morgen. Die Wohnung hält sie leidlich in Schuss. Ihre Träume von der Liebe lebt nur ihre Mutter aus, bis zum Exzess, was eben nicht als normal gilt.

Transformationsprozesse in "Fliegende Fische müssen ins Meer"

Der jugendamtliche Aufruf zum Wandel führt tatsächlich dazu, dass sich die Tochter nach Liebe zu einem Mann sehnt, den es tatsächlich einmal gibt, in Gestalt des neuen Dorfdocs (Barnaby Metschurat), und dass Roberta einen vernünftigen Mann, ein Familientier, findet. Aber was innerhalb dieser Seelenreise noch passiert ist, dass der Lebenswandel der „Normalen“ sich wandelt, sobald sich Roberta auf sie einlässt: So ist sie eines Tages Mitglied im Kirchenchor und verwandelt die Dorffrigiden in heiße Bräute. So wird die Frau des Feinkosthändlers die durchgeknallte Geliebte des Dorfarztes, der sich erst duch Nanas Zuwendung wieder für die Frauenwelt, wenn auch zu Ungunsten Nanas, öffnet.

Die Kapitulation der Normalen

Während die Anormalen den offiziellen Schritt also zurück in die Welt der Erwartungen geschafft haben (Roberta rettet ihre Tochter vor dem Ertrinken und wird dadurch erwachsen, Nana erfüllt sich mithilfe des Dorfdocs ihren beruflichen Traum von der Flussschifffahrtskapitänin= steht die Welt der Normalen auf den Kopf.

Der Aufschrei der Jugendamtstante nach Ablauf der Läuterungsfrist trifft den Nagel des Bildes zu diesem Film auf den Kopf: "Was ist schon normal?"

… Während sich die Hochfrisur für den angestrebten Beamtenlook in ihre Bestandteile auflöst …

Güzin Kar über ihren Film "Fliegende Fische müssen ins Meer"

"Familiengeschichten werden ihren Reiz niemals verlieren, da sie universelle Themen in einem spezifischen Umfeld schildern… Als Tragikomödie oder Dramödie, wie wir Drehbuchautoren gerne sagen, habe ich einen ehrlichen und schonungslosen Film über das Leben einer alleinerziehenden Mutter mit Kindern machen wollen. Das heißt, dieses ernste Thema wird auf eine leichtfüßige Art behandelt, Komik und Tragik liegen dicht beieinander. Wichtig ist mir, dass trotz der komödiantischen Überhöhung die Glaubwürdigkeit der Figuren und der Handlungen stets gewahrt wurde. Diesen Ort (im Hochrhein an der deutsch-Schweizer Grenze) mit diesen Menschen könnte es auch real geben."

Sie vergleicht diese filmische Erzählart mit "Mermaids" und "The Royal Tennenbaums" oder "Gilbert Grape". Als "Farbfetischistin" hat sie Farben wie aus einer Bonbontüte gezaubert, wie sie selbst sagt: "Fliegende Fische müssen ins Meer" solle eine Mischung sein zwischen Bonbontüte und Pillenschachtel. (Quelle: Presseheft zum Film)

Asta Hemmerlein, Foto: privat

Asta Hemmerlein - Studium der Politikwissenschaft in Freiburg im Breisgau, Madrid und Berlin. Praktika bei Simon Wiesenthal in Wien, am Zentrum für ...

rss