Der Wettlauf schien beendet, bevor er begonnen hatte. Tausende kehrten ihrer Heimat den Rücken. Der Weg in den Westen führte über die grüne Grenze oder häufiger noch nach West-Berlin. Zwischen 1949 und 1961 verließen über drei Millionen Bürger die DDR in Richtung Bundesrepublik. Das andauernde Wirtschaftswunder, die Aussicht auf besseres berufliches Fortkommen und die Erfolgswährung „D-Mark“ übten eine magische Anziehungskraft aus. Die monatlich veröffentlichten Flüchtlingszahlen ließen keinen Raum für Zweifel. Der Systemvergleich zwischen Ost und West wurde an der Zonengrenze entschieden. Das sozialistische Modell DDR stand 1961 mit dem Rücken zu Wand.
Stillstand statt Fortschritt
Ein Grund für den Aufbruch in den Westen lag in der wirtschaftlichen Situation der DDR. Anders als in der Bundesrepublik hatte die Wirtschaft der DDR von Beginn an zwei Herausforderungen zu bewältigen. Zum einen waren Reparationen zu entrichten, zum anderen hatte sie die Integration in die sozialistische Planwirtschaft zu verkraften. Auf Anweisung der sowjetischen Kontrollkommission wurden Gleise abgebaut, Fabriken demontiert beziehungsweise deren Produktion eingezogen. Bereits in den ersten Jahren wurde die Wirtschaftskraft damit um geschätzte 30-50% reduziert. Nahezu gleichzeitig setzte die Kollektivierung der Landwirtschaft ein. Zunächst auf „Junkerland“, das heißt auf Grundbesitz von 100 Hektar und mehr beschränkt, bezog die DDR-Führung seit 1952 auch kleinere Bauernhöfe in die Kollektivierung mit ein. Staatliche Großbetriebe sollten von nun an das Wirtschaftsleben bestimmen. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) hatten die Versorgung zu garantieren. Schwer- und Grundstoffindustrie sollten die Industrialisierung vorantreiben.
Die von der Partei betriebene Sowjetisierung des Wirtschaftslebens offenbarte jedoch schon bald gravierende Nachteile. Fehlendes Arbeitsmaterial, zu geringe Ressourcen und Überregulierung von Seiten des Staates führten zu Engpässen. Trotz gewaltiger Anstrengungen der Bevölkerung beim Wiederaufbau blieb die Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern unbefriedigend. Auch zehn Jahre nach Kriegsende waren Zucker, Fleisch und Butter für viele DDR-Bürger Luxusartikel. Anders als in der Bundesrepublik blieb in der DDR bis 1958 die Bevorratung von Lebensnotwendigem auf der Tagesordnung.
Eine sozialistische Gesellschaft entsteht
Doch nicht nur wirtschaftlich bewegte sich die DDR am Limit. Auch politisch wurden die Grenzen des Möglichen sichtbar. Seit dem Juni-Aufstand 1953 verschärfte die SED die Gangart gegenüber der Bevölkerung merklich. Bürgerliche Freiheiten wurden eingeschränkt, die ideologische Durchdringung der Gesellschaft forciert. Einzelne Maßnahmen wirkten oftmals unspektakulär, engten den Spielraum der Bürger aber mehr und mehr ein. Beispielhaft ist hier die Einführung von Straftatbeständen wie dem „Staatsverrat“ oder der „Staatsverleumdung“ durch das Strafrechtsergänzungsgesetzes vom 11. Dezember 1957. Leidtragende dieser Entwicklung waren sowohl der Einzelne als auch ganze Gruppen.
Ziel dieser Aktionen war die Kriminalisierung der politischen Opposition. Andere Beschlüsse kamen einem Frontalangriff auf den Rechtsstaat gleich. So entzog zum Beispiel die Volkskammer im April 1961 mit der Verabschiedung des „Gesetzbuches der Arbeit“ den Arbeitern das Streikrecht. Im Zentrum all dieser Bemühungen stand der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. An die Stelle überkommener bürgerlicher Strukturen sollte die marxistisch-leninistische Gesellschaftsordnung treten. Bevorzugte Angriffsziele im „Kampf gegen den Revisionismus“ waren Kirchen, Hochschulen und Vereine. Mit der gezielten Instrumentalisierung von Massenorganisationen wie der FDJ oder dem FDGB drängte der Staat nun verstärkt in die Privatsphäre seiner Bürger vor. Kinder und Jugendliche sollten im „sozialistischen Geist“ erzogen werden, Arbeiter hatten sich an „sozialistischen Wettbewerben“ zu beteiligen. Auch Konfessionelle Traditionen wie die Konfirmation und Kommunion sollten durch säkularisierte Veranstaltungen wie die „Jugendweihe“ in den Hintergrund gedrängt werden.
Wende oder Flucht?
Trotz allem machte sich in den Jahren zwischen 1956 und 1959 Zuversicht in der Republik breit. Die von Chruschtschow eingeleitete Entstalinisierung sowie eine verbesserte Versorgungslage weckten unter den DDR-Bürgern Hoffnungen. Mutig versprach der 2. Fünfjahresplan eine Einkommenssteigerung um 30% sowie die Einführung des Sieben-Stunden-Tages. Bereits zwei Jahre später fasste man das nächste Ziel ins Auge. 1958 verkündete Walter Ulbricht, die Bundesrepublik bis 1961 wirtschaftlich „einholen und überholen“ zu wollen. Eine Illusion, wie sich bald herausstellen sollte. Bereits 1959 mussten die Versprechungen kassiert werden. Mit der „Forcierung des Sozialismus“ kehrte die sozialistische Mangelwirtschaft zurück. Damit gewann aber das „Schlupfloch“ West-Berlin wieder an Bedeutung. Vertrauensverlust und Perspektivlosigkeit lösten neue Fluchtwellen aus. Im August 1961 hatte die Ost-Berliner Regierung den politischen Offenbarungseid zu leisten. In den Morgenstunden des 13. August riegelten Grenztruppen West-Berlin ab. Der Mauerbau sicherte der DDR das Überleben, er beraubte sie aber auch ihrer gesamtdeutschen Perspektive. Johannes R. Bechers "Deutschland einig Vaterland" gehörte der Vergangenheit an.
