"Das ist durchaus dem MOMA vergleichbar. Die phantastischen neuen lichten und offenen Räumlichkeiten sind meiner Meinung nach sogar schöner. Ich hatte erst gedacht, dass der Titel "Das schönste Museum der Welt" ein wenig Ruhrgebiets-Größenwahn zeigt, aber: Nein! - er ist ist berechtigt," schwärmt Martin Merz, Besucher aus Frankreich, über die neueröffnete Ausstellung im Folkwangmuseum. "In solcher Qualität und Intensität ist insbesondere der deutsche Expressionismus kaum irgendwo zu finden."

Moderne Kunst: Entartet, verkauft, zerstört

Das Museum Folkwang hatte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einen internationalen Ruf, was seine Sammlung und auch die Art der Ausstellung betraf. Gegründet 1902 durch den sozial und kulturell engagierten Mäzen Karl Ernst Osthaus kam die Kunstsammlung 1922 von Hagen nach Essen und verschmolz mit der dortigen Sammlung. Osthaus hatte die Sammlung mit Spätimpressionisten und - als einer der ersten überhaupt - mit deutschen Expressionisten aufgebaut. In Essen wurde die Sammlung mit weiteren Klassikern der Moderne ergänzt, bis ab 1933 die Nationalsozialisten ein Auge auf die "entarteten" Kunstwerke warfen und 1937 mehr als 1.400 Werke beschlagnahmten . Sie wurden bestenfalls verkauft, viele aber auch zerstört oder sie gelten als verschollen (siehe auch unten stehendes Foto "Verlorene Moderne Kunst").

Nach dem Krieg konnte das Museum Folkwang einige wenige Kunstwerke zurückkaufen.

Rückbesinnung auf Museumstradition der Klassischen Moderne

Die ursprüngliche großartige Kunstsammlung aber hatten die Nationalsozialisten zerstört. Für die erste Sonderausstellung im Museumsneubau und noch dazu im Jahr, in dem Essen Kulturhauptstadt Europas ist, lag es daher nahe, eine Rekonstruktion der früheren Sammlung anzugehen. (Siehe auch unten stehendes Foto: "Ausstellung zur Geschichte des Museum Folkwang".)

Der Titel der Ausstellung, "Das schönste Museum der Welt", geht auf einen Ausspruch von Paul J. Sachs zurück, dem Mitbegründer des Museum of Modern Art (MOMA) in New York. Er sagte dies bei einem Besuch in Essen 1932.

Dem MOMA vergleichbar

In 16 Ausstellungssälen werden jetzt teilweise spektakuläre Werke der Klassischen Moderne gezeigt, darunter Skulpturen von Rodin und Gemälde von Kandinsky und Matisse, Kirchner und Marc, Munch und Beckmann (siehe unten stehende Fotos "Sonderausstellung im Folkwang: Das schönste Museum" und "Sonderausstellung im Museum Folkwang in Essen" mit einem Gemälde von Manet).

Einer der Lieblinge der Autorin ist zugegebenermaßen der ausgestellte Munch: Winter in Nordstrand ist schlicht und atmosphärisch düster, der dunkelgrau gehaltene Strand kontrastiert mit dem schmalen hellen, fast leuchtend hellen Brandungssaum. Ecce Homo von Daumier ist eine düstere Ausmalung des Jesus-Prozesses vor dem Palast des Pontius Pilatus. Persönliche Entdeckungen sind die nicht ganz so bekannten Expressionisten André Derain und Henri Le Fauconnier, die mit phantastischen Gemälden vertreten sind.

Tränen in die Augen treibt einem die lange Liste der beschlagnahmten und zerstörten Kunstwerke, die im Katalog vollständig aufgeführt werden (siehe auch unten stehendes Foto "Verlorene Moderne Kunst").

Privatime Kunstpräsentation

Etwas bedauerlich ist es, dass sich die Ausstellungsmacher nicht getraut haben, den vormaligen Charakter der Museumspräsentation zu rekonstruieren. Damals wurden kunstgewerbliche alte und außereuropäische Preziosen neben den (damals skandalösen) Werken der Moderne in eher intim wirkenden Räumlichkeiten gezeigt, eher in Manier einer Privatsammlung als in der üblichen Art und Weise eines öffentlichen Museums. Dieser private Charakter ging auf das Osthaus'sche Konzept zurück, machte aber sicherlich auch viel des besonderen Reizes des Museums aus (siehe unten stehendes Foto "Museum Folkwang um 1930").

Spärliche Beleuchtung

Bei der aktuellen Sonderausstellung sind die einen Säle hingegen der Hauptsammlung (den Expressionisten) gewidmet, die anderen den Altertumsfundstücken und Exoten. Nur an wenigen Stellen hat man das alte Konzept wiederbelebt - allerdings halbherzig: Einige grafische Werke (so von Klee) hängen - wenn auch gesondert - in einem der "Exoten"-Räume, aber dies mit so spärlicher Beleuchtung, dass der Betrachter kaum etwas erkennen kann. Aus unerfindlichen Gründen ist die Beleuchtung zum Teil in diesen "Raritäten"-Räumen so "grabesduster", dass auch andere Ausstellungsstücke mehr schlecht als recht erkennbar sind.

Kulturhauptstadt: Mythos Ruhrgebiet

Insgesamt kann man der Sonderausstellung vorwerfen, dass sie kaum einen Neuanfang repräsentiert, sondern eine Rück- und Nabelschau bietet, und dies in mehrfacher Hinsicht:

"Das schönste Museum der Welt" rekonstruiert eine längst vergangene Sammlung und Museumswelt. Das passt zwar zu einer ersten Ausstellung in einem Museumsneubau, aber wäre eine kunsthistorisch herausragendere, wegweisende Ausstellung nicht für einen Neuanfang sinnvoller gewesen?

So bildet die erste Sonderausstellung des Folkwangmuseums ein Mosaiksteinchen in der Vielzahl von Veranstaltungen der Kulturhauptstadt, die sich in einer Art Bauchnabelschau dem Ruhrgebiet und dem Kult eines Ruhrgebiets-Mythos widmen, und das heißt ja auch: einer gebetsmühlenhaft wiederbeschworenen vergangenen Welt der Arbeiterkultur und Arbeiterbildung…

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war die Sammlung des Folkwangmuseums ohne Frage eine großartige Kunstsammlung mit gesellschaftlichem Impetus und nicht nur kultureller Strahl-, sondern geradezu Sprengkraft. Jetzt hat sie - wie im übrigen auch viele der als Industriekultur im Rahmen der Kulturhauptstadt gefeierten - Industriebauten mehr musealen Wert. Sprengkraft hat sie sicherlich nicht mehr.

Museum Folkwang: Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Zeitgenössische Kunst, Fotografie, Grafik, Plakate

Das Museum Folkwang beherbergt neben Kunstwerken der Klassischen Moderne und alter und außereuropäischer Kunst auch eine bedeutende Sammlung zur Gegenwartskunst des 20. und 21. Jahrhunderts, eine graphische und eine photographische Sammlung sowie das Deutsche Plakat Museum, mit allein schon über 40.000 Plakaten. Bei den drei letztgenannten Sammlungen werden aufgrund der Fülle nur Ausschnitte ausgestellt. Im Januar 2010 wurde der durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung finanzierte und durch den Stararchitekten David Chipperfield entworfene Neubau des Museum Folkwang im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 eröffnet.

Sonderveranstaltungen für Kinder und Schüler

Nützliche Infos zum Folkwang-Museum, wie Anfahrt, Öffnungszeiten und so weiter. Es gibt eine Vielzahl von Sonderführungen, Workshops und Themenveranstaltungen, insbesondere auch für Kinder und Schüler (Schulklassen). "Ein Abend mit Javanischem Schattenspiel" mit der Hamburger Gruppe Margi Budoyo sollte die Vorstellung davon mit Leben erfüllen, was die Schattenspielfiguren, die im "Schönsten Museum der Welt" zu sehen sind, nur andeuten können.

Infos zur Ausstellung (bis 25. Juli 2010) gibt es beim Folkwangmuseum. Öffnungszeiten: Di bis So 10-20 Uhr, Fr 10-24 Uhr, montags geschlossen. Eintrittspreise: Di bis Fr: 10 €, Sa/So, feiertags: 12 €, ermäßigt: 7 €.

RUHR.2010: RuhrKunstMuseen

Wie das LehmbruckMuseum und das Museum Küppersmühle in Duisburg ist das Folkwang-Museum Mitglied der RuhrKunstMuseen, einem Netzwerk von Kunstmuseen des Ruhrgebiets, das unter anderem Themen-Bustouren und kostenlose Schülerfahrten anbietet (Collection Tours). RuhrKunstMuseen wurde durch RUHR.2010, dem Marketingnamen der europäischen Kulturhauptstadt 2010, initiiert.