Der eigentliche Startschuss für das brasilianische Fome Zero – Programm fiel am 16. Oktober 2001, dem Welternährungstag. Im Februar 2003 starteten in fünf Regionen des bitterarmen Nordostens die Pilotprojekte. „Am Ende meiner Regierungszeit soll jeder Brasilianer ein Frühstück, ein Mittag- und ein Abendessen bekommen“, lautete die Mission von Luiz Inácio Lula da Silva, der im Januar 2003 das Präsidentenamt übernahm. 2004 wurde die Hungerbekämpfung auf ganz Brasilien ausgedehnt.
Das langfristige Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe
Fome Zero ist ein sehr umfassendes Programm, alle Ministerien sind eingebunden. Es beinhaltet über 40 Maßnahmen, aufgeteilt in vier Bereiche: der Zugang zur Nahrung, die Stärkung der Landwirtschaft, Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt und die Einrichtung verschiedenster Initiativen und Zentren, die Aufklärungsarbeit leisten und kontrollieren, ob die einzelnen Programme und Förderungen auch dort angekommen sind, wo sie ankommen sollen. „Hungerbekämpfung“ lautete das kurzfristige Ziel von Fome Zero. Langfristig sollen alle Brasilianer gesellschaftlich integriert werden, sie sollen gesundheitlich versorgt werden und durch Arbeit ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können. Alphabetisierungs-Kampagnen, Mikrokredite und Schulungen sollen ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern.
Das Zugpferd von Fome Zero: Bolsa Família
Seit Ende 2003 ist „Programa Bolsa Família“, die Familienbörse, das Vorzeigeprojekt von Fome Zero. Es bedeutet für arme Brasilianer eine Chipkarte mit PIN-Code, auf die jeden Monat Geld überwiesen wird. Die Karte wird bevorzugt den Frauen übergeben – da ist die Chance größer, dass das abgehobene Geld nicht gleich in Alkohol investiert wird. Die Höhe des monatlichen Zuschusses liegt zwischen 18 und 112 Reais, das sind umgerechnet sieben bis 47 Euro. Zum Vergleich: der monatliche Mindestlohn beträgt in Brasilien 350 Reais (ca. 133 Euro). Wie viel eine Familie bekommt ist vor allem abhängig vom familiären Budget und der Anzahl der Kinder:
- Familien in extremer Armut: Familien mit einem monatlichen Einkommen von maximal 60 Reais pro Person bekommen jeden Monat einen Zuschuss von 58 Reais. Bis zu drei Personen im Haushalt erhalten nochmals eine Förderung von 18 Reais im Monat.
- Familien in Armut: Familien mit einem monatlichen Budget zwischen 60,01 und 120 Reais pro Kopf bekommen für Kinder von 0 – 15 Jahren 18 Reais pro Person, auch an Schwangere wird diese Summe ausgezahlt. Auch hier gilt die Regel: Die 18 Reais werden maximal an drei Personen pro Haushalt ausgezahlt.
- Seit 2008 können auch extrem arme und arme Familien für 16 und 17-Jährigen eine monatliche Förderung beantragen. Die Höhe beträgt 30 Reais pro Person, maximal zwei Personen pro Familie können die Summe beantragen.
Die Bedingungen: Schulbesuch und Impfpflicht
Wer von der Bolsa Família profitieren möchte, der muss nicht nur arm sein, sondern sich auch an ein paar Vorschriften halten. Kinder unter sieben Jahren müssen geimpft sein, ein Arzt muss sie wiegen und messen und ihren körperlichen Zustand festhalten. Auch schwangere Frauen müssen nachweisen, dass sie an den Vorsorgeuntersuchungen teilgenommen haben. Kinder von sechs bis 15 Jahren müssen in einer Schule eingeschrieben sein, sie dürfen maximal 15 Prozent der Unterrichtsstunden fehlen. Jeder Schulwechsel muss gemeldet werden.
Nur Almosen?
Heute wird in 11,1 Millionen Familien das Haushaltsgeld monatlich ein bisschen aufgestockt. Fome Zero habe Menschen aus der extremen Armut geholt und die sozialen Ungleichheiten reduziert, heißt es auf der Homepage der brasiliansichen Regierung. Doch Korruption, enorme Bürokratie und diffuse Ziele werfen einen Schatten auf das soziale Vorzeigeprojekt: Es sei eine politische Mogelpackung unter wohlklingendem Namen, außer ein paar Almosen habe es nichts gebracht. Denn Armut ist nach wie vor eines der Kernprobleme des 184 Millionen Einwohner Staates.
