Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen

Roman zwischen Realismus, Naturalismus und Moderne

Der erste Roman Theodor Fontanes „Irrungen, Wirrungen" zeigt die Lebenswelt des gesellschaftlich unterminierten vierten Standes und entstand 1882-1887.

Titel und Untertitel deuten bereits an, dass soziale Verfehlungen Thema und Inhalt der so genannten „Berliner Alltagsgeschichte“ sind. Idyllische Ausflugsorte bilden die Kulisse dieses Gesellschaftsromans. Die erzählte Zeit ist 1875 bis Spätsommer 1878. In der Entstehungszeit gab es bei Fontane zwischendurch immer wieder kleinere Pausen. Der Vorabdruck erfolgte in der Vossischen Zeitung 1887, die erste Buchausgabe erschien 1888.

Thema ist eine außereheliche sexuelle Beziehung zwischen einem Baron und einer Heimwerkerin. Die Kritik äußert sich ob dieses Skandalons drastisch, etwa durch die Titulierung des Stoffs als eine „grässliche Hurengeschichte“. Dennoch stellte dies gesellschaftskritische Werk Fontanes Durchbruch als modernem Romancier dar, welcher eine gewisse Nähe zum Naturalismus hegt. Fontane verfasste weitere Romane zu ähnlich gelagerten Themen, jeweils mit einer Frau im Zentrum der Handlung, was der ansonsten maskulin dominierten Gesellschaftsstruktur entgegenlief; dabei ging es ihm vor allem um träumerische und sinnliche Frauenbilder.

Idylle und Industrialisierung

Zunächst beschreibt Fontane ein Idyll, die weiten Felder an der Budapester Straße, die Dorfkirche von Wilmersdorf. Fontanes Literatur kann hier durchaus als Berliner Stadtarchiv fungieren, sie hat die Beschreibung zu einer Geschichte von Urbanität werden lassen. Die Menschen sind der weitere wichtige Bezugsspunkt historischer Realitäten: Die Pflegetochter der alten Frau Nimptsch, die Protagonistin Lene, ist nicht eindeutig als einem Stand zugehörig zu erkennen, gewissermaßen besitzt sie keine ständische Fundierung.

Die Handlung gehört dem Reich einer Utopie des Natürlichen am Vorabend der industriellen Vereinnahmung an. Noch existiert die kleine Gärtnerei, idyllisch gelegen zwischen Wilmersdorf und Tiergarten, doch schon bald wird diese Utopie gestört: Die Zeitlosigkeit des Ganges der Romanhandlung fungiert hier als eine sarkastische Spiegelung der adeligen Gesellschaft, welche keinen pekuniären, arbeitsmäßigen oder zeitlichen Zwängen unterliegt.

Die Vogelschreie aus dem Zoologischen Garten, das Elefantenhaus, ein Feuerwerk zeichnen die exotische Utopie einer Naturwelt nach. Hierin wird gleichermaßen deutlich, wie die neurotische Furcht vor Gesellschaftlichem sich bei den Liebenden, vor allem bei Lene, zeigt, ja geradezu ihre Furcht vor ihres Geliebten Bothos Mutter und der unmöglichen ständischen Zugehörigkeit. Weiterhin ist der Beginn der Handlung geprägt von Selbstgesprächen als Teil eines neurotischen Geflechts.

Gesellschaftspolitik und Alltag

Fontane nennt seinen Roman eine Novelle, und diese erscheint wie bereits gesehen als eine Berliner Alltagsgeschichte in einer verbreiteten Tageszeitung. Damit führt er explizit den Alltag als Gegenstand der Literatur ein, denn gerade in dieser Alltäglichkeit liegt vielleicht das ganz Neue dieses Genres.

Typisch für Fontane ist die Aufnahme des politischen Geschehens in den Gang der Handlung und der Gespräche des Romans. Wir befinden uns noch in der Inkubationszeit der bevorstehenden Krise, die Moderne ist noch nicht angebrochen, der gesellschaftliche Zusammenbruch ist somit noch nicht da, die alten Regeln gelten gerade noch. Doch in der Schilderung von Hankels Ablage im Gespräch Bothos mit dem alten Wirt gib es bereits die Vorboten der industriellen Moderne in Form von Dampfschiffen.

Der Topos des Realismus taucht hier wie auch sonst bei Fontane in vielschichtiger Weise auf, der Autor zeigt Konflikte und Lösungen; Verklärung hingegen führt zur Idylle, die jedoch nicht immerzu anhalten kann. Des Weiteren deuten sich Moderne und Naturalismus bei Fontane an, die literarische Moderne entspringt dabei ursprünglich dem Naturalismus, von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Am Beispiel Berlin nach der Reichsgründung zeigt sich diese Tendenz, insofern die Stadt die einzige Metropole in Deutschland ist. Literarisch entstand so die Gattung Berliner Roman.

Intentionen Fontanes

Die Nachwirkungen sind weniger widersprüchlich als die inhaltliche Interpretation, nur der Grad der Wertschätzung mag unterschiedlich sein. Fontane hatte in diesem Werk seine Meisterschaft erreicht, und die ästhetischen Qualitäten sind bereits früh erkannt worden. Der Schluss ist jedoch unterschiedlich interpretiert worden: ob milde Resignation und lächelnder Verzicht oder Ausweglosigkeit, Ratlosigkeit, Scheitern, sogar Tragik und Beklemmung werden genannt. Doch das schmerzliche Sich-Zurechtfinden und das resignierende Sich-Fügen entsprechen wohl am ehesten der Fontaneschen Intentionen.

Künstlerische Gestaltung

Die künstlerische Gestaltung hat allerdings mehr Aufmerksamkeit erlangt als die Interpretation des Inhaltlichen. Die Darstellungsmittel bergen Wirklichkeit und Kunstcharakter, die zeichenhaften Kräfte der der Realität entnommenen Dinge sind eindrucksvoll geschildert und sind mit Fontane dahin gegangen. Die erzählerischen Mittel dienen wohl allesamt der Funktion, gesellschaftliche Bezüge aufzuzeigen.

Lokal- und Zeitangaben sowie Figurennamen sind bedeutungsvoll. Der Literaturwissenschaftler Müller-Seidel bezeichnet die Analyse des Milieus als die einfacher Lebenskreise, die bei Fontane in die Darstellung einfacher Menschlichkeit übergehe. Der Kern des hier ausgetragenen Konflikts ist das Gegenüber von Menschlichkeit und Gesellschaft, „einer Gesellschaft, wie sie ist und einer natürlichen Menschlichkeit, wie sie sein sollte“. In engem Zusammenhang damit steht, wie in den meisten Romanen Fontanes, die Frage nach dem Glück. Begriffe wie Paradies und Sündenfall, Wiedergewinnung des Paradieses, Idylle bürgern sich mehr und mehr in der Fontane-Forschung ein.

Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen. Eine Berliner Alltagsgeschichte. Reclam 1986. Taschenbuch, 184 Seiten. Euro 3,60.

Jan Roloff - Als Autor bei Suite101.de verbindet Jan Roloff seine Profession mit der Passion für Sprache, Texte und spannende Themen. Er hat ...

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