
- Goethes Haus Am Frauenplan: Intarsie "SALVE" (Sei gegrüßt!) im Treppenaufgang - keiner
Am frühen Morgen des 7. November 1775 erreichte Johann Wolfgang Goethe Weimar. Er war der Einladung des jungen Regenten – seines späteren Chefs und Freundes – Carl August zu Sachsen-Weimar gefolgt. Es wurde ein langer Aufenthalt!
Regierungsamt und finanzielle Unabhängigkeit für Goethe
Am 11. Juni 1776, etwa sieben Monate nach seiner Ankunft, wird er zum Geheimen Legationsrat – zunächst ohne Fachbereich - ernannt. Damit erhält Goethe Sitz und Stimme im Geheimen Conseil, dem Weimarer Regierungsgremium. Ganz comme il faut, mit silbernem Degen und silbernen Schnallen an den Schultern tritt der neu ernannte Geheime Legationsrat sein Amt an. Zweimal die Woche tagt das Regierungsgremium, zu dem er den üblichen Tressenrock trägt. Die neue Tätigkeit ist mit einem Jahresgehalt von 1.200 Talern ausgestattet. Goethe bezieht damit das zweithöchste Gehalt im Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach. Als Nummer 1 rangiert sein Ratskollege Voigt. Interessanterweise gibt es einen weiteren Großverdiener aus dem Dunstkreis der Literaten.. Er traf bereits im September 1772 in Weimar ein (ein Datum, auf das viele Historiker den Beginn der Periode Weimarer Klassik datieren). Er führte sein Einstellungsgespräch noch mit der Fürstenmutter Anna Amalia. Der aus dem schwäbischen Tübingen stammende beendete zugunsten des neuen Engagements als Prinzen-Erzieher in Weimar ein vorangegangenes Intermezzo als Universitätsprofessor. Dies fiel ihm leicht, denn den Professoren-Job mochte er nicht leiden und das ausgehandelte Jahres-Salär von 1.000 Talern zuzüglich Übernahme der Umzugskosten machte ihm den Abschied von der Universität Erfurt leicht. Sein Name: Christoph Martin Wieland. Im klassischen Weimar repräsentierte er die Strömungen des Rokoko und der Aufklärung.
Lektionen im höfischen Umgang durch Charlotte von Stein
Höfische Sitten beherrschte der junge Dr. Goethe trotz seiner neuen, staatstragenden Rolle und der exzellenten Allgemeinbildung nicht. Dies hatte mit seiner Herkunft zu tun. Als Patriziersohn und Bürger der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main gehörte höfischer Umgang nicht zu seinem Lehrstoff. Am Hof zu Weimar fiel dies auf. Der berühmte Autor des Werther tritt zwar sehr selbstbewußt auf, gekleidet wie seine Romanfigur Werther, im blauen Frack mit Messingknöpfen, gelber Weste, Lederbeinkleid und halbhohen Stulpen-Stiefeln. Sein Diener Philipp Seidel verleiht ihm in der Gesellschaft das Gepräge des Privilegierten, umsorgt ihn und begleitet ihn auf seinen Reisen. Aber höfische Sitten sind ihm fremd. Die Goethe vom Hof zugeordnete, erfahrene Hofdame Charlotte von Stein, sollte dem Bürgersohn aus Frankfurt bei den fehlenden höfischen Manieren auf die Sprünge helfen. Denn Beobachter bei Hofe bescheinigten Goethe dort ein eher steifes Verhalten in Verbindung mit einer linkischen Ehrerbietung gegenüber Ranghöheren. Auch war aufgefallen, daß er mehr schlecht als recht tanzte. Frau von Stein gelingt es, sein Verhalten in Maß und Form zu korrigieren.
Das Gartenhaus: Goethes Zuhause für sechs Jahre
Durch ein Geschenk des Herzogs Carl August wir Goethe im Jahre 1776 Besitzer eines verwilderten Gartengrundstücks mit Häuschen an der Ilm, etwas außerhalb von Weimar gelegen. Sechs Jahre wohnt er in seinem Gartenhaus auf der Weimar abgewendeten Seite der Ilm. Auf „Poesie“, seinem als ruhig bis harmlos eingeschätzten Pferd aus dem Bestand des herzoglichen Reitstalls, sah man den wenig geübten Reiter in den Ilmauen.
Baronisierter Staatsminister mit Stadtpalais
Goethes Karriere setzt sich fort. Vom Legationsrat wird er zum Geheimen Rat befördert. Zu seinen neuen Zuständigkeiten gehören die Kriegs- und die Wegebau-Kommission. Im Jahre 1782 kam es für Goethe Schlag auf Schlag – im positiven Sinne des Wortes, denn Fortuna schüttet ihr Füllhorn aus. Für seine Dienste und Verdienste erhält er das Haus Am Frauenplan, ein großzügig geschnittenes Stadtpalais mit Gartengrund. Kaum dort eingezogen, übersendet ihm die Herzogin Luise das von Kaiser Joseph II. ausgestellte Adelsdiplom. Damit nicht genug: Das für die Staatsfinanzen zuständige Ratsmitglied Freiherr v. Kalb wird wegen Unfähigkeit seines Amtes enthoben. Auf Wunsch des Herzogs übernimmt Goethe auch diese Schlüsselposition im Staat.
Goethe erwarb sich in seinen Funktionen Verdienste, die als unbestritten gelten. Dazu zählt die von ihm konzipierte und durchgeführte Finanzreform, mit der er selbst den Herzog zu persönlicher Sparsamkeit zwingt. Er erreicht so die Konsolidierung des Landesetats. Dies gelingt ihm nicht zuletzt mit einem radikalen Abrüstungsprogramm. Er kürzt das stehende Heer seines Freundes Carl August – es umfaßt 532 Infanteristen unter Waffen - um etwa die Hälfte. Der Herzog beugt sich dem Rotstift seines Geheimen Rats und übernimmt in Diensten Preußens die Leitung eines Kürassierregiments im nahegelegenen Aschersleben.
Goethes Jugendfreund Johann Gottfried Herder, dem Goethe eine Stellung in Weimar verschafft hatte, beobachtet die Vorgänge mit Argusaugen und spottet in einem Brief an Hamann im Juni 1782 über den Weimarer Groß- und Multifunktionär: „Er ist als jetzt Wirklicher Geheimer Rat, Kammerpräsident, Präsident des Kriegscollegii, Aufseher des Bauwesens bis zum Wegebau hinunter, dabei auch directeur des plaisirs, Hofpoet, Verfasser von schönen Festivitäten, Hofopern, Balletten, Redoutenaufzügen, Inskriptionen, Kunstwerken etc., Director der Zeichenschule, in der er den Winter über Vorlesungen über Osteologie (Knochenbau) gehalten, selbst überall der erste Acteur, Tänzer, kurz das factotum des Weimarischen und, so Gott will, bald der majordomus sämtlicher Ernestinischer Häuser, bei denen er zur Anbetung umherzieht. Er ist baronisiert und an seinem Geburtstag wird die Standeserhöhung (Adelstitel) erklärt werden. Er ist aus seinem Garten in die Stadt gezogen und macht ein adlig Haus, hält Lesegesellschaften, die sich bald in Assembleen verwandeln werden etc., etc. Bei alledem geht’s in Geschäften (der Regierung) wie es gehen will . . .“
Herder hatte es auf den Punkt gebracht. Das Staatsamt fraß Goethe auf. Er war in die Mühlen der Sachzwänge geraten. Für die Spanne von 10 Jahren ab seiner Ankunft in Weimar im Jahre 1775 geriet in der Folge sein literarisches Schaffen ins Stocken. Es bedurfte eines „Befreiungsschlages“, einer Auszeit. Am 3. September 1786 bricht Goethe unter dem Pseudonym Johann Philipp Möller heimlich zu einer längeren Italienreise auf. Erst 1788 kehrte er nach Weimar zurück. Eine lange literarische Schaffensperiode wird sich anschließen.
Quellen
- Sigrid Damm, Christiane und Goethe. Eine Recherche. Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2001.
- Peter Merseburger, Mythos Weimar. dtv
