
- Wilhelm Genazino beim Signieren - K. Mieth
Die Frankfurter Rundschau sagt: "Seit Wilhelm Genazino sein neues Buch 'Wenn wir Tiere wären' veröffentlicht hat, ist die Stadt Frankfurt im Genazino-Fieber." In der Stadt München hat er dieses Buch vergangene Woche vorgestellt. Nach der knapp einstündigen Lesung stellt der Autor und Redakteur von BR-Alpha, Jochen Kölsch, Fragen an den gefeierten Schriftsteller und meinte: "Dieses Buch sollte man gelesen haben.“ Da das Thema "Tiere" schon im Titel liegt, sind die ersten brennenden Fragen nach dem Titel des Buches und nach den Motiven des Autors.
Jochen Kölsch: Tiere tauchen schon im Titel auf.
Wilhelm Genazino: Der Titel "Wenn wir Tiere wären" beinhaltet einen Grundneid gegenüber den Tieren, nämlich dass sie nicht denken und sich nicht erinnern müssen. Die Taube ist das erste Tier, dann gibt es Elstern, Schwäne, eine Krähe, die einen Schnuller zerhackt, sowie eine Wespe, die sich wie ein Minihubschrauber auf dem Tisch niederlässt.
Jochen Kölsch: Sind Sie ein philosophischer Schriftsteller?
Wilhelm Genazino: Ja, aber ich empfinde auch die Belastungen: Man kann nicht nichts denken.
Jochen Kölsch: Warum wählten sie den Ich-Erzähler?
Wilhelm Genazino: Das ist eines der ältesten Probleme beim Schreiben überhaupt. Die Ich-Form ist die bequemste Form und es geht schnell. Schreibe ich in der dritten Person, fragt sich der Leser ständig, woher weiß der Autor das? Schreibe ich in der Ich-Form, entsteht die ganze Rattenbande von Fragen erst gar nicht.
Jochen Kölsch: Ist der Ich-Erzähler der Autor und steigern Sie sich in eine Person hinein?
Wilhelm Genazino: In der Geschichte des Helden und seiner Jugendliebe Birgit wird die ganze Tiefe dieser trivial erscheinenden Geschichte, die halb-autobiografisch ist, offenbar. Der Neid, dass diese Birgit schwanger ist, ist des Protagonisten schweres Leid. Er hat es selbst nicht schaffen können, Vater zu werden. Darin findet sich ein großes Stück meiner selbst. Erinnerungen, die ich an mich selbst als Kind habe, gehen zurück auf mein Alter als Zweijähriger. Damals ahmte ich wieder und wieder einen Pfarrer nach, das war der Auslöser zur Geschichte des Predigers in meinem Buch.
Jochen Kölsch: Und wer ist der Text?
Wilhelm Genazino: Der Text ist ein Fremder, er wird ein Knoten bleiben. Oft will der Text nicht, aber man treibt ihn so weit hin, man ist in einem Zusammenhang drin, der mindestens bis zum nächsten Tag reicht. Und es ist so: Steht schon wieder eine Seite, bricht darüber eine gewisse Zufriedenheit aus. Das ist ein schönes Erlebnis.
Jochen Kölsch: Wie steht es um das Autobiografische in diesem Roman?
Wilhelm Genazino: Meine Eltern litten ihr ganzes Leben lang unter dem Krieg, wobei diese Unterempfindlichkeit entstand. Mein Vater hatte dabei einen erstaunlichen 'Drive' entwickelt, indem er die grauenvollen Erinnerungen gegenüber seinen Kinder zurückhielt, um sie zu schützen. So hatte er bis in den Tod geschwiegen.
Jochen Kölsch: Wie entsteht daraus eine Überempfindlichkeit des Kindes?
Wilhelm Genazino: Weil das Kind es spürt. Der Vater, der in seiner Stummheit lebt und darin von seiner Frau unterstützt wird, weil die Geschichte der Mutter noch schrecklicher war, hatte diese Schranke errichten müssen. Als Kind dieser Eltern lebte ich in deren wechselseitigen Schweigen. Verstehen konnte das Kind, der Jugendliche, der Heranwachsende erst später. Ich hatte die Eltern beschimpft, weil sei so waren, wie sie waren, da wusste ich es ja noch nicht besser.
Jochen Kölsch: Die Mutter bot keine Hilfe beim Reden lernen?
Wilhelm Genazino: Meine Mutter hatte den Krieg zu Hause mit abertausenden von Toten in den Jahren 1943, 1944, 1945 erlebt. In Mannheim wurden die Menschen von den Engländern zusammengeschossen, weil in der Stadt die Landmaschinenindustrie 'Lanz' angesiedelt war, die Hitler in den Kriegsjahren als Waffenfabrik diente. Das war der Luftkrieg.
Jochen Kölsch: In den ersten zwei Lebensjahren haben Sie das miterlebt.
Wilhelm Genazino: Ja, und Winfried Georg Sebald hat ein Buch über diese Ereignisse geschrieben. Das hätte ich auch gerne geschrieben, aber Selbald ist ja fünf Jahre älter als ich.
Jochen Kölsch: Es schwang im Untergrund aber alles mit?
Wilhelm Genazino: Ja, ich bin im Jahr 1943 geboren, war selbst kein später Kriegszeuge wie W. G. Sebald. Aber es gibt Analytiker, die sagen, dass schon Zweijährige spüren, was in der Gesellschaft um sie herum passiert. Meine Mutter erzählte mir, dass mein erstes gesprochenes Wort Fanderband, was so viel heißen sollte wie Kampfverband, gewesen war. Die Analytiker haben zum Thema deszersetzten Wortes herausgearbeitet, wie es mit dem Verschwinden von Erinnerungen steht. Die Mutter will das Kind in einer orangefarbenen Hose haben, will ihm das aber nicht sagen.
