
- Sagan: Bonjour tristesse - Ullstein
Als 1957 Helmut Schelskys Soziologie der deutschen Jugend unter dem Titel „Die skeptische Generation“ auf den Markt kam, gab es viel Aufregung – und Betroffenheit. Denn Schelsky skizzierte seinerzeit treffsicher eine Generation in all ihrer Skepsis gegenüber jeglicher Ideologie, in der Zurückhaltung gegenüber jeglichem Engagement und in dem Realismus ihres Verhaltens, das sich fundamental von der Jugend der Vorkriegszeit abhob.
Die Krise der Jugend in den 1950er Jahren
Drei Jahre zuvor, 1954, war in Frankreich ein Roman erschienen, der ebenfalls viel Aufregung – und Betroffenheit ausgelöst hatte. Es war ein Roman, von dem der wohlwollende Teil der Kritik sagte, hier werde „in knapper kristallischer Klarheit einem Krisenbewußtsein der Jugend in den 1950er Jahren Ausdruck gegeben, außerdem der bangen Illusionslosigkeit dieser Generation vor einer großen Leere der Zeit, vor dem Werteverschleiß und dem weitgehenden Bankrott der Erwachsenenwelt“. Der Roman, von dem die Rede war, hieß „Bonjour tristesse“, Autorin war die 18 Jahre alte Francoise Sagan. Das Buch wurde in 19 Sprachen übersetzt und erzielte eine Millionenauflage.
Longanesi wagt die Neuauflage in Italien
Die skeptische Generation aus dem Jahrzehnt nach Kriegsende, die illusionslose Jugend von damals – es scheint, als wiederhole sich nach fünf Jahrzehnten dies alles in den Krisenzeiten des 21. Jahrhunderts. Jedenfalls ist der italienische Verlag Longanesi dieser Auffassung, und so hat er sich im Frühjahr 2009 an eine Neuauflage in italienischer Sprache gewagt unter dem Werbespruch: „Diese skandalöse Traurigkeit – nach 50 Jahren.“ Der Verlag ist der festen Überzeugung, dass einerseits unter den lebenden Zeitzeugen von damals noch immer viele sind, die sich ihrer Jugendträume und -nöte hautnah bewusst sind in unseren Tagen, und dass sich andererseits auch eine heutige Jugend in diesem Roman widerzuspiegeln vermag.
Bonjour tristesse: Langeweile und Liebesaffären
Die mit leichter Hand geschriebene Geschichte vermittelt eine ganz besondere Atmosphäre, in der sich das Lebensgefühl einer dem Existentialismus nahe stehenden Jugend ausdrückt. In „Bonjour tristesse“ geht es um reiche Franzosen, die ihre Langeweile durch Liebesaffären zu bekämpfen trachten – wobei sie stets penibel darauf achten, dass ihnen niemand wirklich nahe kommt. Das traurige Fazit des Buches: Sie können ihrer Einsamkeit und der Sinnlosigkeit des Daseins nicht entfliehen.
Es folgte der Roman „Ein gewisses Lächeln“
Francoise Sagan, eigentlich Francoise Quorez, wurde 1935 als Tochter eines französischen Großindustriellen geboren und in Klosterinternaten erzogen. Ihr Prüfungsthema für das Abitur deutete schon vieles an. Es lautete: „Spuren der klassischen Tragödie im wirklichen Leben“. Den Roman „Bonjour tristesse“ verfasste sie als 18-Jährige binnen weniger Wochen. Es folgten weitere Romane, beispielsweise „Ein gewisses Lächeln“ oder „Lieben Sie Brahms?“. Die schnell reich gewordene Autorin wurde – mit ihrer Lebenslust – zur Kultfigur, weit über Frankreich hinaus. Aber sie lebte verschwenderisch, stürzte sich in Schulden, spielte, trank und nahm Drogen. Zwei Ehen scheiterten. So wurde sie das Spiegelbild ihrer Romanfiguren: Sie konnte der Einsamkeit und der scheinbaren Sinnlosigkeit des Daseins nicht entfliehen. Im Jahr 2004 starb Francoise Sagan nach langer Krankheit.
Etliche ihrer Bücher wurden verfilmt. Den Roman „Bonjour tristesse“ verfilmte Otto Preminger mit Jean Seberg, David Niven und Deborah Kerr in den Hauptrollen.
Francoise Sagan: Bonjour tristesse, Ullstein 2008. Broschur, 152 Seiten. Euro 7,95.
Italienische Neuauflage: Longanesi 2009. Paperback, 160 Seiten. Euro 15,50.
