Frankfurter Anthologie Band 34 - Gedichte und Interpretationen

Frankfurter Anthologie Band 34 - S. Fischer Verlag
Frankfurter Anthologie Band 34 - S. Fischer Verlag
Im Band 34 der Frankfurter Anthologie präsentiert Marcel Reich-Ranicki wieder eine gelungene Auswahl deutschsprachiger Gedichte mit Interpretationen.

Johann Wolfgang Goethe ist seit 179 Jahren tot, die meisten seiner Gedichte sind über 200 Jahre alt. Und doch wirken sie kaum angestaubt, erstaunlich jung und mitunter sogar überraschend aktuell. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die drei Gedichte, die im neusten Band der Frankfurter Anthologie enthalten sind. „In tausend Formen magst du dich verstecken“, „Sie saugt mit Gier verräterisches Getränke“ und „Erinnerung“ gehören allesamt nicht zu Goethes bekannten Gedichten, die – wen wundert es – in über 100 Beiträgen längst in der Anthologie interpretiert wurden. Der Fund von Michael Braun etwa („Erinnerung“) ist ein Gelegenheitsgedicht des 80jährigen Goethe, das jedoch genau betrachtet und mehrfach gelesen sehr viel Nachdenkliches über das Leben enthält: „Ebenso unbekümmert wie hintergründig spricht es vom Schmerz der Entfernung und über das Glück der Nähe. Und davon, dass die Erinnerung an eine >>schöne Zeit<< subjektiv und irrtumsanfällig ist.“ Dem Gedicht aus dem „West-östlichen Divan“ („In tausend Formen …“) bescheinigt der Interpret Frieder von Ammon gar, dass wir heute „von der uns darin vorgeführten Möglichkeit einer heiteren Verknüpfung des Westens und des Ostens noch weiter entfernt [sind] als vor zweihundert Jahren.“

Literaturliebhaber Reich-Ranicki hat eine zeitlose Lyrik-Anthologie entwickelt

Marcel Reich-Ranicki, diesem nimmermüden, inzwischen 91jährigen Literaturkritiker und Literaturliebhaber, verdanken wir es, dass er diese Goldstücke der deutschsprachigen Lyrik durch eine Publikation in der Samstagsausgabe der größten deutschen Tageszeitung, der Frankfurter Allgemeinen, hochhält und dank der beigefügten, zeitgemäßen, eingängig zu lesenden Interpretationen in neuem Glanz erstrahlen lässt. Bereits am 15. Juni 1974 startete er dieses einmalige Unterfangen. Als Ziel postulierte er damals sachlich und nüchtern: „Der Dichtung eine Gasse“. Seitdem können wir jeden Samstag ein Gedicht im Feuilleton der FAZ finden, das von einem namhaften Interpreten (Lyriker, Kritiker oder Literaturwissenschaftler) vorgestellt wird. Egal ob aus dem Barock, der Klassik, dem Expressionismus oder der Postmoderne. Alle Epochen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Reihenfolge ist bunt gemischt, nur gelegentlich thematisch gebunden, wie zur Adventszeit oder in einem Schillerjahr.

Jährlich erscheinen die Texte gesammelt und geordnet noch einmal in Buchform

Sobald fünfzig Gedichte samt Kommentar erschienen sind, werden sie gesammelt in Buchform noch einmal veröffentlicht; geordnet nach dem Geburtsjahr des Verfassers. Die ersten dreiunddreißig Bände publizierte der Insel-Verlag, seit diesem Jahr werden sie vom S. Fischer Verlag ebenfalls in gebundener, wohlfeiler Ausgabe mit einem Lesebändchen verlegt. In den nunmehr 37 Jahren hat Marcel Reich-Ranicki nichts an seiner Konzeption verändert. Selbst das Design sowie das Layout der Buchausgabe blieben immer gleich. Der S. Fischer Verlag hat lediglich die Farbe des Leinenbandes geändert, statt in Dunkelbraun erstrahlt das Buch ohne den weißen Schutzumschlag nun in Meeresblau.

Auch im vorliegenden 34. Band findet man neben Goethe wieder zahlreiche Autorinnen und Autoren, die man gemeinhin dort erwartet: Eichendorff, Rilke, Ringelnatz, Benn, Brecht, Huchel, Celan, Mayröcker, Bachmann, Enzensberger. Es werden zwar auch zwei Gedichte von Durs Grünbein („Si me amas“, kommentiert von Joachim Sartorius) und Albert Ostermaier („pur“, kommentiert von Uwe Wittstock) besprochen, doch es gibt keine wirklichen Neuentdeckungen, der Kanon ist sehr traditionell, sprachexperimentelle Lyrik etwa findet man in der Frankfurter Anthologie nicht.

Eine Verjüngungskur bei den Autoren und den Interpreten würde der Frankfurter Anthologie gut tun

Zudem mangelt es deutlich an jüngeren Autorinnen und Autoren. In Band 34 stammen die drei jüngsten Poeten aus den Jahrgängen 1967, 1962 und 1941 – das heißt: nur zwei der noch lebenden Autoren sind unter 70 Jahre alt, unter 45 ist niemand der ausgewählten Lyriker. Hier besitzt die Frankfurter Anthologie noch deutlichen Nachholbedarf, denn die Werke der älteren und verstorbenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller wurden mit der Zeit ausführlich vorgestellt. Inzwischen liegen mehr als 1850 verschiedene Gedichte samt ihrer Interpretation vor. Das Verzeichnis der Interpreten wird deutlich von alten Männern dominiert. Eine Verjüngungskur würde sicherlich andere Blickwinkel und neue Autorennamen mit sich bringen und der Reihe insgesamt gut tun.

Ansonsten hat Marcel Reich-Ranicki eine bestechend zeitlose Konzeption entwickelt und der deutschsprachigen Lyrik damit ein Pantheon geschaffen.

Marcel Reich-Ranicki (Herausgeber): Frankfurter Anthologie. Vierunddreißigster Band. Gedichte und Interpretationen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. gebunden, 317 Seiten. 24,95 €

Henning Heske, Henning Heske

Henning Heske - Henning Heske wurde in Düsseldorf geboren, wo er Mathematik, Geografie und Germanistik studierte, und lebt in Krefeld. Er ...

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