Einige der großen demokratischen Zeitungen waren in der Lage, ihre Sonderposition etwas länger zu behaupten. Obwohl Hitler Frankfurter Zeitung, Berliner Tagblatt und Vossische Zeitung in höchstem Maße verachtete, konnte er sie nicht sofort nach der Machtübernahme verbieten; im Gegenteil, bis zum Verbot der FZ vergingen zehn Jahre. Manche der wichtigeren, größeren Zeitungen versuchten von Zeit zu Zeit, den ihnen dadurch gegebenen Spielraum auszunutzen.
Die führenden Köpfe der Pressepolitik gerieten im Fall FZ in eine Zwickmühle. Einerseits waren die Nationalsozialisten sich des Standpunktes der FZ bewusst. Andererseits jedoch konnte man es sich nicht leisten, den einzigen und im Ausland angesehenen publizistischen Repräsentanten Deutschlands auszuschalten oder noch weiter ideologisch gleichzuschalten.
Das Wort zu dieser Zeit der angestrebten totalen Pressekontrolle "sagte etwas anderes, als es meinte. Es suchte nach Auswegen, es wurde zweideutig, schuf sich einen doppelten Boden, machte halbe Anspielungen, bediente sich des zwinkernden Blickes und des verschwiegenen Lächelns". So fasst Max von Brück die Art und Weise zusammen, in der die Frankfurter Zeitung während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft Kritik zu üben versuchte. Obwohl das Was und auch das Wie für die Artikel vom Propagandaministerium festgelegt wurde. Und dies besonders für die Frankfurter Zeitung. Presseanweisungen enthielten nicht selten den Zusatz, diese Regelung „gilt auch für die Frankfurter Zeitung".
Hohe Auslandsauflage rettet das Bestehen
Die Frankfurter Zeitung hatte die höchste Auslandsauflage unter den deutschen Zeitungen und baute darauf, dass das totalitäre Regime Hitlers die Zeitung aufgrund ihrer Auslandswirkung gesondert behandeln würde. Nach den ersten Wochen offensiver Kritik an der neuen Regierung musste jedoch ein gemäßigterer Kurs eingeschlagen werden, um das Bestehen der Zeitung nicht durch Verbot oder Beschlagnahme zu gefährden. „Verweigerung in der Sprache", damit ist das Fernhalten jeglichen nationalsozialistischen Vokabulars aus den FZ-Artikeln gemeint, lässt die FZ im Dritten Reich aus dem allgemeinen deutschen Presserahmen herausstechen. Manchmal geriet die Redaktion, voran der Berliner Korrespondent Rudolf Kircher, dabei hart an die Grenzen des für die Nationalsozialisten duldbaren.
Dennoch konnte die FZ innerhalb ihrer Sonderstellung ihren jüdischen Mitarbeitern durch befristete Ausnahmegenehmigungen noch eine Zeit lang Schutz bieten. Die Anzahl der Redakteure der FZ stieg 1933/34 erheblich an. In der ehemals liberaldemokratisch denkenden FZ-Redaktion sammelten sich nun alle Varianten von „Nichtnazis". Das politische Spektrum innerhalb der Redaktion reichte von weit links bis zu Katholiken und Liberalen.
Ihr Schicksal lag in dem Gewicht begründet, das sie hatte. Und dieses Gewicht ergab sich aus den allgemein bekannten Positionen, die die FZ durch ihre Geschichte hinweg vertreten hatte, gegenüber einer gebildeten Leserschaft. Diese wusste die Artikel zu deuten. Zeitung und Leser hatten die gleiche weltanschauliche Basis: „Im stummen Gespräch der ‚Frankfurter Zeitung' mit ihren Lesern bestand eine stillschweigende Übereinkunft Gleichgesinnter über den Abstand zum gemeinsamen Gegner".
Das Regime musste versuchen, diese Leser, die der NS-Politik oft kritisch gegenüber standen, unterbewusst zu beeinflussen und zu „erziehen". Die Zeitung selbst hingegen musste ihre Leser weiterhin bedienen und kritisch berichten, wo es möglich war. Diese Kritik spielte sich oft „zwischen den Zeilen" ab. Daher waren für den Staat Nachweise für Verstöße gegen die Anordnungen der RPK oft schwer zu belegen. Dies führte zu einem Katz-und-Maus-Spiel, aus dem im Folgenden überblicksartig berichtet werden soll.
Katz und Maus-Spiel
Die Maus war allerdings von Beginn an die FZ, die Katze verspeiste sie am 31. August 1943, nachdem der Erhalt der Zeitung aufgrund der politischen Entwicklungen unnötig geworden war. Die Rundrufe der RPK, die über das DNB in der Absicht verbreitet wurden, alle deutschen Tageszeitungen schnell zu erreichen und zu instruieren, benötigten auf dem Weg in die Frankfurter Zentrale bis zu drei Stunden. Die Redakteure wussten dies, wurden aus dem Berliner Büro über die Ankunft einer neuen Weisung in den nächsten Stunden informiert, und versuchten, Teile der neuen Ausgabe bereits in den Druck zu schicken. Damit sollte erreicht werden, dass die Weisungen nicht mehr befolgt werden mussten und am nächsten Tag bereits veraltet seien, so dass auf eine nachträgliche Berichterstattung verzichtet werden könnte.
Eine weitere Art von Umgehung der vom Staat instruierten Abläufe stellte die Belieferung des RPMs dar. Die Belegzeitungen aus Frankfurt, die ins Ministerium nach Berlin gebracht werden mussten, wurden beim Umladen in Bebra oft vergessen oder gerieten zwischen die Gleise. Anscheinend wurden die Bahnarbeiter zu dieser Tat „motiviert". Dies hatte zur Folge, dass die Exemplare verspätet (zeitlich nach der morgendlichen Konferenz im RPM) eintrafen und so geringere Aufmerksamkeit erlangten.
