Franz Fühmann: Anna, genannt Humpelhexe

Anna, genannt Humpelhexe - Hinstorff Verlag
Anna, genannt Humpelhexe - Hinstorff Verlag
Franz Fühmanns "Anna, genannt Humpelhexe", illustriert von Jacky Gleich und mit einem Nachwort von Peter Härtling versehen, verzaubert nicht nur Kinder.

Das 2002 neu aufgelegte Buch Anna, genannt Humpelhexe, erschien erstmalig 1981. Die neue Ausgabe wurde mit Illustrationen von Jacky Gleich, vier Porträts von Nora Gleich und einem Nachwort von Peter Härtling versehen.

Fühmanns Märchen Anna, genannt Humpelhexe

In die Hexenschule, "sieben Hasensprünge hinter dem Ende der Welt", geht Anna, ein Hexenmädchen, deren eines Bein länger ist als das andere. Wegen ihres Humpelns wird sie von allen Anna Humpelbein genannt und auch ihre Mutter rät ihr, einfach das längere Bein kürzer hobeln zu lassen. Anna aber möchte ihr Bein genauso lassen, wie es ist und ärgert sich über die bösen Kommentare. So übt sie tags, wenn alle anderen Hexen schlafen, mit dem längeren Bein schneller zu laufen als der Wind und mit dem kürzeren langsamer als eine Schnecke. Sie verrät niemandem etwas von ihren Fähigkeiten, bis sie am Tag des Sportfestes in der Hexenschule am Siebenmeilenstiefelwettlauf teilnimmt - und, zur Überraschung aller, gewinnt. Als sie auch noch die Hexeneltern im Wettkampf ums Langsamlaufen schlägt, kommt ihr die Idee, auf den Händen laufen zu lernen. Sie stellt fest, dass sich, wenn Hexenkinder anders herum laufen, auch die Welt auf den Kopf stellt und einem Ideen kommen, die man sonst nicht haben würde. Der Mathelehrer etwa wird plötzlich zum Schüler, die Schüler zu schimpfenden Lehrern und Anna kommt auf den Gedanken, zum Ende der Welt zu laufen. Am Ende der Welt brennt ein furchtbares Feuer, doch Anna, die auf einem Bein schneller ist als der Wind, läuft einfach hindurch. Vor dem Ende der Welt nun, findet sie zwei Riesen, Brüder, die sich um ihren Wald streiten und sich nur darin einig sind, Anna, deren Freizüngigkeit sie in diese Situation bringt, in das Feuer zu werfen. Anna jedoch kann entkommen und trifft gerade rechtzeitig zum Anbeginn der Nacht wieder zu Hause ein, um von ihrer Mutter Rapunzel geweckt zu werden und zur Schule zu gehen.

Ein Kinderbuch, das Mut macht

Anna, das humpelnde Hexenmädchen, zeigt, wie Mut und Witz es einem Kind, das anders ist, ermöglichen, in seiner Lebenswelt zu bestehen. Die Idee für die Figur lieferte eine behinderte, junge Frau, der Fühmann laut Peter Härtling mit der Geschichte einen Wunsch erfüllt hat. Anna zeichnet sich nicht nur durch ihre körperliche Andersartigkeit aus, sondern auch durch ihre freien Gedanken, ihre offene Kommunikation und ihre Weigerung, sich unterkriegen zu lassen. Sie bietet als gehandicapte Heldin ein Beispiel dafür, dass nicht die Meinung anderer das Leben bestimmen sollte, sondern einzig und allein der respektvolle Umgang mit sich selbst.

Eine Geschichte für Erwachsene

Franz Fühmann, einer der bedeutendsten DDR- und Nachkriegsautoren, wandte sich 1976 zusammen mit vielen anderen Autoren in einem Offenen Brief gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR. Als Folge des Briefes verschärften sich die Unterdrückungsmaßnahmen gegen Künstler und Intellektuelle in der DDR enorm. Für Fühmann bietet das Genre Märchen, wie Peter Härtling in seinem Nachwort andeutet, eine Möglichkeit, den Zwängen der Zensur zu entkommen. So gelingt es ihm, die Wirklichkeit in traumgleiche Bilder zu übersetzen und Zwang und Unterdrückung zu entfliehen. Ein Beispiel für diese Verarbeitung der Wirklichkeit bieten die Riesen, die sich vor dem Ende der Welt um ihren Wald streiten. Allein schon die Überschreitung der Grenze ist für Anna lebensbedrohlich, ebenso wie es für die Bürger der DDR war. Doch auch die Riesen-Brüder, die laut Anna "beide gleich dumm" aussehen, wollen Anna zerstören und stürzen sich nun in Einigkeit auf sie. Manch einer sieht in den beiden Brüdern DDR und BRD, die sich ohne Rücksicht auf die Zerstörung der Welt bekämpfen. Doch auch, wenn man dieser Symbolik nicht folgt, bleibt die Thematik eines geteilten Landes, der Gewalt und der Repression deutlich und macht das Buch auch für Erwachsene zu einer spannenden und lohnenswerten Lektüre.

Quellen:

Franz Fühmann, Jacky Gleich: Anna, genannt Humpelhexe. Hinstorff 2002. EUR 9,90.

Hilmar Grundmann: Deutsche Literaturgeschichte für Lehrer. Heinz 2001.