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Franz Josef Degenhardt - der Liedermacher ist tot

Gemütlichkeit - Polydor
Gemütlichkeit - Polydor
Ein streitbarer Chronist der deutschen Linken und kritischer Begleiter bundesdeutscher Zeitgeschichte.

Das politisch-offizielle Deutschland hat ihn ignoriert; er hat nie eine Auszeichnung erhalten – im Gegensatz zu Wolf Biermann, der sich mit dem Bundesverdienstkreuz schmücken darf. Franz Josef Degenhardt ist am 13. November 2011, drei Wochen vor dem 80. Geburtstag, gestorben. Ohne Orden, aber wohl in dem Bewusstsein, in einer großen Spannweite zwischen 1962 und 2004 (da zog er sich weithin aus der Öffentlichkeit zurück) Generationen kritischer Deutscher in seinen Bann gezogen, aufgeweckt zu haben. Mit seinen scharfen, gezielten und bitteren Attacken gegen die wachsende Stumpfheit und verlogene Biederkeit der bundesdeutschen Kleinbürgerwelt. Im Geleitwort zu seinen zwischen 1963 und 1968 veröffentlichten Balladen heißt es, „eine Poesie der schmerzhaften Wahrheiten wird hier exemplarisch und ohne vermittelndes Beiwerk erprobt. Die bundesdeutsche Pseudo-Idylle wird mit sich selbst konfrontiert“.

„Da frierst Du vor Gemütlichkeit“

Er war ein streitbarer Chronist der deutschen Linken, seine künstlerischen Vorbilder hießen Bert Brecht, Francois Villon und Georges Brassens. Was heißt, das DKP-Mitglied kam nie mit dem demagogischen Holzhammer daher. Biographie und Arbeit dieses Liedermachers spiegeln einen Großteil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wider. Mit einem Fazit, das so heißt wie der Text eines seiner Lieder: „Da frierst Du vor Gemütlichkeit“. Franz Josef Degenhardt, Jurist an der Universität Saarbrücken und parallel zum Beginn seiner Karriere als Barde auch Anwalt Angeklagter aus den Reihen der Außerparlamentarischen Opposition, hat gleichwohl APO- und RAF-Gewaltbereitschaft nie unterstützt. „Ich habe den bewaffneten Kampf hier, in der Bundesrepublik, immer für falsch gehalten“.

Der Wendehals „Horsti Schmandhoff“

Er hat ein politisch Lied gesungen und es war, auch in leisen Tönen, ein garstig Lied. „Franz Josef Degenhardt schaut dem Volk nicht aufs Maul, wohl aber in seine schwarze Seele“, heißt es einleitend auf dem Platten-Cover zu seiner LP „Da frierst Du vor Gemütlichkeit“ aus den Anfängen der 1970er Jahre. Er hat in jene Ecken und Ritzen geleuchtet, in denen die Vorurteile kaum versteckt sind, wo Gier und Eifersucht wuchern. Degenhardt hat die kleinen Familientricks genauso durchschaut wie die großen politischen Neurosen. Er hat den Vorhang weggerissen vom schönen Schein und gezeigt, wo braune deutsche Vergangenheit lauert. Das Lied vom deutschen Wendehals „Horsti Schmandhoff“ ist beredtes Beispiel.

Monotone Melodik – einfache Rhythmen

Die meisten seiner Lieder – beispielsweise „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ – sind auf den ersten Blick beileibe keine Protestsongs, sie gehen mit ihrer scheinbar freundlichen, meist etwas monotonem Melodik, mit ihren einfachen Rhythmen ins Ohr – und verbreiten ihr Unbehagen, ihren prickelnden Schauder erst im Nachhinein. Degenhardts Kunst war es, Wahrheit zu verdichten. Diese Wahrheit, genauer, diese Wahrheiten kamen daher phantastisch verzerrt, sie konnten absurd oder einfach nur verschlüsselt sein. So wie die „Wahrheit“ des unglückseligen italienischen Gastarbeiters „Tonio Schiavo“, der aus dem Mezzogiorno gekommen war und geglaubt hatte, im Paradies gelandet zu sein – „und das liegt irgendwo bei Herne“.

Illustrationen: Gertrude Degenhardt und Horst Janssen

Seine Geschichten, sagte die Kritik vor Jahrzehnten, schienen „aus des deutschen Spießers Wunderhorn“ zu stammen. Dazu passen trefflich die skurrilen Illustrationen seiner Texte, im Buch oder auf dem Plakat. Sie stammten von seiner Schwester Gertrude Degenhardt oder von Horst Janssen.

Weiterführende Informationen: Adelheid und Ulrich Maske: "Das werden wir schon ändern. Franz Josef Degenhardt und seine Lieder". Weltkreis-Verlag Dortmund, 1977

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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