Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“ Das ist es. Ein kurzer, klarer Satz. Endlich, möchte man meinen, nach fast neun Kapiteln und über 200 Seiten. So lange braucht Kafka um es seinen Protagonisten K. Auf den Punkt bringen zu lassen.

Fast ein ganzes Jahr ist es jetzt her, dass K. verhaftet wurden. Seitdem läuft auch sein Prozess. Es ist ein undurchsichtiges, konfuses Verfahren. Dachte er anfänglich noch, alles schnell aufklären zu können, so stellt sich dies allmählich als Irrtum heraus. Egal was er tut, alles scheint sich stets nur zu seinen Ungunsten auszuwirken. Dabei weiß er noch nicht einmal, was ihm überhaupt zur Last gelegt wird. Monatelang stolpert er von einer bizarren Situation in die nächste. Zu Belustigung des Lesers tagt z.B. das Gericht, in dem seine Verhandlung abgehalten wird, im fünften Stockwerk einer Mietskaserne am Stadtrand. Der Untersuchungsrichter, der die Verhandlung leitet, studiert während dieser ein pornografisches Buch.

Probleme beim Lesen

Trotzdem hat man beim Lesen mit Vielem zu kämpfen. Da wären die kleine Mankos. Die unnatürlich gestälzten Sprache etwa. Oder die ewigen Wiederholungen. „Hatte wir das nicht schon?“, möchte man laut ausrufen. Ein gewisses Déjà-vu-Gefühl bleibt, etwa im Falle des Jurastudenten Berthold. Immer wieder, bis zur Erschöpfung, beschreibt Kafka dessen erbärmliche äußere. Der Leser hat dies längst kapiert, doch Kafka wird nicht müde es zu beschreiben. Derartiges geh zu Lasten der Botschaft, die immer stärker in den Hintergrund rückt.

Deutlich schlimmer dagegen: Während Teile der Handlug sich dahinziehen, erscheinen andere Entwicklungen sehr überhastet. Lautete in der Klassik das Credo noch „Natura non facit salto.“ - „Die Natur macht keine Sprünge.“, wandelt K. hier seine Ansichten dermaßen schnell, dass es schon grotesk anmutet. Wie aus dem Nichts heraus hält er vor dem Gericht eine flammende Rede, beschuldigt eine ominöse Organisation und spricht von weiteren unschuldig Angeklagten, obwohl ihn sein Prozess zuvor eher weniger zu kümmern schien und sowohl eine Organisation, als auch andere Angeklagte vorher nie erwähnt wurden.

In wie weit dies von Kafka gewollt war ist jedoch fraglich. Schließlich handelt es sich hier um ein Fragment. Eine fundierte Interpretation ist so nur begrenzt möglich, da sie sich stets auf dünnem Eis bewegt. Ähnliches gilt für Charaktere wie Hauptmann Lanz oder den Sohn des Hausmeisters, die auftauchen und sofort wieder verschwinden. Den Leser lassen sie ratlos zurück. Hat er ihren Sinn nicht verstanden, oder hatten sie gar keinen?

Positiven Aspekte

Lesefreude indes kommt nur selten auf. Ein paar Absurditäten lassen einen wirklich schmunzeln, z.B. wenn K. vorgibt einen Tischler namens Lanz zu suchen, während er in der Mietskaserne das Gericht sucht und dies in einem chaotischen Verwirrspiel endet: „Viele glaubten, es liege K. sehr viel daran, den Tischler Lanz zu finden, dachten lange nach, nannten einen Tischler, der aber nicht Lanz hieß, oder einen Namen, der mit Lanz eine ganz entfernte Ähnlichkeit hatte, oder sie fragten bei Nachbarn oder begleiteten K. zu einer weit entfernten Tür, wo ihrer Meinung nach ein derartiger Mann möglicherweise in Aftermiete wohne oder wo jemand sei, der bessere Auskunft als sie selbst geben könne.“ (S.41) Das Durcheinander in der Mietskaserne ist hier wirklich greifbar.

Ebenfalls überzeugen können vor allem die Teile des Romans, die durch ihre für Kafka typische, düstere und geheimnisvolle Atmosphäre brillieren. Kafkaesk nennt man diesen Schreibstil, mit dem der Schriftsteller sich unsterblich machte und es 1973 sogar in den Duden schaffte. Die Kapitel Der Prügler und Ende sind solche Teile. Sie lassen kurz das Genie erahnen, zu dem Kafka oft erklärt wird, etwa wenn K. kurz vor seiner Ermordung glaubt das längst aus der Geschichte verschwundene Fräulein Bürstner zu erblicken. Längst ist jede Hoffnung aus ihm gewichen. Sein Scheitern ist gewiss. Das Ende determiniert. Das Absurde weicht zunehmend dem Dramatischen, ohne jedoch ganz auf Ironie oder gar Paradoxie zu verzichten. „Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.“ Doch selbst der Schluss verschenkt einen großen Teil seines Kapitals. Der Untergang des Protagonisten lässt einen weitgehend kalt. Zu wenig bot Kafka seinem Leser die Möglichkeit sich in den Charakter hineinzuversetzen. Wobei das wohl auch Kafkas Literaturverständnis widersprochen hätte.

Fazit

Was bleibt also von dem vielleicht berühmtesten Werk des Prager Autoren? Wie alle seine Werke ist es wohl vor allem der Versuch Kafkas, persönliche Eindrücke aufzuarbeiten. Sei es die göttliche Willkür, eine Kritik am Unrechtssysthem Österreich-Ungarns oder auch eine Selbstreflexion nach der Trennung von seiner Verlobten Felice Bauer. Auf diese Weise mag das Werk seinen Zweck erfüllt haben. Als Roman dagegen taugte es eher weniger. Zu verworren, zu abstrus, zu gekünstelt wirkt alles. Auch die Tatsache, dass er nie vollendet wurde, wirkt sich, anders als bei berühmte Fragment wie Büchners Woyzeck, sehr zum Nachteil des Werkes aus. Kafka selbst erkannte dies vielleicht, als er verfügte das Fragment zu verbrennen. Ungeachtet dessen machte sein Freund Max Brod es dann doch 1925 der Öffentlichkeit zugänglich. Und damit ist das Werk dann wohl auch weniger ein Paradebeispiel für gelungen Literatur, als für gelungene PR. Denn die Geschichte, die hinter dem Werk steht ist weitaus spannender als das Werk selbst.

Die durchaus interessanten Themen, die der Roman behandelt wurden in Kafkas anderen Schriften definitiv besser verarbeitet und, um den Kreis nun zu schließen, vor allem auf den Punkt gebracht. Der Determinismus des eigenem Lebens z.B. in Kleine Fabel, das Verfolgen und Bestrafen eines Unschuldige in Der Schlag ans Hoftor und die Undurchdringlichkeit einer höheren Instanz in Die Kaiserliche Botschaft. Die genannten Parabeln zusammen hätten auf zwei, drei Seiten gepasst. Der Prozess dagegen erstreckt sich auf 223.

Die heutige Berühmtheit hat Der Prozess sicherlich nicht verdient. Auch Kafka wird sie nicht gerecht, da sie sein restliches Schaffen im Nachhinein abwertet. In soweit hat Brod ihm hier einen echten Bärendienst erwiesen.

Der Prozess ist u.a. bei Ferdinant Schöningh erschienen und kostet etwa sieben Euro. Etwas billiger ist die 250 seitige Reclam-Variante, die bei Amazon 5,00€ kostet. Auch eine kostenlose Kindl-Edition ist erschienen.