
- Von gesteigerten Triebhaftigkeit gesteuert - Bernd Boscolo/pixelio.de
In den Prozessen gegen Hexen spielte neben den anderen Anschuldigungen auch die Sexualität eine große Rolle. Die weibliche Lust erschien den mehr oder weniger frommen Männern als Werk des Teufels. Jacob Sprenger und Heinrich Institoris, die Autoren des „Hexenhammers“ (1487), eines Werkes, das die Priester tüchtig in den Kirchen vorlasen, gingen davon aus, dass die Frau „von einer ins Ungeheuere gesteigerten sexuellen Triebhaftigkeit“ gesteuert wurde. Dahinter mussten sich zwangsläufig die unnatürlichen Mächte verstecken.
Was fürchteten die Männer?
Hinter solch ungeheueren Vorstellungen versteckten sich bestimmt enorme Ängste. Denn je größer das ausgemalte Ungeheuer, desto mächtiger die Furcht. Was fürchteten jedoch die Hexen jagenden Männer? Vor allem, dass sich die Frau ihrer Herrschaft entzieht, indem sie ungehorsam und untreu wird. Deshalb „konstruierten“ sie das Bild der Hexe - vom Teufel verführt und gesteuert. Die Hexe handelte somit nicht eigenständig; sie war dem Satan hörig. Trotzdem musste sie sich vorm Gericht verantworten; dort hatte sie eigentlich keine Chance. Meist landete sie dann auf dem Scheiterhaufen. Die Frage der Schuldfähigkeit stellte sich damals niemand.
Der Mann genoss eine bequeme Position und konnte angeblich nichts dafür, dass er untreu wurde. Als ein von der Hexe Verführter durfte er die Verstöße gegen die Treue immer entschuldigen. Nicht vor der eigenen unterlegenen Ehefrau natürlich. Dies brauchte er nicht zu tun. Sondern vor dem Umfeld. Der Mann stilisierte sich also zum Opfer: Er wurde von der Teufels Braut verhext und deshalb als ein leidender Unschuldiger zu betrachten. Das männliche Geschlecht fürchtete nicht nur die Hexen. Genauso zitterten die Männer in den Viagra-freien Zeiten vor Impotenz. Auch für diese Furcht sollte die Hexe büßen. Die weibliche Lust wurde verpönt. Ihre „sexuelle Gier“ sollte die Hexe nur mit dem Teufel ausleben dürfen. Aber auch in diesen Momenten agierte sie nicht als aktives Individuum, sondern als Objekt der Begierde und Wünsche des Teufels. Dies geschah im Sinne der christlichen Morallehre: Eine Frau durfte beim sexuellen Akt nur eine passive Rolle spielen.
Missionarsstellung mit dem kalten Teufel
Über das Treiben mit dem Teufel erfahren wir nichts Aufregendes. Laut alten Überlieferungen wurde der sexuelle Verkehr mit dem Satan meist in der „Missionarsstellung“ vorzogen. So schlief im Jahre 1587 die verwitwete Hebamme Walpurga Hausmännin angeblich mit dem „bösen Geist“. In der zweiten Nacht verschrieb sie sich mit ihrem Blut den höllischen Mächten. Der Teufel brannte ihr daraufhin unter der Achsel sein Teufelsmal. Sie musste mit ihm an öffentlichen Plätzen Unzucht treiben, an einer Gabel reiten und Mutter Gottes als eine „hässliche Dirne“ beschimpfen. In vielen Berichten erscheint der Teufel als ein lausiger Liebhaber. Er sollte kalt und grob gewesen sein: „the act brings them no pleasure but rather horror“ – die Hexe erwartete kein Genuss sondern Horror.
Lust ohne Freude
Das angebliche Sexualverhalten der Hexen widersprach den moralischen Vorstellungen des Christentums. Sonst unterschieden sich die Teufelsbräute kaum von den ehrbaren Frauen und bestritten ihren Alltag auf gleiche Weise. Im „Hexenhammer“ liest man wiederholt über die fleischliche Lust und die sexuelle Unersättlichkeit des weiblichen Geschlechts. Eine gute Frau besiegte ihre fleischliche Begierde. Die Hexen dagegen sollten über eine große sexuelle Gier verfügen, daher ließen sie sich mit dem Teufel ein. Sexuelle Freude oder Befriedigung wurde ihnen jedoch nicht gegönnt. Arme Hexen!
Bildnachweis: Bernd Boscolo/pixelio.de
Zitate und Quelle: Helga Pregesbauer, Irreale Sexualitäten. Erhard Löcker GesmbH, Wien 2009. 300 Seiten.
