Für Frauen, die in Armut lebten, war das Zurechtkommen in der frühen Neuzeit noch viel schwieriger als für arme Männer. Generell hatten Frauen der Unterschicht nur wenige Möglichkeiten: Als Wäscherinnen, Näherinnen, Dienstbotinnen oder Hökerinnen konnten sie sich zwar ein geringes Auskommen erwirtschaften, verdienten dabei allerdings 30-50% weniger als Männer, die eine vergleichbare Tätigkeit ausübten.
Hoher Frauenanteil in der ärmsten Bevölkerungsschicht
Die Angst vor dem sozialen Abstieg war für die Frauen der Unterschicht allgegenwärtig. Wenn der Mann erkrankte oder starb, waren sie vollkommen auf sich allein gestellt und mussten meist noch für Kinder sorgen. Eine Arbeit auszuüben, mit der sie ihre Familie ernähren konnte, war so gut wie unmöglich. Einmal in der Armut gefangen, war es für die Frauen nur schwer schaffbar, wieder einen besseren Lebensstandard zu erreichen. So erklärt sich unter anderem auch, dass der Anteil an Frauen der ärmsten Bevölkerungsschicht in den meisten Städten sehr hoch war. Das Straßburger Armenprotokoll von 1523 verzeichnete 69% Frauen, in Luzern waren es 1579 sogar 85% und selbst noch Anfang des 19. Jahrhunderts waren es beispielsweise in Schaffhausen 75%. Als bedürftig galten Waisen, Witwen, kranke, alte und schwache Frauen. Ihnen war es zumindest erlaubt, Almosen zu erbitten, und sie galten als "wahre Arme", denen zu geben der christliche Glaube gebot.
"Unehrliche Arme" und unerlaubte Bettelei
Anders erging es den "unehrlichen Armen": Den Frauen, die aus anderen Gründen in Armut geraten waren, aber als arbeitsfähig eingestuft wurden, war es verboten, in den Städten zu betteln. Für sie war das Risiko, von der Amtsgewalt erwischt zu werden, eine ständige Bedrohung - als Strafe folgte in vielen Fällen die Ausweisung aus der Stadt. Um trotzdem Almosen erbitten zu können, wandten viele Bettlerinnen einfallsreiche Tricks an. Einige täuschten Krankheiten vor, indem sie mit Hilfe von Tierinnereien, Schmutz und anderem vorgaben, Wunden oder Pusteln zu haben. Andere banden sich Gliedmaßen ab, um entstellt zu wirken. Viele versuchten auch mit verschiedenen Bündeln vorzugeben, gerade ein Kind geboren zu haben, denn als Wöchnerinnen war es ihnen gestattet, vor der Kirche sitzend um Almosen zu bitten.
Prostitution
Viele Frauen sahen die einzige Alternative zum Verhungern in der Prostitution. Heimatlose zogen Märkten, Messen oder dem Heer nach und konnten sich so zumindest ein relativ gesichertes Auskommen schaffen. In den Städten dagegen wurden besonders junge Frauen - das durchschnittliche Einstiegsalter betrug 17 Jahre - vielfach in die Prostitution gezwungen. Auch Mädchen vom Land wurden verschleppt und an die Bordelle in der Stadt verkauft. In ihrer ausweglosen Lage gerieten sie durch falsche Versprechungen in die Hände von Zuhältern, die den Frauen so gut wie nichts zahlten und sie auch sonst häufig sehr schlecht behandelten. Zudem hatten die Frauen mit ungewollten Schwangerschaften zu kämpfen, sodass viele Kinder ausgesetzt oder sogar getötet wurden. Auch missglückte Abtreibungen stellten ein hohes Risiko dar, hinzu kam die tägliche Gefahr, sich mit einer Geschlechtskrankheit zu infizieren.
Hunger und Hoffnungslosigkeit und geteiltes Leid
Frauen ohne festen Wohnsitz schlossen sich zum Teil in kleinen Gruppen zusammen, um mehr Schutz zu haben und sich gegenseitig zu unterstützen. Sie zogen umher und lebten von kleineren Diebstählen, Wahrsagerei, Bettelei oder dem Verkaufen selbst hergestellter Waren. In den Städten waren diese Gruppen von Bettlerinnen nicht gern gesehen, da sie als "unehrlich" galten und die Bürger abschreckten. Für umherziehende Frauen stellte sich jeden Tag erneut die Frage, ob sie und ihre Kinder am Ende des Tages satt werden würden. So ist das am häufigsten verzeichnete Delikt der Diebstahl von Nahrung.
Das Leben in Armut war für die Frauen nicht nur körperlich und finanziell schwer zu bewältigen, sondern auch die psychische Belastung war enorm. Viele gaben die Hoffnung auf ein besseres Leben auf und stürzten sich in die Verzweiflung. Anders als bei Männern der ärmsten Bevölkerungsschicht ist die Selbstmordrate allerdings deutlich niedriger als bei armen Frauen, da diese Angst hatten, ihre Kinder sich selbst zu überlassen.
Quellen:
- Boehncke, Heiner/ Johannsmeier, Rolf: Das Buch der Vaganten. Spieler, Huren, Leutbetrüger. Köln, 1987
- Rheinheimer, Martin: Arme, Bettler und Vaganten. Überleben in der Not 1450 – 1850. Frankfurt am Main, 2000
