Frauen und Kleriker im Mittelalter

Eine Frau, die weiß, was sie will - Thomas Max Müller/pixelio.de
Eine Frau, die weiß, was sie will - Thomas Max Müller/pixelio.de
Das ausgehende Mittelalter kannte eine weit umfassendere sexuelle Freiheit als die spätere Zeit. Das änderte nichts am frauenfeindlichen Bild der Kleriker.

Den theologischen und klerikalen Argwohn gegen die Frau gab es nicht nur im Mittelalter, er ist uralt. In einigen klerikalen Kreisen galt die Frau als "sündiges Tier“. Dabei war das Mittelalter in sexuellen Dingen, wie auch bei anderen Themen, etwa den Tischsitten, noch nicht der Prüderie späterer Jahrhunderte verfallen. Die Familie, einschließlich Dienerschaft, schlief nackt in einem einzigen Zimmer. Das sexuelle Vokabular war sehr umfangreich und derb. Die Jugend von damals hatte keine besondere Aufklärung nötig, sie lernte diesbezüglich von den Erwachsenen, praktisch in unmittelbarer Anschauung.

Das änderte aber nichts in der Ansicht des ersten Standes im Lande den Frauen gegenüber: den Geistlichen. Sie hegten seit jeher eine Frauenfeindlichkeit (Misogynie). Diese Grundhaltung fängt an im Alten Testament. Sie äußerst sich jedoch speziell durch den Apostel Paulus in seinen Briefen. Wenn er etwa den Frauen in den Gemeindeveranstaltungen verbietet zu reden und ermahnt, ihren Ehemännern gegenüber gehorsam zu sein.

Sie äußert sich weiter durch die Kirchengelehrten Tertullian (er schmähte die Frau als "Pforte des Teufels“), Ambrosius und Hieronymus (beide priesen die Jungfräulichkeit: "Ein Übel vergleicht man nicht mit dem Guten. Mögen die verheirateten Frauen also ihren Stolz darin finden, hinter den Jungfrauen zurück zu stehen“). Diese frommen Kirchenmänner sahen sich in ihrer aufgezwungenen Keuschheit stetigen Angriffen durch die Verführungskünste der Frau ausgesetzt. Entsprechend war ihre Haltung ihnen gegenüber.

Ein niedrig Wesen voller Trotz und Gift

Die Misogynie des 14. und 15. Jahrhunderts brachte auch die Ehe in Misskredit, die mit unterschiedlicher Begründung abgelehnt wurde. Suspekt war sie gewissen theologischen Autoritäten schon immer gewesen. Seit den Anfängen des Christentums schon, dass das patriarchalische Erbe des Judentums und der griechisch-römischen Antike übernahm.

Es gab in den beiden Jahrhunderten des Spätmittelalters endlose antifeministische Schmähschriften und Litaneien. Eine voll der Bosheit ist die von Enea Silvio Piccolomini, der als Pius II. (1458-1464) später Papst wurde. Er schrieb über die Frau:

"Ein niedrig Wesen voller Trotz und Gift,/ grausam und stolz, das nach Verrat nur trachtet,/ vernunftlos nicht Gesetz noch Glauben achtet .../ unstet und flatterhaft, gemein und ränkisch,/ ein böses Schandmaul, gleißnerisch und zänkisch,/ voll Missgunst, Ungeduld, voll Lug und Trug/ und leicht betört, hat es an nichts genug./ Ihr höhnisch kecker Gier- und Lästermund/ macht stets die freche Kuppelhexe kund.“

Die Tücke der Weiber

Ein anderer frauenfeindlich eingestellter Zeitgenosse des Papst Pius' II. war der Dichter Eustache Deschamps (gestorben 1406). Er schildert die Enttäuschungen des Ehelebens und die Tücke der Weiber, die alle Ehemänner an der Nase herumführen und betrügen, sich widerwärtig aufführen und mit maßlosen Ansprüchen und zänkischem Wesen das Zusammenleben unerträglich machen. Er schreibt in seinem "Miroir du Mariage“,der zwölftausend Verse umfasst:

"Wer heiratet ist von Sinnen. Die Ehe ist eine Hölle, ganz gleich, wer und welchen Standes die Frau auch sei.“ Er geht sogar so weit, zu behaupten, dass "mit der Schönheit der Frau der Irrsinn und das Verderben des Mannes beginnt.“ "Wer ein Weib zu hüten hat, findet keine Stunde Ruhe. Ein Weib haben heißt Trübsal blasen. Wer der Ruh sich will bequemen, der hüte sich ein Weib zu nehmen.“ Auch Ratschläge weiß der Dichter zu erteilen: "Erlaub dem Weib um keinen Preis der Welt, dass seinen Fuß es auf den deinen stellt. Denn hast du es dem sünd'gen Tier erlaubt, stellt es den Fuß dir morgen schon aufs Haupt.“

Eine mutige Frau ihrer Zeit tritt gegen die Geistlichen an

Diese antifeministische Strömung provozierte vereinzelt auch eine Gegenbewegung. Christine de Pisan (1365-1430), die als Witwe von ihrer Hände Arbeit leben musste, war vielleicht das erste Beispiel einer freien und nicht zuletzt erfolgreichen Schriftstellerin. In ihrem bekanntesten Werk "Le Livre de la Cité des Dames - Das Buch von der Stadt der Frauen", trat sie geistreich und temperamentvoll für die Sache der Frauen ein. Nicht zuletzt gegen die Geistlichen, die die Frauen mit Schmach überhäuften, aber noch nie einem weiblichen Teufel begegnet sind und nie einer Frau, die mordet, schindet, brandschatzt und Völker unterdrückt.

Christine de Pisan hatte so gut wie alle Welt gegen sich, allen voran die Pariser Universität, die für den Autor des Rosenromans (der Roman löste die erste Literaturdebatte in Frankreich aus) Partei ergreift, unterstützt von zahlreichen Gelehrten.

Die Zwiespältigkeit im 15. Jahrhundert

Die Kirche in jener Zeit stimmte den Cantus firmus der Misogynie an. Damit bezeugte sie die Zwiespältigkeit des 15. Jahrhunderts: Auf der einen Seite eine beträchtliche Freiheit des Ausdrucks und des Verhaltens in sexuellen Dingen, auf der anderen ein erbitterter Frauenhass, der die Frau für die "große Hure“ der Apokalypse hält und ihr gegenüber eine panische Berührungsangst entwickelt, als sei sie ein unheilbringendes, ja teufliches Wesen. Auch die späteren Jahrhunderte haben daran bei den Geistlichen wenig geändert.

Bildnachweis: © Thomas Max Müller/ pixelio.de

Annelore Poljasevic, Annelore Poljasevic

Annelore Poljasevic - Ich bin 1952 im mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber geboren und habe (weil es sich so ergeben hat) den nüchternen Beruf der ...

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