Fred Vargas: Die schwarzen Wasser der Seine

Rezension der Kurzgeschichten um Kommissar Adamsberg

Fred Vargas: Die schwarzen Wasser der Seine - Aufbau-Verlag
Fred Vargas: Die schwarzen Wasser der Seine - Aufbau-Verlag
In drei Geschichten lässt Fred Vargas ihren beliebten Kommissar Adamsberg ermitteln und verkürzt dem Leser damit die Wartezeit auf einen neuen Roman.

"Die Nacht der Barbaren" nennt Kommissar Adamsberg Weihnachten. Seiner Theorie zufolge geschehen an Weihnachten mehr Morde als sonst im Winter, das falle aber nicht auf, da die Toten erst nach den Feiertagen entdeckt werden. Auch in diesem Jahr wird die Theorie des Kommissars bestätigt. Nachdem er ein ruhiges Weihnachtsfest auf der Polizeiwache verbracht hat, wird am Morgen des 27. Dezember die Leiche einer Frau aus der Seine geborgen. Sie muss schon am Weihnachtsabend gestorben – oder nach Adamsbergs Ansicht vielmehr in die "schwarzen Wasser der Seine" gestoßen worden – sein. Und er liegt auch mit dieser Vermutung richtig.

In "Salut et liberté" hat sich ein Stadtstreicher ausgerechnet auf der Bank gegenüber dem Polizeikommissariat niedergelassen und scheint sich dort mit einer Stehlampe sogar häuslich einzurichten. Insbesondere Capitaine Danglard ist der Clochard ein Dorn im Auge, er ist bei seinem Anblick regelrecht verstimmt. Doch Kommissar Adamsberg ist überzeugt, dass seine Anwesenheit einen Grund hat und mit einem anonymen Brief zusammenhängt, den er vor kurzem erhalten hat.

Die letzte Geschichte des Sammelbandes handelt von einem Schwammverkäufer, der den Mordanschlag auf eine Frau im Pelzmantel beobachtet hat. Doch er weigert sich, eine Beschreibung des Täters bei der Polizei abzugeben, sondern beschäftigt sich mit den Absatzmöglichkeiten seiner Schwämme, die er für "Fünf Francs das Stück"verkaufen möchte. Kommissar Adamsberg versteht den Schwammverkäufer und versucht, eine Lösung für sein Problem zu finden – und eine Aussage zu bekommen.

Die Charaktere als Mittelpunkt der Geschichten – Adamsberg und Danglard

Vor allem in den letztgenannten Geschichten stehen weniger die Handlung als die Charaktere im Vordergrund. In ihren Roman hat Fred Vargas eindrucksvoll bewiesen, dass sie die Kunst der Figurenzeichnung beherrscht. Ihre originellen Charaktere bevölkern einen eigenen Mikrokosmos in Paris, in dem die drei Evangelisten und der ehemalige Inspektor des Pariser Innenministeriums Louis Kehlweiler ebenso einen Platz haben wie der mittlerweile populärere Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg.

Adamsberg ist in den Pyrenäen aufgewachsen und seiner wilden Heimat sehr verbunden. Sein kriminalistischer Spürsinn ist in der französischen Polizei legendär, seine Arbeitsmethoden bestehen aus langen Spaziergängen, intensivem Nachdenken und vor allem einer außergewöhnlichen Geduld. Seine Intuition lässt ihn bisweilen genial erscheinen, aber er ist auch selbstherrlich und eigenmächtig.

In der Geschichte "Salut et liberté" wird sein Einfühlungsvermögen deutlich. Er wurde durch mehrere anonyme Briefe auf ein bislang unentdecktes Verbrechen aufmerksam gemacht, doch ihm fehlen weitere Anhaltspunkte. Stoisch beobachtet er deshalb seine Umgebung und spürt, dass der Clochard auf der Bank mit dem Fall in Verbindung steht.

Sein kongenialer Widerpart ist in dieser Geschichte wie in den Romanen sein unverzichtbarer Kollege Adrien Danglard, der die Fälle rational betrachtet und an Beweise glaubt. Für den kultivierten Polizisten ist der Obdachlose auf der Bank schlichtweg ein Ärgernis, aber zu seinem Leidwesen weiß er, dass sich Adamsbergs Ahnungen oft als richtig erwiesen haben.

Die Besonderheiten einer Kurzgeschichte

In ihren Romanen führt Fred Vargas langsam in die Geschichte ein und entwickelt das Sujet sowie die Charaktere erzählerisch sorgsam. Oftmals sind die Charaktere der Handlung gleich-, bisweilen sogar übergeordnet. Aber in einer Kurzgeschichte hat die Autorin nur wenig Raum, Figuren und Handlung gleichermaßen zu entfalten. Deshalb ist hier eine starke erzählerische Konzentration erforderlich, und die Schwächen der Plots fallen sofort ins Auge.

Bei den drei Geschichten in diesem Sammelband sind insbesondere die Auflösungen der Krimihandlungen entweder unvermittelt wie in "Salut et liberté"oder konstruiert wie in "Die Nacht der Barbaren". In den Geschichten werden kleine, amüsante Begebenheiten aus dem Polizeialltag erzählt, die hauptsächlich der Weiterentwicklung der Figur des Kommissars Adamsberg dienen. Dadurch drängt sich der Eindruck auf, die Geschichten haben als Randgeschehen in den Romanen keinen Platz gefunden, sollten aber dennoch veröffentlicht werden.

Gleichwohl verfügt Fred Vargas über einen subtil-humorvollen Erzählstil, eine poetische Sprache und ein hervorragendes Gespür für Menschen, so dass die Geschichten kurzweilig und unterhaltsam sind. Vor allem Vargas-Kenner werden sich an den psychologischen Spielchen des Kommissars, Danglards beleidigten Empfindungen und anderen Einfällen erfreuen. Deshalb eignen sich die Geschichten auch zur Verkürzung der Wartezeit auf ihren nächsten Roman – aber ein Meisterwurf sind sie nicht.

Fred Vargas: Die schwarzen Wasser der Seine. Aufbau-Verlag 2007. Broschiert, 160 Seiten. Euro 8,95.

Sonja Hartl - Als freie Kritikerin, Autorin und Redakteurin lese, arbeite und lebe ich in Bonn.

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