Fred Vargas - Eine kurze Biografie

Porträt der Autorin: Wer steckt hinter dem berühmten Pseudonym?

Fred Vargas - Jo Vargas
Fred Vargas - Jo Vargas
Die erfolgreiche französische Krimi-Autorin spricht selten über ihr Privatleben und ihre Familie, doch die Spuren ihrer Kindheit finden sich auch in ihren Romanen wieder.

Die von „Le Figaro“ gekürte „Königin der französischen Kriminalliteratur“ ist nicht nur in literarischer Hinsicht, sondern auch für Marketingexperten ein Phänomen. Ihre Romane werden gefeiert und ausgezeichnet, sie stehen lange auf den Bestsellerlisten, und die zumeist einhellig begeisterte Kritik attestiert eine „Magie Vargas“. Dennoch ist über die französische Autorin nur wenig bekannt.

Vargas und eine Kindheit in Paris

Fred Vargas gibt nur selten Interviews und achtet sehr auf ihre Privatsphäre. Daher sind nur wenige biografische Details aus ihrem Leben bekannt. Geboren wurde sie unter dem Namen Frédérique Audoin-Rouzeau im Jahr 1957 in Montparnasse, dem Schauplatz ihres vielleicht berühmtesten Krimis „Fliehe weit und schnell“. Ihre Mutter war Chemikerin, ihr Vater ein Surrealist und Kulturjournalist. In diesem intellektuell anspruchsvollen Umfeld wächst sie mit einem Bruder und ihrer Zwillingsschwester Joëlle auf. Nach eigener Aussage haben ihre Schwester und sie schon als Kinder viel gemalt und geschrieben. Aber die Bilder ihrer Schwester waren stets besser, deshalb ist Joëlle Malerin geworden – und für Frédérique blieb die Schriftstellerei.

Reale Vorbilder für ihre Romanfiguren

In ihren Kriminalromanen kehren Fred Vargas’ Eltern auf vielfältige Weise wieder. Während ihre Mutter wohl vor allem in der Figur der Meereskundlerin Mathilde wiederzufinden ist, ist ihr Vater die Inspiration für die Rolle der Kunst in den Romanen um Louis Kehlweiler, für die Intellektualität eines Danglard und natürlich für Lieutenant Veyrenc, der in „Die dritte Jungfrau“ in Alexandrinern spricht. Auch ihr Bruder Stéphane, ein bekannter Wissenschaftler, hat Eingang in die literarische Welt seiner Schwester gefunden. Er ist Vorbild für Lucien Devernois, dem Weltkriegsspezialisten der drei Evangelisten. Ihrer Zwillingsschwester Joëlle ist angeblich Adamsbergs große Liebe Camille nachempfunden.

Das Geheimnis des Pseudonyms Fred Vargas

Fred Vargas hat eine enge Verbindung zu ihrer Schwester, mit der sie noch heute zusammenwohnt und ein Atelier teilt. Die Künstlerin Joëlle signierte ihre Bilder stets mit dem Namen Jo Vargas, einer Kurzform ihres Vornamens und dem Nachnamen der Rolle von Ava Gardner in „Die barfüßige Gräfin“. Deshalb schien es für Frédérique folgerichtig, als Pseudonym die Kurzform ihres Vornamens und denselben Nachnamen zu verwenden.

Der Hauptgrund für das Schreiben der Romane unter einem Pseudonym liegt indes woanders. Mit 28 Jahren hatte die studierte Zoologin und Archäologin schon ein Standardwerk über die Pest veröffentlicht und gerade ihre Arbeitsstelle beim renommierten Centre National de Recherche Scientique begonnen. Ihr Forschungsgebiet war das Alltagsleben im Mittelalter mit dem Spezialgebiet der Interpretation von Tierfunden. Sie stand am Anfang einer vielversprechenden wissenschaftlichen Karriere, die sie nicht mit dem Schreiben von Kriminalromanen gefährden wollte.

Der Beginn der literarischen Karriere

Ihren ersten, nicht auf deutsch erschienenen Roman „Les jeux de l’amour et de la mort“ begann sie an einem Abend nach anstrengenden Ausgrabungsarbeiten in der Normandie. Er wurde 1986 auf dem Krimi-Festival in Cognac ausgezeichnet, wo sie die Veröffentlichung des Romans gewann. Danach geriet ihre Schriftstellerei ins Stocken, ihre Manuskripte wurden abgelehnt und Fred Vargas beschloss, mit dem Schreiben aufzuhören

Der Durchbruch mit „Es fährt noch ein Zug von der Gare du Nord“

Schon das Erscheinen ihres Romans „Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“ hatte unter keinem guten Stern gestanden. Der Verlag, der das Buch angenommen hatte, ging vor dem Erscheinen pleite. Also wurde das Buch zwar verlegt, aber nie verkauft. Jahre später fiel es der Verlegerin Vivianne Hamy zufällig in die Hände. Sie hatte gerade ihren eigenen Verlag gegründet und war von dem Buch gerade deshalb begeistert, weil es anders war als die übliche Kriminalliteratur. Deshalb wollte sie es auf jeden Fall herausbringen. Sie überzeugte Fred Vargas und zog 1995 mit Koffern durch Paris, um die Buchhandlungen vom Verkauf des Krimis zu überzeugen. Am Ende des Jahres freuten sich Verlegerin und Autorin über 2000 verkaufte Exemplare. Dabei verfolgte Vivianne Hamy eine wenig spektakuläre, dafür aber letztlich sehr erfolgreiche Marketingstrategie: Sie setzte voll und ganz auf Mundpropaganda. Denn sie war überzeugt, dass Fred Vargas mit Leserempfehlungen zu Erfolg kommen wird.

Der weltweite Erfolg der Fred Vargas

Die große Resonanz bei Publikum und Kritik setzte aber erst mit „Die schöne Diva von St. Jacques“ im Jahr 1999 ein. Fred Vargas gewann erneut einen Krimi-Preis und wurde dadurch bekannter. Auch die Verkaufszahlen stiegen kontinuierlich an, allein „Fliehe weit und schnell“ stand in Frankreich fünf Jahre auf den Bestsellerlisten. Sie bekam weitere Auszeichnungen, und ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Nach Deutschland kamen ihre Romane durch einen Zufall. Eine Lektorin hatte einige Kurzgeschichten der Autorin in einer Zeitung gelesen und wollte sie näher kennenlernen. Im Jahr 2003 erschien schließlich „Es fährt noch ein Zug von der Gare du Nord“ in deutscher Sprache.

Sonja Hartl - Als freie Kritikerin, Autorin und Redakteurin lese, arbeite und lebe ich in Bonn.

rss