Es ist der 20. April 1992 und spät nachmittags im Londoner Stadtteil Wembley. Über dem gleichbenannten Stadion schwebt ein Hubschrauber und gibt eine Sicht aus der Vogelperspektive auf die sich darin befindenden siebzig tausend Menschen. Unten erklingt majestätisch der erste Takt zu Metallicas „Nothing Else Matters“ und den Fernsehzuschauer beschleicht das Gefühl, dass tatsächlich an diesem Tag nichts anderes, außer diesem Konzert zählt. Als zwei Stunden später jeder – wirklich jeder – im Stadion zu Queens „Radio Gaga“ über dem Haupt in die Hände klatscht, werden die Erwartungen mehr als übertroffen. Doch der Anlass war ein trauriger.
Tod einer Ikone
Am 24. November des Vorjahres war Freddie Mercury (* 1946) verstorben. Dem an Aids erlegenen Leadsänger der bereits zu jener Zeit legendären Rock-Band Queen gebührte ein würdiger Abschied, oder es galt mit Brian Mays zu Konzertbeginn gesprochenen Worten „to celebrate the live, and work, and dreams of one Freddie Mercury“, also das Leben, die Arbeit und die Träume eines Freddie Mercury zu feiern. Die Gelegenheit hierzu sollte also das offiziell „Freddie Mercury Tribute Concert for Aids Awareness“ bieten. Demnach sollte es auch ein Benefizkonzert werden, dessen Erlöse an eine eigens ins Leben gerufene gemeinnützige Organisation zur Aids-Bekämpfung fließen sollten. Kein anderer Ort eignete sich für die Austragung mehr als das Wembley-Stadion, in dem Queen 1985 beim Londonder Live Aid-Benefizkonzert mit einer mitreißenden Performance allen anderen Künstlern die Show stahlen.
Doch Queen lebt
Im Mittelpunkt des Live-Spektakels sollten selbstverständlich Queen und ihre Lieder stehen. Freddie Mercurys hervorragende samtweiche, facettenreiche Stimme, seine dynamische Bühnenperformance und seine unnachahmliche Art, mit dem Publikum zu flirten waren hohe Vorgaben für die Sänger, die an diesem Abend in seine Fußstapfen treten durften. Und diesen wurden sie gerecht. Es wurde ja nicht die zweite Garde der Musikszene zum gemeinsamen Rocken mit Queen versammelt, sondern die absolute Creme de la Creme: Seal, Zucchero, Paul Young, Elton John, David Bowie, Annie Lennox und viele mehr, aber allen voran George Michael. Beim Anhören des durch ihn interpretierten „Somebody To Love“ vermeint man, er wäre ein würdiger Nachfolger von Freddie.
Im Hauptprogramm wurden 21 Songs gespielt, davon natürlich alle großen Queen-Hits und auch ein paar Nummern anderer Künstler. Ein mitgehendes Publikum, als sei dies das letzte Konzert auf Erden, war nicht nur die schmückende Kulisse, sondern trug zur magischen Stimmung tatkräftig bei. Doch bereits das „Vorprogramm“, also der Konzertabschnitt ohne Beteiligung von Queen, war von allerhöchster Güte. Metallica, Def Leppard, Guns N´Roses oder die zugeschalteten U2, um nur einige zu nennen, lieferten an eigenem Maßstab gemessen hochqualitative Performances ab. Abgeschlossen wurde das Konzert mit der englischen Nationalhymne „God Save The Queen“ (ab 6:40 im Video), zu der Aufnahmen von Freddie in roter Robe und Krone eingespielt wurden. Ganz in seinem Element deutet Freddie Mercury mit nur wenigen Gesten mehr als an, was Glanz und Gloria wirklich bedeuten.
Nachbeben in den Charts
Einige der auftretenden Künstler waren dermaßen von ihrer eigenen Performance verzückt, dass sie prompt die Songs für Single-Auskopplungen verwendeten. Allen voran waren dies Queen, die ihre mit George Michael und Lisa Stansfield vorgetragenen Songs auf die „Five Live“-EP packten, welche auf Platz eins der UK-Charts landete. Auf Platz zwei in UK und weltweit in die Top 10 schafften es Guns N' Roses mit „Knockin´ on Heavens Door“, deren Livemitschnitt der Studioversion hinzugestellt wurde. Das denkwürdige Spektakel wurde schließlich auch auf Video herausgebracht – ein sicherer Nummer Eins-Hit in UK und für viele Musik-Fans die Definition des perfekten Konzerts schlechthin.
