Freewriting: Wie es geht, was es bringt und warum es funktioniert

Kreatives Schreiben - Pia Helfferich
Kreatives Schreiben - Pia Helfferich
Freies Schreiben, automatisches Schreiben, Freewriting: Viele Namen für die spannende Technik, die beim Schreiben jeder Textsorte eingesetzt werden kann.

Freewriting ist eine Technik, die der Schreibforscher Peter Elbow zur Unterstützung des Schreibprozesses untersucht und nutzbar gemacht hat. Als „automatisches Schreiben“ existiert die Technik schon länger und wurde unter anderem von den Surrealisten begeistert genutzt, dass Freewriting für das Verfassen jeder Textsorte, vom Gedicht bis zur wissenschaftlichen Arbeit, nützlich ist, diese Erkenntnis verdanken wir Elbow.

Was ist Freewriting?

Unter Freewriting versteht man, unzensiert zu schreiben, die Ideen frei fließen zu lassen. Auf diese Weise entsteht kein Text, der sich an Leser richtet, sondern ein Hilfstext, der nur für den Autor wichtig ist, ein Heranschreiben an ein Thema und an den „eigentlichen“ Text.

Warum nutzt man Freewriting?

Durch das Freewriting gewinnt man vielfältige Vorteile. Zunächst ist die Technik gut geeignet zum Aufwärmen vor dem Schreiben und auch Schreibhemmungen können mit ihr überwunden werden, da es beim Freewriting kein Gut oder Schlecht gibt und der Autor kein Scheitern zu fürchten braucht. Darüber hinaus hilft diese Schreibtechnik, neue Ideen und Impulse zu gewinnen oder sie sich bewusst zu machen. Durch das unzensierte Schreiben ist die Chance groß, dass diese Ideen über das Konventionelle hinausgehen.

Zusätzlich gewinnt man durch das Freewriting eine stärkere Motivation, denn auf diesen Seiten stellt sich heraus, was man tatsächlich von der Schreibaufgabe hält und aus welcher Perspektive man ihr am meisten abgewinnen kann. Ein authentischer Bezug zum Text, der geschrieben werden soll, stellt sich ein.

Wie funktioniert es?

Die Schreibtechnik nutzt man folgendermaßen:

1. Nehmen Sie sich ein, zwei Minuten, um zu entspannen und den Kopf freizubekommen. Freewriting ist nichts, was man „gut“ machen muss, die Entspannung ist das Wichtigste, um die Technik wirksam einzusetzen.

2. Wählen Sie eine Zeitspanne aus, während der Sie schreiben möchten. Für den Anfang sind fünf Minuten ideal, später können es auch zehn oder fünfzehn Minuten werden. 20 Minuten sollten als Obergrenze angesehen werden. Längeres Schreiben führt zu keinen guten Ergebnissen mehr, da die Gedanken sich zu sehr vom Thema entfernen. Am besten nutzt man einen Kurzzeitmesser, da ständige Zeitkontrolle keine Konzentration auf den Text ermöglicht.

3. Nun wird geschrieben, und zwar zügig, aber nicht hektisch. Setzen Sie nicht den Stift ab, sondern schreiben Sie einfach auf, was Ihnen durch den Kopf geht. Der Text soll nicht bewusst gestaltet werden, sondern frei aus Ihnen herausfließen. Wenn Ihnen nicht mehr einfällt, schreiben Sie so lange „Mir fällt nichts mehr ein. Mir fällt nichts mehr ein“, bis sich ein neuer Gedanke einstellt. Rechtschreibung und Grammatik spielen keine Rolle, es braucht sich auch nicht um vollständige Sätze zu handeln, denn da wir schneller denken als schreiben, sind Satzfetzen naheliegend.

4. Wenn die Zeit um ist, hören Sie sofort auf zu schreiben. Lesen Sie sich den Text durch und markieren Sie alles, was Ihnen interessant zu sein scheint.

Directed freewriting

Zum Aufwärmen vor einer Schreibsession kann man Freewriting nutzen und ohne bestimmtes Thema einfach über das Schreiben, was einem im Kopf herumgeht. So funktionieren übrigens auch die berühmten Morgenseiten von Julia Cameron.

Eine andere Variante besteht darin, sich für das Freewriting ein bestimmtes Thema zu geben, etwa das, worüber man in der anschließenden Schreibsession schreiben wird. Von Peter Elbow wird dies als „directed freewriting“ bezeichnet. Man schreibt dann auf dieses Thema zu, entwickelt bereits ganz entspannt Ideen und klärt die eigene Motivation für diese Aufgabe.

Loop writing

Als „loop writing“ bezeichnet Elbow die Variante, bei der ein Gedanke eingekreist wird. Dabei wählt man einen bestimmten Aspekt aus, zu dem man ein Freewriting durchführen möchte, schreibt ihn oben auf die Seite und legt los. Wenn man richtig im Schreibfluss ist, unterbricht man sich, nimmt ein zweites Blatt, schreibt wieder den gewählten Aspekt auf das Blatt, schreibt los und unterbricht sich mitten im Schreibfluss. Das führt man insgesamt dreimal aus.

Warum funktioniert es?

Freewriting klingt fast zu einfach, um gut sein zu können, doch es funktioniert tatsächlich. Das Schreiben besteht aus drei Funktionen: Die expressive Funktion, das Ausdrücken von etwas, kommt zum Tragen wenn der Text nahe an gesprochener Sprache ist. Die poetische Funktion ist das Darstellen von Inhalten in sprachlichen Bildern. Die transaktionale Funktion des Schreibens erklärt den Lesern einen Inhalt. Der britische Erziehungswissenschaftler James Britton fand heraus, dass ein Sachtext umso besser geschrieben wird, wenn zuvor die poetischen und expressiven Funktionen des Schreibens angesprochen wurden, zum Beispiel mit einer Schreibübung wie dem Freewriting.

Der Schreibforscher John R. Hayes entdeckte, dass wir, wenn wir einen Satz zu schreiben beginnen, das Satzende noch nicht kennen. Der Gedanke entwickelt sich also erst während und durch das Schreiben. Je bewusster durchdacht, um nicht u sagen „zerdacht“ der Gedanke ist, desto langweiliger und trockener fällt der Text aus. Unzensiertes Schreiben ermöglicht originelle, lebendige Ideen. Das ist ein weiterer Erklärungsansatz, warum das Freewriting eine erfolgsversprechende Schreibtechnik ist.

Quellen:

Gerd Bräuer: Peter Elbows Konzept des freewriting als Paradigmenwechsel in der amerikanischen Schreibpädagogik.

John R. Hayes: A New Framework For Understanding Cognition And Affect In Writing.

Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

rss