
- London City Airport - Maria Tanner
Sie arbeiten zwischen 12 bis 14 Stunden am Tag, sie sind fleißig, zahlen ihre Steuern und sind auch sonst ziemlich unauffällig: ausländische Freiberufler in der Schweiz.
Grosse Unternehmen sind auf sie angewiesen, denn die eigenen personellen Ressourcen reichen bei Weitem nicht aus, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. Meistens arbeiten sie projektbezogen für ein bis drei Jahre in verschiedenen Unternehmen, um dann in das nächste Land weiter zuziehen. Die Wirtschaft kommt in vielen Ländern ohne sie nicht mehr aus. Sie sind Projektleiter, Business Analysten und Informatiker, haben einen breiten Erfahrungsschatz und sie stellen ihr Know-How weltweit zur Verfügung.
Freiberuflich arbeiten - eine Lebenseinstellung
Freiberufler sind Dienstleister. Wenn Menschen sich dazu entschließen freiberuflich zu arbeiten, ist das die freie Entscheidung des Einzelnen. Freiberufler sind in aller Regel hoch qualifizierte Fachkräfte, Menschen die sich nicht an einen Arbeitgeber binden möchten. Aber nicht nur das. Sie denken unternehmerisch und sind sehr risikofreudig, denn sie wissen nicht, wann sie wo das nächste Projekt haben werden. Sie sind Einzelkämpfer und Einzelunternehmer. Freiberufler sind eine Bereicherung für jedes moderne Unternehmen und nicht zuletzt für den Arbeitsmarkt.
Die Frage an einen Freiberufler, warum er sich für diese Art des Geldverdienens entschieden hat, wurde wie folgt beantwortet: "Das Sammeln von Erfahrungen ist die Motivation freiberuflich zu arbeiten. Man entscheidet, wo und wann man arbeitet, wie viel man verdienen möchte und es gibt eine selbst auferlegte Work-Life Balance. Auch das Reisen durch die Welt, die Bekanntschaft mit vielen Kulturen erweitert den Horizont. Das bekommt man selten als Arbeitnehmer."
Freiberufler, Beamte und der Bahnhof von nebenan
Freiberufler sind den Beamten, nicht nur in der Schweiz, sehr suspekt. Fragt man beispielsweise einen gesetzgeberischen Vertreter, was ein Freiberufler so tut, kann er oder sie sich erst einmal nicht vorstellen, dass es überhaupt Leute gibt, die freiberuflich arbeiten und das freiwillig tun. Die meisten wissen nicht, wie das Prinzip "freiberuflich" funktioniert.
Firmen, die freiberufliche Mitarbeiter suchen, bedienen sich so genannter Provider. Das sind Firmen, die sich auf die intensive Suche nach geeigneten Fachkräften begeben und diese dann in das betreffende Unternehmen schicken. Ein B2B Verhältnis (Business-to-Business) zwischen Provider und Freiberufler. Fälschlicherweise werden solche Vertragsverhältnisse oft als Leiharbeit bezeichnet. Das macht es Freiberuflern ungemein schwer, denn es besteht ein großer Unterschied zwischen Leiharbeitern und Freiberuflern.
Freiberufler haben sich in der Schweiz, sobald sie mehr als von 75.000 Schweizer Franken Umsatz erwirtschaften, in das Handelsregister beim jeweiligen kantonalen Handelsregisteramtes eintragen zu lassen.
Die Aussage eines Beamten in der Schweiz gegenüber einem Freiberufler war sinngemäß, Zitat: "Freiberufler sind Kleinkriminelle, die überall und nirgends sind und damit auch noch richtig Geld verdienen. Man muss aufpassen, dass sie nicht ins Ausland abhauen, alles Geld einsacken, denn sie sind alle unehrlich." (Der Name des Freiberuflers ist der Autorin bekannt, sie wurde aber nicht autorisiert diesen zu veröffentlichen.)
Die Einschränkung der Entscheidungsfreiheit
Ausländische Freiberufler haben in der Schweiz - mittlerweile aber auch in vielen anderen Ländern Europas - alle Pflichten, und selten das Recht frei über ihre berufliche Situation entscheiden zu dürfen.
Ob man in der Schweiz freiberuflich arbeiten darf, war noch vor wenigen Jahren davon abhängig, ob die AHV (gesetzliche Rentenversicherung in der Schweiz) ihre Zustimmung dazu gegeben hat. Auf Anfrage an die AHV, warum das so ist, wurde mitgeteilt, Zitat: "Man muss den Freiberufler davor schützen, dass er finanzielle Nachteile erleidet. Ein Freiberufler darf nicht nur von einem Auftrag abhängig sein."
Wer heute in der Schweiz als Freiberufler arbeiten möchte, wird in seiner Entscheidungsfreiheit noch mehr eingeschränkt. Provider, die Freiberufler unter Vertrag nehmen möchten, müssen diese wie Angestellte behandeln. Ein Schutz vor finanziellen Nachteilen ist damit trotzdem nicht gegeben. Es dient einzig dem Zweck, dass man ihnen die Quellensteuer auferlegen kann und sich die Sozialkassen am Bruttoumsatz mit bedienen können. Wird ein Projekt vorzeitig beendet, muss auch der Provider den Vertrag nicht weiterführen. Arbeitslosengeld bekommt der Freiberufler nach Beendigung des Projektes nicht, trotzdem er per Gesetz gezwungen war, in die Kasse einzuzahlen. Das unterscheidet ausländische Freiberufler von einheimischen Kollegen, denn diese unterliegen diesen Restriktionen nicht.
Die gesellschaftlichen Konsequenzen
In der Schweiz und in Europa generell ziehen sich freiberuflich arbeitende Menschen immer weiter vom Markt zurück. Sie arbeiten zwischenzeitlich in Asien und in den Vereinigten Staaten. Nur dort haben sie noch die Möglichkeit, so zu leben und zu arbeiten, wofür sie sich ganz persönlich entscheiden.
Manchmal entsteht aus einer anfänglichen freiberuflichen Tätigkeit der Wunsch, nach dem Aufbau der eigenen Firma. Damit schaffen sie Arbeitsplätze. Es werden ihnen aber mit dem Tun und Handeln der Behörden die Investitionsgrundlage dafür entzogen und der Kreativität harte Grenzen gesetzt.
Die Schweiz und viele andere Europäische Länder haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Andere Länder sind auf der Überholspur, sie öffnen ihre Märkte für das, was Freiberufler in Europa nicht mehr bekommen, nämlich frei ihren beruflichen Weg gehen zu dürfen.
