Kursstürze und Bankencrashs lähmen eine Wirtschaft und leiten das ein, was als Wirtschaftskrise bezeichnet wird und mit Firmenpleiten, Arbeitslosigkeit und Armut einhergeht. Die Freiwirtschaftslehre sieht dies als Folge von erheblichen Fehlern, die dem herkömmlichen Geldsystem innewohnen und bewirken, dass sich das Geld an bestimmten Stellen sammelt, so dem Umlauf entzogen wird und nicht, wie es seine Aufgabe ist, für den Fluss von Waren und Dienstleistungen sorgen kann.
Betrachtet man einen Crash wie den, der die derzeitige Krise verursacht hat näher, wird schnell klar, dass der Weltwirtschaft „physisch“ eigentlich überhaupt nichts passiert ist: Weder sind irgendwelche Bergwerke eingestürzt, noch Ernten vernichtet worden, weder sind Fabriken abgebrannt noch Menschen arbeitsunfähig geworden. Sprich: Sämtliche Ressourcen wie Maschinen, Rohstoffe und Arbeitskraft sind nach wie vor vorhanden. Trotzdem bewegt sich in der Wirtschaft jedoch nichts mehr oder zumindest erheblich weniger.
Geld als Tauschmittel
Warum aber „geht nichts mehr“ in der Wirtschaft? Die Antwort kennt jeder: Es fehlt am Geld. Durch den Crash sind große Mengen an (Buch-)Geld vernichtet worden, die nun nicht mehr für Investitionen verliehen werden können. Dass dies jedoch geschehen konnte, liegt nach Ansicht von Freiwirtschaftlern ganz einfach daran, dass sich dass Geld an bestimmten Stellen gesammelt hatte, von wo aus es gegen Zins verliehen und so unkontrolliert vermehrt und angesammelt wurde.
Die eigentliche Idee des Geldes liegt darin, ein Mittel zu schaffen, welches den Warenaustausch erleichtert: Beim direkten Tauschhandel muss man immer jemanden finden, der das anbietet, was man benötigt und gleichzeitig etwas gebrauchen kann, was zu liefern man selbst wiederum in der Lage ist. Dass dies nicht ganz einfach ist und beim reinen Tauschhandel die Güter nicht recht fließen können, liegt auf der Hand – und auch, dass durch den Einsatz von Geld, dass man für die eigene Dienstleistung oder Ware irgendwo erhält und ganz wo anders wieder gegen etwas eintauscht, das man benötigt, der reibungslose Fluss von Waren und Dienstleistungen erst möglich wird.
Geld als Wertspeicher
Die konventionelle Volkswirtschaftslehre sieht in Banken und ähnlichen Unternehmen Dienstleister, die das Kapital dorthin lenken, wo es für Investitionen benötigt wird. Da Dienstleistungen bezahlt werden müssen, ist es nach allgemeiner Auffassung daher auch in Ordnung, für verliehenes Geld eine Art Miete, den Zins nämlich, zu nehmen. Genauso ermöglicht Geld in seiner herkömmlichen Form es aber auch, sich sowohl „etwas zurückzulegen“ als auch sich „etwas zu pumpen“, die Lieferung der eigenen Leistung also zeitlich vom Genuss der dafür eingetauschten fremden Leistung zu trennen.
Freiwirtschaftler sehen das jedoch anders: Nach ihrer Auffassung bewirkt die Wertbeständigkeit des herkömmlichen Geldes, dass es gesammelt und gegen Zins verliehen wird. Der Zins, so die Freiwirtschaftslehre, sorge nun nicht nur dafür, dass sich die Geldmenge ständig vermehrt, sondern bewirke auch, dass sich das Geld an einigen wenigen Stellen sammelt und so dem Umlauf entzogen wird. Da die Wirtschaft aber nur läuft, wenn Geld fließt, also verdient werden kann, sehen Freiwirtschaftler Wirtschaftskrisen als logische Folge des bestehenden, herkömmlichen Geldsystems.
Freiwirtschaft soll die „Geldbremse“ lösen
Anhänger der Freiwirtschaft sehen nun die Lösung dieses Problems darin, dass Geld in Umlauf zu halten um den Fluss von Rohstoffen, Waren und Arbeit zu gewährleisten. Dazu, so die Theorie der Freiwirtschaftslehre nach Silvio Gesell, müsse der Anreiz, Geld zu horten, beseitigt werden. In der Praxis kann das dazu notwendige, so genannte umlaufgesicherte Geld erreicht werden, wenn die Währung eine Art eingebauten Wertverlust bekommt: Freigeld – so nennt man diese Art von Geld – kann beispielsweise turnusmäßig verfallen und muss dann mit einem gewissen Wertverlust gegen neues umgetauscht werden oder es muss regelmäßig mit gebührenpflichtigen Wertmarken aufgefrischt werden. Dadurch wird erreicht, dass jeder sein Geld so schnell wie möglich wieder ausgibt – also nichts anderes tut als „andere verdienen zu lassen“.
Das klingt abenteuerlich, scheint aber offenbar zu funktionieren: 1932, führte die von der damaligen Weltwirtschaftskrise stark gebeutelte Tiroler Stadt Wörgl ein solches Freigeld ein. Die von der Stadt ausgegebenen „Arbeitswertscheine“ mussten alle vier Monate durch Aufkleben einer Wertmarke zum Preis von einem Prozent des Nennwertes aufgefrischt werden. Wörgl erlebte in der Folge einen erheblichen Aufschwung, konnte bei ansonsten überall steigender Arbeitslosigkeit die örtliche Quote um mehr als 25 Prozent senken und mehrere öffentliche Bauvorhaben durchführen, die sonst nicht möglich gewesen wären. Allerdings wurde das Experiment bereits nach 13 Monaten auf Betreiben der österreichischen Nationalbank unter Androhung von Militärgewalt beendet.
Den gleichen Effekt, der sich seinerzeit in Wörgl zeigte, kann man auch bei den seit einiger Zeit aufkommenden Tauschringen und beim Regiogeld beobachten: Es werden Werte in Bewegung gesetzt, die sonst aus Mangel an „richtigem“ Geld nicht ausgetauscht werden können. Allerdings geschieht dies bislang noch in einem so kleinen Rahmen, dass sich noch keine Zentralbank gefährdet fühlt und man noch nicht daran denkt, den Roland oder den Chiemgauer abzuschaffen.
Auf die Wirkung von umlaufgesichertem, weil sich „verschleißendem“ Geld führen die Freiwirtschaftler auch die Blütezeit des Hochmittelalters zurück: Damals wurden Münzen turnusmäßig ungültig und mussten gegen Abschlag umgetauscht werden. Das war als bequeme Art der Besteuerung gedacht, führte aber zu einer höheren Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, da jeder sein Geld lieber ausgab als es mit Verlust umzutauschen. Diese erhöhte Nachfrage, so die Anhänger der Freiwirtschaftslehre, habe zum Aufblühen der deutschen Städte, der großen Zeit der Hanse, hohen kulturellen Leistungen wie den Dombauten und allgemeinem Wohlstand geführt. In der Tat beginnen auch die Katastrophen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, die Bauernaufstände und Religionskriege bis hin zum 30jährigen Krieg sowie die allgemeine Verelendung des Volkes in etwa nach dem die Münzherren zu wertbeständigem Geld zurück gekehrt waren.
Dies wiederum sei, so sagen die Freiwirtschaftler, auf Betreiben reicher Kaufleuten wie der Fugger geschehen, die sich dadurch die Möglichkeit verschafft hätten, wiederum durch Geldverleih Einkommen ohne Arbeit zu verschaffen. Auch heute noch seien es die großen Finanz-Unternehmen, die Investoren und Großbanken, die eine Reform des Geldsystems verhinderten, die sie selbst ihre Verdienstmöglichkeiten koste, der breiten Masse jedoch Wohlstand bringen würde.
