
- Philosophische Erklärung der Willensfreiheit - Bild: Grace Winter / PIXELIO
Von einer Naturforschung, die keine Seele findet, weder eine sterbliche noch eine unsterbliche, ist nicht zu erwarten, dass sie einen Willen findet, einen freien so wenig wie einen unfreien. Denn wo sie sucht, lässt sich beides nicht finden. Ist der Wille doch, ebenso wie die Seele, eine psychische Gegebenheit, keine physische. Die Seele ist anders gegeben als der Leib, der Wille anders als das Gehirn. Verschiedene Gegebenheitsweisen erfordern verschiedene Forschungsweisen.
Abhängigkeiten, die gegen die Willensfreiheit zu sprechen scheinen
Ein Gehirn "haben" wir, je ich, anders als einen Willen. Unser Gehirn ist uns kaum näher als unser Hemd; unser Wille ist uns kaum ferner als wir uns selbst. Es macht uns etwas aus, wenn uns der Hemdskragen zwickt oder eine Gehirnerschütterung plagt – ja, selbst die innersten Gehirnaktivitäten haben etwas, das uns wie von außen zustößt: etwas Umwelthaftes. Aber es macht uns aus, wenn wir etwas wollen oder nicht wollen. Ohne Gehirn hätten wir keinen Willen und ohne intaktes Gehirn keinen normal funktionierenden Willen. Der eigene Wille ist aufs Gehirn als seiner notwendigen Bedingung (conditio sine qua non) angewiesen wie das Leben auf die Sonne. In beiden Fällen handelt es sich um das Verhältnis der Abhängigkeit. Aber was von etwas anderem abhängt, ist darum nicht unselbstständig. Selbstständigkeit ist mit Abhängigkeit sehr wohl vereinbar. Das Klavier ist ein Musikinstrument, aber es kann deshalb noch lange nicht musizieren. Es verursacht nicht die Musik, es bedingt sie bloß (conditio est non causa). Ohne Klavier keine Klaviermusik, aber ohne Pianist auch keine.
Selbstverhältnisse, die für die Willensfreiheit den Ausschlag geben
Die Sonne ermöglicht das Leben, aber deswegen ist sie selber noch lange nicht lebensfähig. Nicht sie ist das Wesen des Lebens, sondern das Lebewesen. Ohne Gehirn gäbe es uns nicht, aber ohne uns, ohne je mich, auch nicht: ich bin, wie jedes Ich, wie jedes Lebewesen, ein Selbstverhältnis. Nur ein Selbstverhältnis, kein Außenverhältnis, kann konstitutiv für Willensfreiheit sein. Beide Verhältnisse können zugleich bestehen: die durchgängige Determination und die Autonomie. Was von außen wie ein Spiel von Zufall und Notwendigkeit erscheint, erscheint von innen wie selbstbestimmt. Am selben Wesen sind beide einander widersprechenden Phänomene beobachtbar. Ist beides Realität, ist beides Illusion? Auch so könnte man fragen. Wie auch immer: das Fragen ist hier so müßig wie beim Welle-Teilchen-Dualismus in der modernen Physik. Spricht etwas gegen das Sowohl-als-auch? Die Wirklichkeit anscheinend nicht. Der Wille ist frei, wenn man nur will, und auch unfrei, wenn man nur will. Auf diese Weise ist er immer frei.
Quellen
Rafael Ferber (2003): Philosophische Grundbegriffe 2 – Mensch, Bewusstsein, Leib und Seele, Willensfreiheit, Tod (Beck)
Ted Honderich (1995): Wie frei sind wir? Das Determinismus-Problem (Reclam)
Wilhelm Keller (1965): Das Problem der Willensfreiheit (Dalp)
Bildquelle: Gracy Winter / pixelio.de
