Zwischen Vasen, Schalen und Leuchtern sitzt es im Regal. Ein Püppchen, dreißig Zentimeter groß. Braune Haare, blaue Augen, leerer Blick. Und fein gemalter, lächelnder Mund. Ein Lächeln für die Ewigkeit. Außer man lässt das Püppchen fallen. Dann bekommt das Lächeln Risse und wird ein Fall für die "Porzellanklinik". Jetzt ist es geheilt. Sylvi Schade streicht dem Püppchen über die Wange. "Keramikmischung", beurteilt die 20-Jährige das Material, aus dem das Gesicht gemacht ist. Sie hat die Puppe in liebevoller Kleinarbeit repariert. Gemeinsam mit ihrer Chefin Bärbel Herrmann, Inhaberin der "Porzellanklinik". Seit September 2007 verbringt Sylvi Schade täglich acht Stunden inmitten von Porzellan, Keramik und Glas. Denn sie absolviert ein Freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege.

Wertvolle Hilfe beim Zusammensetzen, Malen und bei der Buchhaltung

"Ursprünglich wollte ich nach meinem Fachabitur für Gestaltung ein Praktikum bei einer Werbeagentur machen. Aber als ich recherchierte, erfuhr ich von dem Freiwilligen Jahr. Und dass die "Porzellanklinik" zu den Einsatzstellen zählt", berichtet Sylvi Schade. Bärbel Herrmann hat bereits zwei junge Frauen im Freiwilligen Jahr beschäftigt und wählte Schade aus zehn Bewerbern aus. "Sylvi hat wirklich Interesse, hier zu arbeiten, und die Chemie zwischen uns stimmt", sagt die Porzellangestalterin. Die beiden beugen sich über den Leuchter, an dem Sylvi Schade die Motive nachmalt. "Neue Muster entwerfe ich nicht, sondern bessere vorhandene aus. Außerdem setze ich die Scherben von Gefäßen wieder zusammen, verputze bereits Repariertes und teste, ob die Sachen dicht sind oder Wasser durchlassen." Schade gibt auch Aufträge in den Rechner ein oder hilft beim Ausliefern. Oft puzzeln die drei Frauen der "Porzellanklinik" Tassen oder Teller nur so weit zusammen, dass man sie wieder benutzen kann. Ist das Objekt dagegen so wertvoll, dass der Besitzer viel Geld investieren will, wird es aufwändig restauriert. Dann sieht es hinterher fast aus wie neu. Bärbel Herrmann schätzt Sylvi Schades Geduld bei solchen Arbeiten. "Sie pusselt kleine Teile akribisch zusammen, auch wenn sie es mehrmals tun muss." Eine echte Entlastung für Bärbel Herrmann. Für die zahlt sie monatlich einen Anteil an den 410 Euro, die Schade erhält. Den Rest gibt die Jugendbauhütte Görlitz, die zur Deutschen Stiftung Denkmalschutz gehört. Dort wird das Freiwillige Jahr in der Denkmalpflege sachsenweit organisiert. Träger sind die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste.

Mehr Einsatzstellen gesucht

"Unsere Jugendlichen von 16 bis 26 Jahren arbeiten in 13 sächsischen Einsatzstellen: Denkmalämtern, Museen, Behörden und Handwerksbetrieben wie Stukkateuren oder eben der "Porzellanklinik"", sagt Verena Alex, Projektassistentin bei der Jugendbauhütte Görlitz. Sieben Wochen des Jahres sind für Seminare reserviert. wo die jungen Leute lernen, wie man schmiedet, Stein oder Holz bearbeitet. In Sachsen gibt es das Freiwillige Jahr in der Denkmalpflege seit etwa fünf Jahren. "Ich hörte zufällig davon und informierte mich bei der Jugendbauhütte Görlitz. Denn ich finde es spannend, mit jungen Menschen zu arbeiten, auch wenn ich keinen Auszubildenden beschäftigen kann", meint Bärbel Herrmann. Verena Alex wünscht sich, dass solche Beispiele Schule machen: Es mangelt an Einsatzstellen für die Freiwilligen.

Viele Freiwillige nutzen das Jahr, um sich zu orientieren oder Erfahrungen zu sammeln

Bärbel Herrmann wird sicher einen Nachfolger für Sylvi Schade einstellen, wenn die am 31. August aufhört. Schade weiß noch nicht genau, was sie dann tun wird. "So etwas wie Mediengestalterin könnte ich mir vorstellen." Viele Freiwillige nutzen das Jahr, um sich auszuprobieren. Oder um die Praxiserfahrung zu sammeln, die das Studium fordert. Aber sechs Monate in der "Porzellanklinik" bleiben Sylvi Schade noch. Vielleicht will sie doch in Erfurt studieren, wie man Keramik restauriert? So viele Optionen... Da hat es das Püppchen mit dem Keramikgesicht besser. Es muss nur im Regal sitzen und warten, bis sein Besitzer es abholt. Und lächeln für die nächste Ewigkeit.