Freizügigkeit für Polen: Rollt eine Welle auf Deutschland zu?

Am 1. Mai öffnet sich der deutsche Arbeitsmarkt - Gerd Altmann / pixelio.de
Am 1. Mai öffnet sich der deutsche Arbeitsmarkt - Gerd Altmann / pixelio.de
Wer und wie viele kommen hierher aus Polen nach der Öffnung des deutschen Marktes am 1. Mai? Ängste gibt es auf den beiden Seiten der Grenze.

Am 1. Mai 2011 öffnet sich der deutsche Markt für die Ostnachbarn. Hierzulande freuen sich einige darüber, viele warten jedoch unruhig auf das Datum und fürchten die billige und willige Konkurrenz. Hinter der Ostgrenze bereiten sich schon manche für die Ausreise vor.

Wer macht sich auf den Weg nach Deutschland?

Besonders interessant ist die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für die Bewohner der westlichen Woiwodschaften an der deutschen Grenze. Die Arbeitslosigkeit beträgt in der Westpommerschen Woiwodschaft 18,6, in der Woiwodschaft Lebus 16, 4 und in Niederschlesien 13,8 Prozent. Für das ganze Land liegen die Werte bei 13, 2 Prozent. Die Arbeitssuchenden aus den Grenzgebieten werden sich meist nach den Arbeitsplätzen umschauen, die nicht weit weg von ihrer eigenen Wohnung zu finden sind: Damit sie in Deutschland arbeiten und in Polen weiter leben können. Sie werden täglich zwischen den beiden Ländern pendeln. In meisten örtlichen Arbeitsagenturen erwartet man keine Massenausreise: Viele Arbeitssuchende haben weder die nötigen Qualifikationen, noch können sie Deutsch.

Jung und gut ausgebildet

Kordian Kolbiarz, Direktor der Arbeitsagentur in Nysa, wo die Arbeitslosigkeit über 20 Prozent liegt, sieht dies anders. Seiner Meinung nach werden vor allem junge und gut ausgebildete Menschen mit Sprachkenntnissen das Land verlassen. Er nennt ein wichtiger Grund dafür: Unter den Jungen, die das 25. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, überschritt die Arbeitslosigkeit 30 Prozent. Kolbiarz freut sich, dass sie bald eine Beschäftigung finden, die in der Heimat fehlt. Anderseits zeigt er sich sehr besorgt. Er vermutet, dass diese Menschen, wenn sie die Heimat verlassen, nicht mehr zurückkehren. „Wir verlieren sie für immer“, sagt Kolbiarz.

Wie wird sich die Freizügigkeit auf Polen auswirken?

Die letzte Ausreise-Welle aus dem Jahr 2004 (überwiegend nach England), die bis zu zwei Millionen zählte, führte dazu, dass die Arbeitslosigkeit in Polen damals schnell sank. Außerdem floss das Geld – mehrere Milliarden Zlotych - in die polnischen Familien. Diesmal ist das kein guter Zeitpunkt für die polnische Wirtschaft – behauptet Maciej Duszczyk aus dem Institut für Sozialpolitik der Warschauer Universität. Die Wirtschaft wachse immer noch, im diesen Jahr um über vier Prozent, und werde in den nächsten Jahren Arbeiter brauchen. Bis 2015 verringere sich die Zahl der Menschen im Beschäftigungsalter um 800.000. Diese Prognose berücksichtige nicht die erwartete neue Emigration, auf 400.000 in den nächsten drei Jahren geschätzt.

Unbegründete Angst der Deutschen?

Pawel Kaczmarczyk, Mitglied des Gremiums der Strategischen Berater von der polnischen Regierung, bewertet die Ängste in Deutschland als unbegründet. "Die polnischen Arbeiter nehmen den Deutschen keine Arbeit weg", sagte er in einem Interview für Gazeta Wyborcza, eine der größten polnischen Zeitungen. In entwickelten Wirtschaften gebe es Berufe und Sektoren, die für eigene Bürger reserviert seien. Dort werden gute Löhne bezahlt; die Gewerkschaften haben einen hohen Einfluss. Die schwere und schlecht bezahlte Arbeit werde gewöhnlich von den Zugewanderten errichtet. Die Migranten werden also mit anderen Migranten konkurrieren.

Quelle: Gazeta Wyborcza, eine der größten polnischen Zeitungen, Online-Ausgabe

Bildnachweis: Gerd Altmann / pixelio.de

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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