Unter dem Begriff Autoimmunerkrankungen werden eine Vielzahl unterschiedlichster Krankheiten zusammengefasst, deren Ursprung in einem fehlgeleiteten Immunsystem gesehen werden. Grundaufgabe des Immunsystems ist die Erkennung und Eliminierung körperfremder Strukturen, Mikroorganismen und Viren. Dabei ist die Differenzierung zwischen körpereigen und körperfremd von fundamentaler Bedeutung. Während seiner Entwicklung "lernt" das Immunsystem körpereigenes Gewebe zu erkennen und zu tolerieren. Im Zuge einer Autoimmunerkrankung kommt es jedoch aus bislang nur lückenhaft verstandenen Gründen zum teilweisen Versagen dieser Selbsttoleranz; körpereigenes Gewebe wird fälschlicherweise als fremd eingestuft und angegriffen. Die Folgen sind schwere Entzündungsreaktionen und gravierende Schäden an den betroffenen Geweben, die zum Funktionsverlust ganzer Organe und zu lebensbedrohenden Zuständen führen können.
Ein neuer Erklärungsansatz für die Entstehung von Autoimmunerkrankungen
Warum das Immunsystem zumeist plötzlich und ohne ersichtlichen Grund körpereigenes Gewebe als fremd einstuft und angreift, war und ist Gegenstand umfangreicher wissenschaftlicher Forschung. Für viele Krankheiten aus dem Komplex der Autoimmunerkrankungen ist die Frage nach dem Warum allerdings noch weitestgehend unbeantwortet. Eine genetische Disposition, verschiedene Infektionskrankheiten, äußere Einflüsse wie Stress und Schwangerschaft sowie Fehler bei der Ausbildung der Selbsttoleranz während der frühen Entwicklung des Immunsystems spielen wohl eine Rolle. Aufgrund der Tatsache, dass deutlich mehr Frauen als Männer betroffen sind, scheinen auch Hormonspiegelschwankungen einen Beitrag zu dem Ursachenkomplex zu leisten. In der Septemberausgabe 2008 der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" liefert uns Professorin J. Lee Nelson von der University of Washington in Seattle einen weiteren neuen Erklärungsansatz auf der Suche nach den Ursachen von Autoimmunerkrankungen.
Im Verlaufe des letzten halben Jahrhunderts, im besonderen jedoch innerhalb der letzten Jahre konnte zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass so gut wie jeder Mensch fremde Zellen in seinem Körper beherbergt. Dabei handelt es sich um Zellen, die während der Schwangerschaft von der Mutter auf das Kind (mütterlicher Mikrochimärismus) und vom Kind auf die Mutter (fetaler Mikrochimärismus) übergehen. Diese Zellen können - höchstwahrscheinlich aufgrund der genetischen Verwandtschaft - in ihrer neuen Umgebung jahrzehntelang überdauern, ohne vom jeweiligen Immunsystem als fremd erkannt zu werden. Sie können aber auch spontan als fremd identifiziert und attackiert werden. Bei diesen Wanderern über Körpergrenzen hinweg handelt es sich in erster Linie um im Blut zirkulierende Immunzellen oder - vor allem im Hinblick auf ihre Langlebigkeit - um Stammzellen, die sich in verschiedenste Gewebe und Organe integrieren und Teil davon werden können.
Welche Rolle können fremde Zellen bei Autoimmunerkrankungen spielen?
Basierend auf diesen Erkenntnissen konnten bei Patienten, die an bestimmten Autoimmunerkrankungen litten, Mikrochimärismen nachgewiesen werden. So muss man davon ausgehen, dass z.B. bei der juvenilen Dermatomyositis, bei der Haut- und Muskelgewebe bei Kindern angegriffen wird, fremde mütterliche Immunzellen für die Entstehung der Erkrankung verantwortlich sind.
Beim neonatalen Lupus erythematodes werden Haut und Organe des Fötus massiv attackiert. Ausgangspunkte sind hier zum einen mütterliche Antikörper, die während der Schwangerschaft auf das Kind übergehen und zum anderen wohl auch mütterliche Stammzellen, die sich in Gewebe und Organe des Fötus einnisten und sich z.B. zu Herzmuskelzellen ausdifferenzieren, die dann jedoch vom kindlichen Immunsystem als fremd erkannt werden, was zu schweren Schädigungen im Zuge der versuchten Eliminierung führt.
Mit umgekehrten Vorzeichen vermutet man bei der Sklerodermie, einer Bindegewebsverhärtung der Haut und innerer Organe, dass fetale Immunzellen, die vom Kind auf die Mutter übergehen, die Erkrankung auslösen.
Diese Beispiele zeigen, dass es sich bei einem Teil der Autoimmunerkrankungen nicht zwangsläufig um das Ergebnis eines fehlgeleiteten Immunsystems handeln muss. Ganz im Gegenteil beruhen die Erkrankungen in diesen Fällen auf einem korrekt funktionierenden Immunsystem, das versucht, Fremdzellen zu eliminieren.
Welche Vorteile könnten uns fremde Zellen bringen?
Bislang ist die Frage ungeklärt, ob es sich bei dem Übertritt fremder Zellen während der Schwangerschaft um einen Zufall handelt oder ob dem Ganzen ein spezieller Zweck innewohnt. So wäre es denkbar, dass der Austausch von Zellen auch Vorteile mit sich bringt. Fremde Immunzellen könnten die Immunsysteme von Mutter bzw. Kind bei der Erregerabwehr unterstützen. Übergetretene Stammzellen hätten das Potential defekte Gewebe und Organe zu "reparieren", wofür man bei der Untersuchung der Insulin-produzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse Hinweise gefunden hat.
Diese Erkenntnisse könnten in der Zukunft in entsprechende Therapien einfließen. Sind Fremdzellen die Ursache für eine Erkrankung, so müssen diese gezielt bekämpft bzw. der Angriff auf sie unterdrückt werden. Das Reparaturpotential von Stammzellen muss kontrolliert und genutzt werden. Die Mechanismen, die Fremdzellen dazu befähigen, jahrzehntelang in uns zu überdauern, sind für die Transplantationsmedizin, die nach Wegen sucht, Abstoßungsreaktionen zu unterbinden, von immenser Bedeutung.
Abschließende Bemerkungen
Die Ursachen für Autoimmunerkrankungen sind vielfältig, ihr Wesen und Zusammenspiel oftmals noch unverstanden. Fremde Zellen, erworben währen der Schwangerschaft, scheinen zumindest bei einigen Erkrankungen eine wichtige Rolle zu spielen, was auch die erhöhte Betroffenheit von Frauen im Vergleich zu Männern erklären würde. Viele Fragen sind allerdings noch unbeantwortet. Warum Fremde Zellen mitunter jahrzehntelang unerkannt in uns überdauern, dann aber plötzlich attackiert werden, ist unverstanden. Die Beurteilung des Potentials dieser Fremdzellen sowohl im positiven wie im negativen Sinne ist ein Forschungsgebiet, das uns in der Zukunft mit Sicherheit noch erstaunliche Erkenntnisse liefern wird.
Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt - nicht ersetzen kann.
