
- Freundschaft - © Nicole Celik / PIXELIO
Mit dem Slogan "Freundschaften fürs Leben“ werben nicht nur Single-Börsen im Internet und Social-Networks, um alte Freunde aus Schulzeit und Studium wiederzufinden. Selbst bei Mittzwanzigern erhält die Angst vor dem Alleinsein langsam den Einzug ins Leben. Panik breitet sich aus, den Anschluss zu verlieren, weil neben Arbeit und Partnerschaft keine Zeit und Energie mehr bleibt, die "alten Freunde“ wieder zu treffen, mit denen man früher so oft unterwegs war. Obwohl man noch in der gleichen Stadt wohnt, scheinen sie Lichtjahre entfernt zu leben. Ein Anruf könnte genügen, sich wieder zu treffen um über alte Zeiten und neue Wege zu reden. Doch warum fällt uns genau das oft so schwer?
Der erste Schritt
Zunächst müsste man sich vor sich selbst und dem Angerufenen bekennen, sich lange Zeit nicht gemeldet zu haben, die eigene Schuld eingestehen. Das ist schwer. Dazu kommt, dass man oft nicht abschätzen kann, wie der oder diejenige am anderen Ende der Leitung reagieren wird. Noch schwerer. Vielleicht ablehnend, vorwurfsvoll, traurig, vielleicht aber auch erfreut und glücklich, dass der erste Schritt von uns aus ging. Die Ungewissheit quält.
Nachdem der Entschluss einmal gefasst ist, sollte man sich nicht durch kleine Zweifel von seinem Vorhaben abbringen lassen. Ist die Nummer erst einmal gewählt und der Klingelton ertönt, gibt es kein Zurück mehr. Falls die entscheidenden Worte im wichtigsten Moment nicht in den Sinn kommen wollen, hilft es oft erst einmal Small-Talk zu führen. Wie geht es dir? Wie geht es deinem Partner/Kind? wären Beispiele für eine höfliche Einleitung, um zum eigentlichen Grund des Anrufens zu gelangen. Umso offener wir selbst über uns erzählen, desto mehr gibt unser Gesprächspartner von sich aus Preis.
Menschlichkeit besticht
Frank Schirrmacher schreibt in seinem Buch "Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“ über ein Experiment menschlichen Verhaltens gegenüber Computern. Das verblüffende Ergebnis, desto 'emotionaler‘ Computer Fragen stellten und vermeintliche Gefühle zeigten, obgleich sie diese nicht besitzen können, desto gefühlvollere Charaktereigenschaften wurden ihnen von den Testpersonen zugeschrieben und desto offener und aufrichtiger antworteten die Personen den Computern.
Bei anderen Menschen verhalten wir uns genauso. Wir antworten ehrlicher und freundlicher, wenn wir das Gefühl haben, wir können unserem Gegenüber vertrauen.
Doch oft stellen wir fest, dass wir zu unseren früheren Freunden heute nicht mehr viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Die Gesprächsthemen sind oberflächlich, halten sich nah am Alltagsgeschehen fest oder drehen sich um gemeinsame Erlebnisse, um das einstige Vertrautheitsgefühl wieder herzustellen, dass wir vermissen.
Nachdem die Neugier und das "Was ist nur geworden aus…“-Gefühl überwinden wurden, gehen wir wieder getrennte Wege. Oder wir geloben der Besserung uns öfters zu melden. Und machen es dann doch nicht. Warum wollen wir verkrampft festhalten an alten Freundschaften zu Menschen, mit denen wir absolut nichts mehr zu tun haben?
Schwelgen in Erinnerungen
Die Erinnerung ist oft die einzige Verbindung, die noch besteht zwischen zwei Menschen, die einst gut befreundet waren und irgendwann getrennte Leben führten. Es ist mühsam, neue Freunde zu suchen und zu finden. Eine Freundschaft braucht Zeit sich zu entwickeln. So lange fühlen wir uns einsam und allein, haben keine oder wenige richtige Freunde. Dennoch kann es spannend und interessant sein, sich auf unbekannte Menschen einzulassen, sich gegenseitig kennen zu lernen und der Freundschaft eine Chance zu geben. Doch auch diese kann im Leben auseinander gehen.
Leider ist das Leben nicht planbar. Doch wir wollen Freundschaften für die Zukunft "abschließen“, uns absichern, dass wir genug soziales Kapital haben, viele Freunde um uns herum, an die wir uns wenden können. Es klingt nach einem Vertrag, den wir mit Menschen eingehen, Freundschaften schließen, Freunde gewinnen. Wir "verwirtschaftlichen“ unsere menschlichen Beziehungen und fühlen uns verpflichtet, ein Versprechen der Freundschaft zu halten, das wir einst gegeben haben. Doch das ist nicht immer möglich. Es gibt es keine Garantie und keine Geld-zurück-Klausel, falls eine Freundschaft auseinander geht. Wir alle sind für unsere Leben selbst verantwortlich und auch dafür, soziale Kontakte zu knüpfen und zu halten. Doch können wir Freunde nicht auf Jahre verpflichten befreundet zu bleiben, noch können wir es verhindern, dass sich Charaktere auseinander entwickeln.
Ähnlich zu Beziehungen, ist auch in einer Freundschaft eine gewisse Anstrengung notwendig. Entweder man arbeitet daran, ist bereit Kompromisse einzugehen, Entschlüsse und Verhaltensweisen des Freundes zu akzeptieren, die man selbst nicht nachvollziehen kann oder man lässt die Freundschaft schleifen, ruft nie an und stellt sich quer, bei Verabredungsversuchen. Zukunft? Ungewiss.
Referenz:
Frank Schirrmacher: Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. (Blessing Verlag)
Foto: © Nicole Celik / PIXELIO
