Interview mit Stuart Pigott

Der Weinkritiker zum deutschen Wein und zu seinem aktuellen Projekt

Für Stuart Pigott boomt der deutsche Wein vor allem in Deutschland. Im Interview erzählt er von den Botschaften des Weins.

Stuart Pigott gilt als einer der bedeutendsten Weinkritiker und Wein-Journalisten weltweit. „Solche Gewächse bringt der deutsche Boden einfach nicht hervor", schrieb die Süddeutsche Zeitung über ihn. Doch nicht nur das, er ermuntert auch die Winzer-Welt immer wieder dazu Neues auszuprobieren. Auf diese Weise ist sein aktuelles Projekt entstanden: der erste WEIN HILFT-Wein zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung, der »R8«-Riesling.

Vor zwei Jahren wurde Ihr Kollege von der FAZ, der Theaterkritiker Gerhard Stadelmeier, bei einer Premiere in Frankfurt von einem Schauspieler angepöbelt. Lebt man als Weinkritiker ähnlich gefährlich?

"Ich kann nicht für den allgemeinen Zustand der Weinkritiker sprechen, ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Völlig ungerechtfertigter Weise habe ich den Ruf, ein gefährlicher und bissiger Hund zu sein. Das hält sehr viele Leute von mir ab, die sonst vielleicht gern pöbeln würden."

Sie haben sich ja schon sehr früh in ganz besonderer Weise dem deutschen Wein gewidmet. Warum gerade der deutsche Wein?

"Es gibt zwei Antworten auf diese Frage, zuerst die logische Antwort: als ich anfing, mich für den Wein zu interessieren, im Frühling 1981, hatte ich das Glück, einige tolle deutsche Weine zu entdecken und ich war davon einfach begeistert. Es folgte darauf die Entscheidung, sich systematisch bzw. intensiv damit zu beschäftigen. Die unlogische Antwort auf diese Frage lautet ganz anders, und die fängt mit diesem Umstand an, dass die Weine zu wenig Beachtung fanden."

Offensichtlich haben Sie genau den richtigen Riecher gehabt, man liest und hört ja überall, dass der deutsche Wein boomt. Aber ist dies nicht eher im Ausland der Fall?

"Nein, vorsichtig! Ich würde eher sagen, dass die Story vom internationalen Boom des deutschen Weins leicht überzogen ist. Wenn man nach Amerika blickt, dann findet man große Unterschiede von Bundesstaat zu Bundesstaat. In den Großstädten der Ost- oder der Westküste findet man sehr viele gute deutsche Weine, inzwischen auch trockene. Aber in der Mitte gibt es nur ein paar „Inselchen", wo der deutsche Wein gut zur Geltung kommt. Und wenn wir weiter hinausblicken, in Skandinavien, funktioniert das super, Japan mäßig. Diese Unterschiede haben einen kulturellen Ursprung, im Grunde zeigt sich darin die unterschiedliche Haltung zum Wein in diesen Ländern. Wo der Boom allerdings ziemlich deutlich ist, ist in Deutschland!"

Es gibt Restaurants in großen Hotels, die vor Jahren ausschließlich deutsche Weine anboten, aber mittlerweile wieder internationale Weine mit ins Sortiment genommen haben.

"Das ist auch gut so. Deutschland ist nicht das A und O der Weinwelt. Dass man den Schwerpunkt Deutschland wählt, finde ich sehr verständlich. Es gibt sehr viele tolle Weinkarten hier in Berlin, die so sind. Und auch wesentlich unprätentiösere Lokale, wo man rauf und runter die tollsten Neuigkeiten des deutschen Weins findet - und traditionelle Stärken natürlich auch."

Welche Eindrücke haben Sie von der gerade zu Ende gegangenen ProWein mit nach Hause genommen?

"Die Weinwelt ist noch gespalten: sehr viele Menschen wollen einen akzeptablen Wein zu einem bestimmten Preis und haben nicht begriffen, dass Wein auch eine Botschaft hat, vielleicht auch mehrere Botschaften."

Welche?

"Die erste und offensichtlichste Botschaft von einem guten Wein ist die von seinem Ursprung. In einem guten Wein ist aber auch - Frieden! Ich weiß nicht, aber manchmal kommt es mir so vor."

Sie haben auf der ProWein den ersten WEIN HILFT-Wein präsentiert, den Riesling „R8". Was ist das für ein Wein?

"Das ist ein Wein von der Jungwinzergruppe „Simply Wine" nach einer Idee von mir gemacht, wobei von jeder verkauften Flasche 1 Euro an die Deutsche AIDS-Stiftung geht. Der Wein und das Projekt sind sehr gut angekommen, das war mehr als wir erwartet haben, aus einem einfachen Grund: acht Winzer, sechs Anbaugebiete, drei Bundesländer, drei Haupt-Terroirs, aber lauter verschiedene Bodenarten an sich, größte Unterschiede im Vinifizierungsstil - und es hat sich zu einer Einheit zusammengefügt. Das ist schon sehr erstaunlich. Und ich habe bei der Cuvée-Probe mit britischem Understatement gesagt: Nicht schlecht für ein deutsche Tafelwein! Und das ist, exakt wie ich es ausgesprochen habe, mit dem kleinen grammatikalischen Fehler, auf dem Etikett gedruckt worden."

Annelie Otte, Annelie Otte

Annelie Otte - Ich habe Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste, Berlin, studiert und im Anschluss in einer ...

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