
- Die Friedensauer Schulgebäude - Michael Voigt
Es soll in der Gegend um Friedensau tatsächlich Menschen geben, die den Ort noch nie betreten haben. Friedensau, das ist ein 500-Seelen-Dorf in Sachsen-Anhalt, irgendwo am äußersten Rand des Magdeburger Umlandes. Diskotheken, Boutiquen oder Lokale sucht man hier vergeblich. Der über schmale Straßen erreichbare Ort ist nahezu eingeschlossen von riesigen Waldgebieten. Irgendwo in der Ferne kündet das Rauschen einer Autobahn vom pulsierenden Leben der Außenwelt. Ansonsten herrscht meist beschauliche Ruhe. Weite Teile des idyllischen Dorfes erinnern an eine Parkanlage.
Friedensau wäre lediglich ein fast vergessenes Kaff, so wie andere derartige Siedlungen in Deutschland, wenn es nicht mit einer Besonderheit aufwarten könnte: Der Ort verfügt über eine Hochschule mit rund 200 Studenten. Die Bildungseinrichtung prägt Szenerie und öffentliches Leben des Dorfes so sehr, dass man auch sagen könnte: Friedensau ist ein Campus mit angeschlossener Ortschaft!
Wie Friedensau entstand
Die Geschichte von Friedensau beginnt erst mit der Wende zum 20. Jahrhundert. Bis dahin gab es auf dem Areal lediglich einen markanten Punkt: Die 1306 erstmals urkundlich erwähnte Klappermühle. Sie verrichtete ihr einsames Werk am plätschernden Bach „Ihle“ und stellte den Rest einer verfallenen Siedlung aus dem Mittelalter dar.
Im September 1899 jedoch erwarb die Religionsgemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten das 34 ha große Gebiet, um eine Industrie- und Missionsschule zu errichten. Unter einfachsten Bedingungen konnte mit sieben Schülern bereits im November des gleichen Jahres der Lehrbetrieb aufgenommen werden. In der Folgezeit entstand eine ganze Anzahl neuer Lehr- und Wohngebäude, welche bis heute das Ortsbild beeinflussen. Für die praxisbezogene Ausbildung sowie als Verdienstmöglichkeit existierten ferner einige Werkstätten, eine kleine Fabrik sowie ein Sanatorium.
Nach dem Ersten Weltkrieg (das Kriegsministerium nutzte die Gebäude als Lazarett) wurde der Lehrbetrieb wieder aufgenommen und in der Folgezeit um kaufmännische, hauswirtschaftliche und medizinische Kurse erweitert. Der Ort war inzwischen enorm gewachsen und erhielt daher 1920 die kommunalpolitische Selbstständigkeit, welche über 80 Jahre erhalten bleiben sollte.
Der Schulbetrieb im Wandel der Zeit
Angesichts des heutigen Lebens auf dem Campus ist es nur noch schwer vorstellbar, wie sehr die Ausbildungsstätte während der beiden deutschen Diktaturen um ihre Existenz bangen musste. Die Hitlerzeit brachte zahlreiche Repressalien mit sich, welche schließlich zur verordneten Einstellung des Lehrbetriebs führten. Im und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg dienten die Schulgebäude erneut als Lazarett, zunächst für Wehrmachtsangehörige, später für die Rote Armee. Es erscheint bis heute als ein Wunder, dass der Unterricht 1947 (trotz eindeutig anderslautender Direktiven aus Moskau) wieder aufgenommen werden konnte. Damit war Friedensau zunächst die einzige kirchliche Lehrstätte in der Sowjetischen Besatzungszone. Während der DDR-Zeit blieb die Ausbildung allerdings auf theologische Fächer beschränkt.
Die heutige Hochschule
Kurz vor der deutschen Wiedervereinigung erlangte der Friedensauer Schulbetrieb 1990 den Status „Staatlich anerkannte Hochschule“. Neben dem Fachbereich Theologie werden seitdem auch Studiengänge in Sozialwesen und Musik angeboten. Ausländische Studenten können zudem das Fach „Deutsch als Fremdsprache“ belegen. Die Mehrzahl der Friedensauer Studenten aus aller Welt gehört den Siebenten-Tags-Adventisten an, jedoch auch Mitglieder anderer Kirchen und selbst Atheisten sind hier anzutreffen. Mit wilden Partys oder Szene-Kneipen kann der Campus zwar nicht dienen. Jedoch schätzt man hier stattdessen die beschauliche Ruhe der parkähnlichen Anlage, welche konzentriertes Lernen erleichtert. Daher befinden sich unter den Studenten auch junge Familien, deren Sprösslinge in der örtlichen Kindereinrichtung betreut werden.
Friedensau: Das Dorf zur Hochschule
Obwohl Friedensau natürlich stark durch den Hochschulbetrieb geprägt ist, hat der Ort für weniger Bildungshungrige ebenfalls Interessantes zu bieten. Es gibt ein Freilicht-Agrarmuseum und mehrere kleine Sportstätten. In der Bibliothek finden öffentliche Buchlesungen statt. Zum Dorf gehört auch ein modernes Seniorenheim mit 122 Einzelzimmern. Für Campingfreunde wiederum erstreckt sich am Ortsrand ein vier Hektar großer Zeltplatz. Eine der jüngsten Errungenschaften von Friedensau ist der Hochseilgarten, wo sich Kletterkünstler in bis zu zwölf Metern Höhe über dem Erdboden austoben können.
Weitere Infos:
Website von Friedensau mit Links zu den verschiedenen Einrichtungen des Ortes
