In dem bürgerlichen Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von 1782/83 hat Schiller die soziale bürgerliche Schicht in den Mittelpunkt gestellt. Dieses Stück ist ein wichtiges Stück des Sturm und Drang. Im Rampenlicht steht Luise Millerin, die von einer Reihe mit Konflikten mit sich selbst, ihrer Liebe, ihren religiösen Vorstellungen und zwischenmenschlichen Beziehungen umstrickt ist und nach einem Ausweg sucht.

In bürgerlichen Trauerspielen spielen Standesunterschiede meist die konfliktbestimmende Rolle, um die sich das ganze Stück dreht. In „Kabale und Liebe“ ist dies auch der Fall. Es tauchen zwei Frauentypen auf: die tugendhafte Luise und die lasterhafte Lady Milford.

Charakterisierung der Figur „Luise“

Die tugendhaften und unschuldigen Mädchen in bürgerlichen Trauerspielen stammen vornehmlich aus bürgerlichen Kreisen. Sie befinden sich unter der Aufsicht des Vateroberhaupts.

Luise ist eine passive leidende Gestalt die für das bürgerliche Trauerspiel geradezu konstitutiv ist. Luises Weltbild beinhaltet offensichtlich die Einheit von Standesordnung, Vaterbindung und moralischer Verpflichtung, eine Einheit, die für sie die Wirklichkeit ausmacht und zugleich religiöse Qualität hat. Durch ihre Bindung in die kleinbürgerliche Familie ist Luise automatisch der bürgerlichen Wirklichkeit zutiefst verhaftet, so dass sie sich in der gottgewollten Ständeordnung weiß und den Übergang von einer gesellschaftlichen Schicht in eine andere nicht zu wagen vermag. Dies macht den Konflikt des Stückes aus.

Die fromme Luise, zu deren Lektüre die Bibel gehört und die zu Anfang des Stückes gerade eben von der Messe zurückgekommen ist, muß sich im Klaren darüber gewesen sein, dass die christliche Religion dem Gläubigen von Unzucht und Unkeuschheit abrät. Nicht ohne Gewissensbisse schildert sie den Kampf, der sich in ihrer Seele zwischen dieser religiösen Norm und der glühenden Liebe zu Ferdinand abspielt „Der Himmel und Ferdinand reissen an meiner blutenden Seele“

Die Herzenswelt wird der Welt der Kabale gegenübergestellt, und die Bürgerstochter muß in verschiedenen Konfliktsituationen selbst ihrem Geliebten Widerstand leisten.

Ferdinand und Luise – die fehlende Basis der Verständigung

Die Tragik von Luise und Ferdinand erwächst darin, dass ihre Liebe nicht einfach am Gegensatz von Unbedingtheit und menschlicher Begrenztheit, sondern an sehr genau bestimmbaren gesellschaftlichen und psychischen Faktoren, die auf den Widerspruch von gesellschaftlicher Realität und bürgerlichen Idealen verweisen, auf eben den Widerspruch also, der die Erfüllung dieser Ideale noch innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft selbst verhindert hat.

Die Auffassungen der Liebenden weichen erheblich voneinander ab, Was Ferdinand für Realität hält, fasst Luise als Träume auf, und was diese für Wirklichkeit erklärt, erreicht keine Anerkennung bei Ferdinand dem Idealisten der Liebe. (Akt I, Szene 4) „Wenn ich bei dir bin (....)“

Die Kluft zwischen den Geliebten bricht weiter auf, als Ferdinand in Akt II, Szene 5 einen Bericht über den Kampf erstattet, den er mit seinem Vater und Lady Milford geführt hat. Ferdinand gibt sich als Sieger, jedoch steigern sich Luises Angstgefühle bis zur Ohnmacht. In diesem seelischen Zustand, in dem Luise von weiteren Gefahren nichts zu erfahren hofft, wird sie von Ferdinand durch seine Schreckensnachrichten in Furcht versetzt. Er handelt unbesonnen und es entsteht der Eindruck, es fehle eine Verständigungsbasis zwischen den beiden Liebenden, denn er erreicht bedauerlicherweise genau das Gegenteil von dem, was er erzielen wollte.

In Akt III, Szene 4 unternimmt Ferdinand wieder den Versuch, Luise zu betäuben und sie abermals in seine Traumwelt hineinzuziehen. Je tiefer Luises Hoffnungen sinken, desto mehr steigen die von Ferdinand. Luise kann Ferdinand nicht zustimmen, denn er steht in krassem Unterschied zu den moralischen Wertvorstellungen ihres bürgerlichen Standes und sie steht in ständiger Abwägung zwischen Pflicht und Liebe.

Den beiden Geliebten wird die Verbindung von beiden Seiten, der höfischen und der bürgerlichen, verweigert, aber indem sie sich zur Wehr setzen, tauchen unüberbrückbare Unterschiede zwischen ihnen auf, die die Aussichtslosigkeit der Verbindung einsichtig machen. Die Heldin tritt mit ihrer Klugheit in den Vordergrund der Handlung und scheint selbst für den um seine Liebe kämpfenden Ferdinand ein Hindernis zu sein. Ferdinand ist typischer Held des Sturm und Drang, weil er sich von Gott bevollmächtigt fühlt, seiner Enttäuschung Vergeltung zu verschaffen um das Todesurteil an Luise zu vollstrecken „Ja! Sie soll dran! (,.....)“ (5,98) Er spürt den Drang nach Rache und bedrängt die Geliebte, die vergiftete Limonade mitzutrinken.

Gewiß stirbt Luise unschuldig, Ferdinand aber in doppelter Schuld, Mord und Selbstmord. Luise kann als Opfer der höfischen Ränkespiele angesehen werden.

Luise und ihr Vater - die bürgerliche Moral

Als Familienoberhaupt will Luises Vater für eine ständige Harmonie in seiner bürgerlichen Stube sorgen, in der ihm als letzter Instanz Frau und Kinder Gehorsam schulden. Aufgrund seiner Stellung in der Familie, erlaubt er sich, sein Veto gegen die Beziehung der Tochter zum Sohn des Präsidenten (Ferdinand) einzulegen und bringt dadurch Luise in eine weitere Konfliktsituation: „Den Major – Gott ist mein Zeuge – ich kann dir ihn nimmer geben.“ In der Akt I Szene 3 wird vorgeführt, wie sittsam und respektvoll sich Luise dem Vater gegenüber verhält, der sie auf die Aussichtslosigkeit einer ehelichen Verbindung aufmerksam macht.

In Kabale und Liebe besteht zwischen Luise und ihrem Vater ein Autoritäts- und Gehorsamsverhältnis. Aber auch als er seinen Einspruch gegen die Verbindung mit Ferdinand vorbringt, zeigt er sich als empfindsamer Vater. Gerade durch seine Zärtlichkeit gewinnt er einen besonderen Einfluß auf Luise, die nun die Vaterliebe höher stellt als ihre leidenschaftliche Liebe zu Ferdinand und darum die Flucht mit dem Geliebten verweigert.

Die Gebundenheit von Luise an ihre bürgerliche Familie darf daher in Hinblick auf die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ausschließlich negativ bewertet werden. Der Untergang von Luise ist durch die Eingebundenheit in ihren Stand ebenso wie in ihre moralischen und religiösen Vorstellungen bedingt, mit denen sich die Liebe zu Ferdinand nicht vereinbaren lässt.

Quellen:

Rachid Mansouri: Die Darstellung der Frau in Schillers Dramen. Verlag P. Lang 1988. Broschur, 586 Seiten. Gebraucht erhältlich.

Helmut Fuhrmann: Zur poetischen philosophischen Anthropologie Schillers. Verlag Königshausen & Neumann 2001. Broschur, 196 Seiten. Gebraucht erhältlich.

Kyeonghi Lee: Weiblichkeitskonzeption und Frauengestalten im literarischen Werk Friedrich Schillers. Doktorarbeit zur Erlangung der Doktorwürde an der Universität Marburg 2003.

Albert Meier (Hrsg.): Friedrich Schiller: Sämtliche Werke. Deutscher Taschenbuch Verlag (2004). Taschenbuch, fünf Bände. Euro 49,90