Friedrich Seidenstücker – Bildchronist des Alltags

Buchcover - F. Seidenstücker
Buchcover - F. Seidenstücker
Eine Berliner Ausstellung und ein umfangreicher Bildband dokumentieren das Werk des Fotografen, der eigentlich Bildhauer hatte werden wollen.

Dass er der Nachwelt einmal als Fotograf im Gedächtnis bleiben würde, hätte sich der am 26. September 1882 im westfälischen Unna geborene Friedrich Seidenstücker kaum träumen lassen. Eigentlich wollte er Bildhauer werden; studierte diese Kunstrichtung auch ab 1905 in Berlin, und das immerhin 18 Jahre lang, ehe er erkannte, dass sein Talent doch nicht für die Monumental-Kunst reichte. Also versuchte er, sein Hobby, die Fotografie, zum Beruf zu machen. Und weil die Zeitungen und Magazine in den 1920er Jahren immer größeren Hunger nach Bildern hatten, kauften sie auch seine.

Nie ohne Kamera unterwegs

Friedrich Seidenstücker, so heißt es, habe seine Wohnung nie ohne seine Kamera verlassen. Das Ergebnis: Sein erhaltenes Werk, das 1971 in das Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz eingegangen ist, umfasst 14.000 Fotografien. Als Chronist des Alltags ist er zwar nie so bekannt geworden wie seine großen Zeitgenossen – etwa Erich Salomon in Deutschland, Robert Doisneau in Frankreich oder Arthur Fellig, genannt Weegee, in New York.

Aber wenn sich die Qualität eines Fotos anhand der Komponenten Ort, Zeitpunkt und Motiv beurteilen lässt und die Begabung sich daran misst, die einzig mögliche Sekunde, da der Finger auf den Auslöser drücken kann, zu erwischen und damit jenen vielbeschworenen magischen Moment für die Ewigkeit festzuhalten, gehört der Westfale in Berlin fraglos zu den Meistern seiner Zunft. Mögen seine Bilder auf den ersten Blick wenig spektakulär, ja mitunter sogar belanglos und oberflächlich erscheinen, so erzählen sie doch, bei genauerem Hinsehen, Geschichten, die sich zum Bilderbogen ganzer Generationen beziehungsweise Epochen formen.

Berlin von unten

Es sind nicht die Stars von Film und Theater, die Politiker, die Zwanziger-Jahre-Prominenten, die den Seidenstücker-Kosmos bevölkern. "Er mied die politischen Ereignisse genauso wie die Umgebung einschlägiger Klubs und Etablissements und wich auch der besseren Gesellschaft aus, die er auf den Prachtstraßen Berlins hätte erleben können", heißt es im Vorwort des Bildbandes, der als Begleitbuch zur Ausstellung erschienen ist. Stattdessen fotografierte er, sozusagen, Berlin von unten: ärmlich gekleidete Frauen, die sich an einer Straßenecke unterhalten; eine blinde Straßenhändlerin am Potsdamer Platz mit kleinem Mädchen, das sich in den Falten ihres Mantels verkriecht, und einem Hund, der neben der dürftigen Auslage döst; diskutierende Gepäckträger am Potsdamer Bahnhof, ein barfüßiger Mann in einem schäbigen, übergroßen Mantel, die (zu engen?) Schuhe abgestreift und den Kopf auf die Arme gelegt - ein Bild stillen Jammers.

Kinder fotografiert er häufig, da sie, in ihr Spiel vertieft, den Mann mit der Kamera überhaupt nicht beachten: die Knirpse, die sich um einen Roller streiten oder im Nachkriegsberlin auf einer abmontierten Panzerkette ihre Schätze begutachten. Zwei Mädchen, die sich unter dem gigantischen Fuß einer Statue vom (zerstörten) Nationaldenkmal am Schloss verkrochen haben – eine der witzigsten Fotografien im Buch – und immer wieder junge Frauen.

Aktfotos - ganz und gar unerotisch

Er porträtiert sie als moderne, selbstbewusste Wesen, wie sie im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre die Büros, Kaufhäuser, Restaurants und Bars bevölkerten – Sekretärinnen, Studentinnen, Mütter. Von der unterschwelligen Erotik, die diese Bilder eigentlich ausstrahlen sollten, ist allerdings wenig zu spüren. Eher unerotisch sind ihm auch die wenigen Aktfotos geraten, die Eingang in das Buch gefunden haben. Hier ist Seidenstücker wirklich nur, in des Wortes doppelter Bedeutung, ein Amateur, der Nacktheit seltsam verkrampft und unfreiwillig komisch ablichtet.

Konsequent unpolitisch, hat der Fotograf die Auswüchse des Nationalsozialimus nur am Rande dokumentiert – in diesen Band sind lediglich zwei entsprechende Dokumente eingegangen: ein kleines Mädchen, das mit einem Hakenkreuzwimpel winkt, und ein Aufzug vom Bund deutscher Mädel, die sich am 15. Oktober 1933 in Köln zusammengefunden haben.

Je dunkler jedoch die Wolken am politischen Himmel über Deutschland wurden, umso häufiger ist Seidenstücker, Rückzug vielleicht in eine Idylle frei von gesellschaftlichen Zwängen, in den Zoologischen Garten gegangen, dessen Besucher und Insassen er immer wieder abgelichtet hat – darunter "Porträts" eines würdevoll dreinblickenden See-Elefanten, eines arroganten Alpaka und eines indigniert in die Kamera blinzelnden afrikanischen Riesenreihers .

Frühe Dokumente der Umweltverschmutzung

Erstaunlich für seine Zeit ist eine Reihe von Bildern zu Beginn der 1930er Jahre, in denen er erste Auswüchse der Umweltverschmutzung dokumentiert (Strandgut an der Pfaueninsel, achtlos entsorgter Haushaltsmüll am Sarkower See, Chemierückstände auf dem Seddiner See). Mehr als das Bewusstsein für die Umwelt dürften den Fotografen allerdings die bizarren und absurden Bildkompositionen interessiert haben, die sich aus dem Zusammenspiel von Zivilisationsmüll und beschädigter Landschaft ergaben.

Friedrich Seidenstücker ist am 26. Dezember 1966 in einem Berliner Pflegeheim gestorben. Zuletzt lebte er von rund 270 Mark monatlich – eine Rente von 100 Mark, Zuwendungen des Journalistenverbands und dem Honorar eines hin und wieder verkauften Fotos.

Rund 230 Fotografien aus den Jahren 1925 bis 1958 zeigt bis zum 6. Februar 2012 die Berlinische Galerie.

Das Buch zur Ausstellung ist im Hatje Cantz Verlag erschienen: Friedrich Seidenstücker, Von Nilpferden und anderen Menschen (Texte deutsch und englisch), 328 Seiten, 39,80 Euro.