Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Wie der Sozialreformer ins 21. Jahrhundert passt

Dr. Walter Koch - Andreas Schultheis
Dr. Walter Koch - Andreas Schultheis
Friedrich Wilhelm Raiffeisen gilt als Gründer des weltweiten Genossenschaftswesens. Seine Ideen tragen auch im 21. Jahrhundert noch Früchte.

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, oder zumindest wenig. So ist es auch mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 bis 1888), einem der größten Söhne des Westerwaldes, dessen Wirken bis heute sichtbar ist. So gilt er nicht nur als Gründer des weltweiten Genossenschaftswesens, sondern hat als Bürgermeister der Westerwald-Gemeinden Weyerbusch, Flammersfeld und Heddesdorf seinerzeit wegweisende Infrastrukturprojekte auf den Weg gebracht, die verkehrsmäßige Erschließung in den Kölner Raum vorangetrieben und sich vor allem um die Bildung der Landbevölkerung gekümmert.

Im Herzen des Raiffeisenlandes

In seiner Heimat, im Herzen des Raiffeisenlandes, bewahrt die dortige Westerwald Bank, die in direkter Nachfolgelinie zu Raiffeisens erstem Darlehnskassenverein steht, das Andenken an ihn. Sie ist auch Betreiber eines nach ihm benannten Bildungszentrums in Weyerbusch im Landkreis Altenkirchen, dem Raiffeisen-Begegnungs-Zentrum (RBZ), zu dem unter anderem sein erster Amtssitz als Bürgermeister gehört.

Raiffeisen im 21. Jahrhundert

Doch wie passt Raiffeisen ins 21. Jahrhundert? Leider sei er als Persönlichkeit der Wirtschafts- und Sozialgeschichte vielen gar nicht - oder nicht mehr - so präsent, zumindest im eigenen Land, meint Raiffeisen-Spezialist Dr. Walter Koch aus Fürstenfeldbruck. Eigeninitiative und Selbstverantwortung im Sinne Raiffeisens seien keine Notlösungen, sondern die Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft. Raiffeisen, so Koch, der über den „Genossenschaftsgedanken F.W. Raiffeisens als Kooperationsmodell in der modernen Industriegesellschaft“ promovierte, sei damals weit weniger als Sozialreformer wahrgenommen worden, vielmehr habe er für Infrastruktur gesorgt und den Straßenbau vorangetrieben, um Verkehrswege in Richtung Köln zu erschließen.

Marx und Engels waren Utopisten

Für Koch hat Raiffeisen seine Arbeit aus christlicher Grundüberzeugung gelebt und sei vor allem praktisch an die Probleme der Zeit herangegangen. Während Karl Marx und Friedrich Engels versuchten, die Menschen in ein theoretisches Gesellschaftsschema einzupassen, habe er erkannt, wie die Menschen sich selbst helfen könnten, wenn sie sich organisierten. „Ihre Verwirklichung konnte niemals erreicht werden“, so Koch mit Blick auf den Zusammenbruch der osteuropäischen Planwirtschaften. Die Utopisten hätten sich zu sehr von den tatsächlichen Gegebenheiten der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entfernt.

Bildung war Raiffeisens Thema

Raiffeisens Sorge galt zuallererst der Bildung, die die Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg des Einzelnen schaffe und auch heute oft auf der Strecke bleibe. Ausdruck dessen sei beispielsweise der nach seinen eigenen Plänen durchgeführte Bau des Schulhauses in Weyerbusch. „Wenn wir nun in das 21. Jahrhundert wechseln, dann haben wir heute das große Problem, dass viele Jugendliche keinen richtigen Schulabschluss haben und daher keinen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz finden“, so Koch.

Genossenschaft steht für Selbstbestimmung und Selbstverantwortung

Dabei würde er auch Missstände anprangern, ginge mit dem Verfall der Werte hart ins Gericht. „Raiffeisen hätte die Unmoral von scheinbaren Eliten täglich in Wort und Schrift angeprangert und er hätte alles versucht, Mittel und Wege zu finden, gegen diese Unmoral anzusteuern. Wir reden ja ständig darüber, dass wir wieder Werte brauchen.“ In einer Genossenschaft seien diese wohl am ehesten im Wirtschaftsleben zu verwirklichen, auch um in der Bevölkerung das Bild des Unternehmers positiver zu besetzen, als es bisweilen der Fall sei. So sei die traditionelle Idee der Genossenschaft nicht nur modern und innovativ, sondern eine wichtige Strategie mittelständischer Unternehmen, um im Wettbewerb zu bestehen. Wie keine andere Unternehmens- und Rechtsform stehe die Genossenschaft für Selbstbestimmung und Selbstverantwortung.

Andreas Schultheis - Andreas Schultheis, Jahrgang 1974, war nach dem Studium der Politik- und Medienwissenschaft wissenschaftlicher Mitarbeiter einer ...

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