Frühes Leid – Triebkraft der Kunst?

Der Schrei - Inga Ganzer
Der Schrei - Inga Ganzer
Eine unglückliche Kindheit kann den Fortgang eines ganzen Lebens negativ beeinflussen. Leid und Einsamkeit können aber auch zum Motor für die Kunst werden.

Die französische Künstlerin Louise Bourgeois hat nach eigener Aussage die Trostlosigkeit der eigenen Kindheit mithilfe der Kunst be- und verarbeitet und noch im hohen Alter ihre Dankbarkeit über das "Privileg zu sublimieren" ausgedrückt. Und sie ist nicht die einzige Künstlerin, deren Leid, Einsamkeit und Traurigkeit der ersten Jahre zu einem Motor wurde, künstlerisch tätig zu sein.

Der Niederschlag der Seelennot in der Literatur

Der deutsche Schriftsteller Herrmann Hesse (1877-1962), Spross einer Missionarsfamilie, wechselt nach einem Umzug der Eltern mit 14 Jahren in das evangelisch-theologische Seminar Maulbronn, in dem er seinen Platz nicht finden kann. Eine ganze Reihe von Konflikten entspinnen sich und Hesse wechselt von Schule zu Schule. Nur ein Jahr später leidet er an einer Depression und unternimmt einen Selbstmordversuch. Den anschließenden Aufenthalt in der Nervenheilanstalt Stetten verarbeitet er in dem berühmt gewordenen Brief an seinen Vater, den er mit "H. Hesse, Gefangener im Zuchthaus zu Stetten" unterzeichnet. Diese Erfahrungen werden zum Stoff einer ganzen Reihe von Entwicklungsromanen wie Demian oder Peter Camenzind. Auch der in Prag geborene deutschsprachige Schriftsteller Franz Kafka (1883-1924) hat einen Brief an den Vater verfasst, in dem er dessen Tyrannei anprangert, unter der er bis zu seinem frühen Tod leidet. Vor allem in seinem vielleicht berühmtesten Buch Die Verwandlung findet dieses Schicksal einen Ausdruck.

Klaus Mann (1906-1949), Sohn des übermächtigen Zauberers Thomas Mann, bezeichnet seinen Status als Sohn des damals wohl berühmtesten deutschen Schriftstellers als "die bitterste Problematik meines Lebens". Und auch sein jüngerer Bruder Golo (1909-1994), von der Mutter als "sensibel, nervös und schreckhaft" charakterisiert, kann den Ambitionen des Patriarchen nicht entsprechen und so hält Golo in seinen Erinnerungen und Gedanken fest, dass der Vater vornehmlich "Schweigen, Strenge, Nervosität oder Zorn" ausstrahlt. Golo Mann leidet ab etwa dem 15. Lebensjahr an einer Depression, die bis zu seinem Tod immer wieder in sein Leben dringt. Trotz oder in diesem Fall aufgrund der Präsenz des Übervaters haben beide ein bis heute beachtetes Werk hinterlassen.

Der deutsche Lyriker Rainer Maria Rilke (1875-1926), die personifizierte Empfindsamkeit, wird von seiner Mutter, die den Verlust ihrer ein Jahr zuvor geborenen und bald darauf gestorbenen Tochter nicht verkraftet, in die Rolle eines Mädchens gedrängt. Der zart besaitete Junge, der schon sehr früh ein Talent fürs Dichten und Zeichnen zeigt, kommt mit zehn Jahren auf eine Militärschule, die zutiefst seinem Wesen widerspricht und die er sechs Jahre später aus Krankheitsgründen wieder verlässt.

Der österreichische Expressionist Georg Trakl (1887-1914) wird aufgrund der Drogenabhängigkeit seiner Mutter, gemeinsam mit seinen sechs Geschwistern von einer Gouvernante aufgezogen. Trakl ist ein schlechter Schüler und kommt schon während der Schulzeit mit Drogen in Kontakt, mit denen er eifrig experimentiert. Nach dem Tod des Vaters verfällt Trakl in Depressionen. Nervenzusammenbrüche bestimmen sein Leben. Der Verfasser des Gedichts Der Herbst des Einsamen stirbt mit 27 Jahren an einer Überdosis Kokain.

Traurige Kinder und das Feld der Kunst

Die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907-1954) hat mit 18 Jahren einen schweren Unfall, der ihr aufgrund anhaltender Schmerzen und der verlorenen Gebärfähigkeit ein Leben lang gewahr bleibt. Doch sagt sie zu ihrer Mutter vollen Mutes: "Ich bin nicht gestorben, und außerdem habe ich etwas, wofür es sich zu leben lohnt: die Malerei".

Schon in frühen Jahren wird auch der norwegische Maler und Grafiker Edvard Munch (1963-1944) mit den Themen Krankheit und Tod konfrontiert. Seine Mutter stirbt, als er fünf ist. Eine seiner Schwestern erliegt früh einer Schwindsucht, eine andere leidet an Depressionen. Munch selbst ist als Kind sehr kränklich und im späteren Leben Opfer einer manisch-depressiven Erkrankung gewesen. Sein bekanntestes Werk Der Schrei (ursprünglich Verzweiflung) ist ein Spiegelbild dieser Erfahrungen.

Mark Rothko (1903-1970), lettischstämmiger Maler und Jude flieht mit seiner Familie nach Pogromen in seiner Heimat in die USA. Nach eigener Aussage stehen die Farbfelder, mit denen er weltberühmt geworden ist, für die Gräber, die die von Kosaken entführten Juden in den Wäldern für sich selbst geschaufelt haben. Rothko ist selbst Augenzeuge dieser Erniedrigung gewesen. Mit elf Jahren verliert er zudem seinen Vater. Auch er leidet den größten Teil seines Lebens an einer manisch-depressiven Erkrankung und nimmt sich mit 66 Jahren das Leben.

Der französische Symbolist Odilon Redon (1840-1916) ist wie Bourgeois ein schönes Beispiel dafür, dass Kunst heilen kann. Redon wird schon als Baby von seinen Eltern abgegeben und wächst bei einer Amme auf. Seine Ängste und die Erfahrung der Einsamkeit leben den größten Teil seines Künstlerlebens in Kohlezeichnungen, den sogenannten Noirs, fort. Erst im letzten Drittel seines Lebens transformiert sich seine Kunst ins Lebhafte und ergießt sich von nun an in gewaltigen Farbexplosionen und Heiterkeit ausdrückenden Sujets.

Empfindsamkeit als Bedingung der Kunst

Natürlich führt eine von Einsamkeit, Tyrannei, Krankheit oder Verlust eines Elternteils geprägte Kindheit nicht automatisch zu einem künstlerischen Ausdruck. Und genauso gibt es eine ganze Reihe von Künstlern, die eine Kindheit voller Liebe und Interesse erlebt haben und in Geborgenheit aufgewachsen sind. Doch eine wesentliche Bedingung des Künstlerdaseins ist die Empfindsamkeit, eine Eigenschaft, die nur in der Kindheit gelegt werden kann. Diese wird entweder von den Eltern übernommen oder auf der Basis von extremen emotionalen Belastungen aus sich selbst heraus erfahren.

Die therapeutische Kraft der Kunst

Eine unglückliche Kindheit muss nicht zwangsläufig in einem traurigen Leben enden. Das Leid der frühen Jahre kann mithilfe der Musik, der Literatur, der Malerei oder jeder anderen Art von Kunst sublimiert und umgewandelt werden. Kunst hat die Kraft, Leid in Daseinsfreude zu transformieren. Und: Kunst kann nicht nur den Künstler selbst heilen, sondern auch den Betrachter berühren und trösten oder ihn mit Ängsten konfrontieren, um seine Heilung voranzutreiben, zum Beispiel mit Kunsttherapien.

Quellen: Hermann Hesse; Klaus Mann: Kind dieser Zeit; Rainer Maria Rilke; Georg Trakl; Raquel Tibol: Frida Kahlo. Ein offenes Leben; Edvard Munch; Michael Gibson: Odilon Redon.

Inga Ganzer - * 1978 in Dessau; Kulturwissenschaftlerin mit kaufmännischer Ausbildung; Fotografin, Lyrikerin und Autorin; Veröffentlichungen ...

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