
- Blumen - Lou Avers
Das Alentejo ist Portugals flächenmäßig größte und gleichzeitig ärmste Provinz. Einst die Kornkammer des Landes, war es lange Zeit von der Zentralregierung vergessen. Heute ist das Alentejo in. Tourismuskonzerne entdecken den vergänglichen Charme der weißen Dörfer und bukolischen Landschaften. Zwischen März und Mai legt sich ein bunter Blütenteppich über die Felder und Hügel. Angenehme Temperaturen wärmen die sonnenentwöhnte Winterhaut. Dann kann sich niemand vorstellen, wie Mensch, Tier und Böden im Sommer unter brütender Wüstenhitze schwitzen.
Das Alentejo atmet Geschichte
Portugals linksgerichtete Nelkenrevolution von 1974 nahm ihren Anfang im Alentejo. Bis heute hat hier die Kommunistische Partei Portugals die meisten Wähler, in manchen Dörfern erreicht sie gar über 50 Prozent der Stimmen. Von Grandola aus marschierten die putschenden Streitkräfte gen Lissabon, um die über 40jährige Diktatur des Estado Novo zu beenden. Das verbotene Lied „Grandola, Vila Morena“ wurde zum Startsignal der Militärs und die Zeile „Das Volk hat das Sagen“ (O povo é quem mais ordena) zum gefeierten Schlachtruf der Revolution.
Tagelöhner und Großgrundbesitzer
Die sozialen Unterschiede waren im Alentejo seit jeher besonders ausgeprägt. Eine Handvoll einflussreicher Familienclans hielt die Ländereien in Händen. Die Mehrheit der Bevölkerung arbeitete als Bauern, Fischer oder Landarbeiter auf den Latifundien. Nach der Revolution wurden die Großgrundbesitze zunächst verstaatlicht und an Kooperativen zur Bewirtschaftung übergeben. Die Agrarreform hielt jedoch nicht lange an, die neu gewählte Regierung machte die Verstaatlichungen rückgängig und gab die Liegenschaften zurück an die Besitzer. Auch heute noch gehören die meisten Olivenplantagen, Rinder- und Schafzuchtfarmen und Korkeichenflächen wenigen mächtigen Familien.
Wassermangel und Sonnenüberschuss
Die Region leidet unter Wassermangel und geringen Niederschlägen. Wenn es im Winter und Frühling nicht ausreichend regnet, haben die Kleinbauern und Viehzüchter im Sommer ein Problem. Eine Reihe von Stauseen, darunter auch der größte Stausee Europas, die Barragem da Alqueva, sollen den Ausgleich schaffen. Doch sind die Wasserstände niedrig, kann es im Hochsommer zu Engpässen kommen. Gleichzeitig ist die Sonne das größte Kapital. Im Bereich der erneuerbaren Energien geht die Region zukunftsgerichtete Wege. Gleich zwei der weltgrößten Solarparks sind im Alentejo angesiedelt. In den kleinen Dörfern Amareleja und Brinches stehen die derzeit größten Photovoltaikanlagen der Gegenwart.
Historische Dörfer im Alentejo
Eine Reise durch die weiß gekalkten Dörfer des Alentejo ist wie eine Reise mit der Zeitmaschine. In manchen Orten und Städtchen hat man das Gefühl, die Uhr sei einfach stehen geblieben. Schwarz gekleidete Senhoras sitzen vor ihren Häuschen und machen Handarbeit. Gemütliche Senhores mit Schiebermütze halten im Park oder der Bar um die Ecke ihren Schwatz. Fast jedes Dorf hat eine Grünanlage mit Parkbänken rund um einen Musikpavillon. Man trifft noch auf Esels- und Mulikarossen, die über handgeklopfte Steinpflaster holpern. Mittelalterliche Dörfer von Burgen gekrönt und Mauern umgeben, erzählen von kriegerischen Zeiten mit dem Nachbarn Spanien. Monsaraz, Marvão, Castelo de Vide, Crato, Alvito…sind Zeugen der Vergangenheit. Evora ist eine pulsierende Kleinstadt mit einer beeindruckenden historischen Altstadt. Ein römischer Dianatempel thront gegenüber der romanischen Kathedrale und der ehrwürdigen Universität. Eine Reihe steinzeitlicher Stätten wie Menhire, Gangräber und Steinkreise sind hier beheimatet. Der Kromlech von Alemendres bei Evora ist mit 95 mannshohen Hinkelsteinen der bedeutendste aus der Zeit um 5000-4000 v. Chr.
Nur kein Stress: Alentejanos haben die Ruhe weg
Hektik und Stress haben im Alentejo keinen Platz. „Depressa e bem não faz ninguem“, sagen die Alentejanos. „Eile mit Weile oder wörtlich: Schnell und gut, macht niemand“. Man hat viel Zeit. Warten und Schauen sind die Hauptbeschäftigung der Alten. Die restlichen Portugiesen reißen gerne spöttische Witze über die Langsamkeit ihrer Landsleute. Es gibt ähnlich unserer Ostfriesenwitze eine ganze Reihe von überzogenen Scherzen über die Alentejanos. Diese nehmen es gelassen. Sie wissen, dass die gestressten Großstädter sie doch nur um die Ruhe beneiden.
Mitbringsel und Souvenirs aus dem Alentejo
Keramikprodukte aus dem Alentejo sind berühmt. Sao Pedro do Corval bei Reguengos de Monsaraz ist die portugiesische Töpferhauptstadt. Eine Olaria (Töpferei) reiht sich an die andere. Der ganze Ort besteht fast nur aus Keramikwerkstätten, die alle auch ins Ausland exportieren. Handbemalte Teller, Vasen, Tassen oder Schalen stehen dort in den Regalen zum Trocknen und Brennen. Auch gewebte Produkte wie Wolldecken oder Teppiche sind beliebt. Auch für frisch verliebte Pärchen ist der Ort an Anlaufpunkt. An der Pedra dos Namorados (Stein der Verliebten) werden sie einen Stein rücklings auf eine riesige Felsnase. Wenn er liegen bleibt, ist die Hochzeit gesichert.
Essen und Trinken im Alentejo
Brot, Wein und Oliven gehören zu jedem Mahl im Alentejo. Die fruchtigen Rotweine der Region gehören zu den besten Portugals. Auch Ziegen- und Schafskäse sind eine Spezialität. Vor allem aber ist die Gastronomie des Alentejo deftig: porco preto, das iberische Schwein (in Andalusien auch als pata negra bekannt) wird besonders gerne gegessen. An der Küste mischt man auch gerne Schweinefleisch mit Herzmuscheln im Carne Alentejana.
