Führer werden gemacht, nicht geboren

Ein Interview mit Loung Ung, Kambodscha Aktivistin und Autorin

Loung Ung - Loung Ung
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Loung Ung wurde 1970 in Kambodscha geboren und war fünf Jahre alt, als die Roten Khmer 1975 in Kambodscha die Macht ergriffen und ein grausames Terrorregime etablierten.

Loung Ung floh 1975 in die USA, wo sie seit 1980 lebt. Heute ist sie Aktivistin, Autorin und Privatdozentin für die "Kampagne für eine Welt ohne Landminen", die als Organisation der Internationalen Bekämpfung zum Verbot von Landminen (ICBL) 1997 den Friedensnobelpreis erhielt. Ihre Erinnerungen an Kambodscha hat die Aktivistin - aus der Perspektive des Kindes – in einem Buch “Der Weite Weg der Hoffnung” nieder geschrieben und in 11 Sprachen übersetzt.

Suite101.de: Loung, Ihrer Meinung nach werden Führungskräfte gemacht und nicht geboren, was meinen Sie damit und woher ziehen Sie diese Erkenntnis?

Loung Ung: In Amerika ist das Führungskonzept oft auf der Grundlage des Individualismus aufgebaut. Es erweckt den Eindruck, dass nur außergewöhnliche Individualität zum Erfolg führen kann. Diese Geisteshaltung gehört der Vergangenheit an, Führungskräfte müssen nicht allein führen. Viel wichtiger ist die Glaubwürdigkeit und die Authentizität. Hinzu kommt noch die Fähigkeit, Gedanken und Handlungsstärke kreativ einzusetzen.

Führungskräfte müssen nicht allein führen. Im Westen herrscht die Philosophie, dass Führungskräfte Dinge allein in die Hand nehmen müssen, um glaubwürdige Führer zu sein. Meiner Meinung nach lässt der Mensch dabei etwas außer Acht. Frauen sind zum Beispiel natürliche Vermittler und Organisatoren. Während meiner Zeit als Aktivistin mit der "Kampagne für eine Welt ohne Landminen", erhielten wir den Friedensnobelpreis.

Jodi Williams war dir treibende Kraft und Koordinationsmanagerin, aber es war das internationale Team, eine globale Gemeinschaft, die diese Ehrung ermöglicht hat und wir alle waren sehr stolz, auf unsere Teamarbeit.

Glaubwürdigkeit und Authentizität: In meiner Anfangszeit als Sprecherin der Kampagne, hatte ich hautsächlich mit weißen männlichen Kollegen mittleren Alters zusammen gearbeitet. Ich war eine junge Frau die am Anfang Ihrer Kariere stand. Es war mir sehr wichtig glaubwürdig zu erscheinen, daher habe ich hauptsächlich versucht, mich meinen männlichen Kollegen anzupassen und wie sie zu denken, zu sprechen und zu handeln.

Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Besprechung, in der ich darauf wartete, die "weiße" Stimme in mir zu erwecken, damit ich glaubwürdig erscheine, aber statt dessen war ich ruhig und es kam kein Wort über meine Lippen.

Diese Denkweise hat mich ausgeschlossen! Mir wurde klar, dass ich mich mit meiner eigenen Stimme äußern muss und somit meiner eigenen Identität freien Lauf geben.

Ich bin eine aus Kambodscha stammende Amerikanerin, die in einem Kriegsgebiet gelebt hat und als Immigrantin in einer kleinen amerikanischen Stadt aufgewachsen ist.

Englisch ist meine vierte Sprache, und mit dieser Erkenntnis und meiner eigenen Authentizität, lebte plötzlich etwas in mir auf, ich war dynamischer und konnte nun meine eigenen Gedanken besser vermitteln.

Einfallsreichtum: Für eine lange Zeit dachte ich, Aktivismus bedeutet auf den Straßen zu demonstrieren, Kundgebungen beizuwohnen und Reden zu halten. Stattdessen sind Einfallsreichtum und der erfinderische Umgang mit Ressourcen, egal wie klein oder groß, viel wichtiger. Dies ist auch der Grund, warum ich meine persönliche Geschichte aufgeschrieben habe. Dabei ging es mir nicht um meine Person, sondern die Aufmerksamkeit auf Kambodscha zu lenken, um an der Diskussion von Krieg, Frieden und Diplomatie einen bedeutungsvollen Beitrag leisten zu können.

Suite101.de: Glauben Sie, dass andere Länder Lehren aus Ihren Erfahrungen ziehen können?

Loung Ung: Auf der Gruniner Reisen - absolut! Darüber hinaus, spüren weibliche Führungskräfte besonders diese Herausforderung. Es ist eine Welt der Patriarchen. Für Frauen ist es nicht genug, Führungspositionen anzugreifen, sondern die Hindernisse die sich ihnen stellen zu überwinden und strategisch einzusetzen. Frauen sind natürliche Vermittler, gefühlsmäßig und unmittelbar stärker an die Erde, die Gesellschaft und zu einander gebunden. Teamarbeit fällt Frauen einfach leichter.

Suite101.de: Welchen Rat würden Sie jungen und aufstrebenden Führungskräften in dieser neuen wirtschaftlichen Realität geben?

Loung Ung: Ich liebe das folgende Zitat von Archibald McLeish; "We are deluged with facts, but we have lost, or are losing our human ability to feel them.” (Wir werden mit Fakten überschwemmt, und wir verlieren unsere menschliche Fähigkeit zu fühlen.")

Im heutigen Informationsalter ist unsere Welt ständig im Wandel. Dinge bewegen sich schneller als je zuvor. Die Phasen in der Amerika und Europa schnell reagieren konnten und nach Sofort-Lösungen suchten, ist in dieser neuen wirtschaftlichen Realität nicht mehr möglich. Die Welt kann sich nicht mehr von heute auf morgen verändern. Um einen Wandel zu ermöglichen, Führungskräfte müssen planen und darüber hinaus, sich im Klaren sein was ihnen dieser Plan bedeutet.

Als „Freshmen“ in College, wusste ich schon am ersten Tag, dass ich in meinem „Junior“ Jahr ins Ausland gehen muss. Ich habe keine drei Jahre gewartet um meine Pläne zu verwirklichen. Ich habe diesen Plan am ersten Tag in Bewegung gesetzt und mich mit ausländischen Studenten angefreundet und mich für Sprachkurse angemeldet. Viele Erfahrungen im Ausland zu sammeln war mir sehr wichtig und drei Jahre später habe ich dann ein Semester in Frankreich verbracht.

Es klingt einfach, aber im Zeitalter der Gier und sofortiger Befriedigung scheinen wir die strategischen Vorteile eines Aktionsplans vergessen zu haben.

Britta Stromeyer Esmail, Britta Stromeyer Esmail

Britta Stromeyer Esmail - Geboren am schönen Bodensee, lebe seit 1997 in den USA. Ich habe ein paar Jahre an der Universität Konstanz studiert und dann ...

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