
- Führen in Extremsituationen - US Army
20. Oktober 2008. Ein Selbstmordattentat südlich von Kundus. 500 Meter entfernt wird ein deutsches Einsatzfahrzeug attackiert. Das Fahrzeug brennt, Munition explodiert. Vier Feldwebel eilen trotz Beschuss zum Anschlagsort, helfen den Opfern. Zwei Kameraden aus dem Fallschirmjägerbataillon 263 Zweibrücken sind gefallen. Fünf afghanische Kinder werden durch die Explosion getötet, ein weiteres verletzt. Am 06. Juli 2009 werden die vier Soldaten von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.
Führung in Extrem-Situationen
Situationen, in denen es um Leben und Tod geht, erfordern ein besonderes Führungsverhalten: „In extremis Leadership“ ist das Führen in besonders gefährlichen Situationen. In manchen Berufsfeldern gehört das Führen unter Gefahr zum Alltag. Dazu gehören Militär, Polizei oder Feuerwehr, aber auch Bergsteigerteams oder Expeditionsleiter. Auch lebensbedrohliche Situationen, Krisen oder Bürgerkriege zeigen: Manche Menschen wachsen in lebensbedrohlichen Situationen über sich hinaus und zeigen unter widrigen Umständen herausragende Charaktereigenschaften und Tugenden. Erkenntnisse über das Führen unter Gefahr sind wichtig, um erfolgreiche Führungskräfte für kommende Extremsituationen zu erkennen und weiterentwickeln zu können.
in extremis Leadership
„In extremis“ bezeichnet einen Ausnahmezustand, bei dem der Verlust von Leben minimiert werden muss oder eine katastrophale Entwicklung der politischen oder militärischen Situation droht. Ein Führer in solch einer Lage vermittelt in einer lebensbedrohlichen Lage seinen Leuten Ziel, Motivation und Richtung. Die Mannschaft weiß, dass ihr Überleben oder ihre körperliche Unterversehrtheit stark vom Verhalten der Führungskraft abhängt.
Die erfolgreichen Führer von solchen Teams zeichnen sich durch besondere Fähigkeiten aus. Die Erkenntnisse der Führungsforschung lassen sich aber nicht einfach auf diesen Spezialbereich übertragen. Die meisten Theorien über Führung basieren auf Untersuchungen von Studenten und Management. Ein guter Manager im Business- oder Sportbereich ist nicht unbedingt für Extremsituationen geeignet. Management ist der Umgang mit Komplexität - hier geht es tagtäglich um Planung, Budgetierung, Organisation oder Problemlösung. Leadership hingegen bedeutet, mit Veränderung umzugehen, Richtungen vorzugeben, die Mannschaft zum Erfolg zu motivieren.
7 Charakteristika erfolgreicher Führung „in extremis“
Oberst Thomas Kolditz ist Professor an der United States Military Academy at West Point, New York. Er wertete die Ergebnisse von Studien aus, die sich speziell auf Führung in Extremsituationen bezogen – also auf gelebter Erfahrung von Menschen in lebensbedrohlichen Situationen beruhen.
Hier kristallisierte sich ein Bild von Elementen heraus, wie erfolgreiche Führung in Extremsituationen aussieht:
- Kompetenz
- die Fähigkeit, Vertrauen herzustellen
- Loyalität zum Unternehmen / zur Sache
- inhärente Motivation für die Aufgabe oder Mission
- Lernbereitschaft / Lernfähigkeit
- Sinn für ein das gemeinsame Risiko ("shared risk")
- einfacher, angepasster Lebensstil
Den eigenen Führungsstil “in extremis” kann man kostenlos auf der Seite von Oberst Kalditz online ermitteln (englisch). Nach rund 50 Fragen erhält man eine Auswertung über die Top 5 der eigenen Stärken.
Lektionen für jeden Tag von Oberst Kalditz:
- Motivation ist im Zusammenhang mit Lernen am wirkungsvollsten
- Das Teilen von Not und Risiken erhöht die Glaubwürdigkeit
- Der eigene Lebensstil zeigt, was Du bei deiner Mannschaft schätzt
- Wenn Du deine eigene Kompetenz entwickelst, förderst Du gleichzeitig Vertrauen und Loyalität
- Extreme Bedrohungen enthüllen den wahren Charakter von Anführer und Mannschaft
- Deine Herkunft ist irrelevant
- Nutze den lebensverändernden Charakter deiner Arbeit, um zu inspirieren
- Die Führungseffektivität kann bedingt sein
- Die besten Anführer wollen Anführer sein - mit Leidenschaft
“In extremis Leadership ” und Positive Psychologie
Der grundlegende Ansatz des „in extremis Leadership“ ist verwandt mit dem der Positiven Psychologie: Es geht darum, die förderlichen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen herauszufinden. Es geht nicht um persönliche Schwächen.
Die von Kolditz identifizierten sieben Elemente von Führung finden sich in den 24 Charakterstärken wider, die Seligman und Peterson (2004) im Rahmen der Positiven Psychologie definiert haben: Weisheit (Lernbereitschaft, Kompetenz), Gerechtigkeit (geteiltes Risiko, angepasster Lebensstil, Entwicklung von Vertrauen, Loyalität) und Menschlichkeit (inhärente Motivation).
„In extremis Leadership“ und die Bedeutung der Sterblichkeit
Wenn das eigene Leben in den Händen eines anderen Menschen liegt, dann nimmt man diesen Menschen auf eine besondere Art und Weise wahr. In einem Gefecht können positive Charaktereigenschaften eines Anführers wie Mut oder Integrität den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg, Tod oder Leben ausmachen. Zum Verständnis der Führung in Extremsituationen ist die Bedeutung der Sterblichkeit elementar.
Forschungsergebnisse zur Bedeutung der Sterblichkeit in Extremsituationen:
- Eine höhere existenzielle Bedrohung geht mit einer zunehmenden Bereitschaft einher, sich in lebensbedrohlichen Verhaltensweisen zu engagieren.
- Im Fuchsbau gibt es keine Atheisten: Studien mit Studenten zeigen, dass Religiosität im Umgang mit Extrem-Situationen lindernd wirken kann.
- Personen mit hoher Fähigkeit zur Selbstregulation reagieren auf lebensbedrohliche Situationen seltener mit todesbezogenen Gedanken. Das Training von Selbstregulation ist ein intrapsychischer Schlüsselmechanismus um störende Gedanken zu verhindern.
- Potenziell bedrohliche Situationen wirken als Motivationsquelle und resultieren in einer größeren Anstrengung.
QUELLEN
Matthews, Michael D. (2008). Positive Psychology: Adaption, Leadership, and Performance in Exceptional Circumstances. In: Performance Under Stress, Hancock, P. & Szalma, J. , Seite 163 – 180.
Kolditz, Thomas (2007). In Extremis Leadership.
