Die auch in Europa immer tiefer werdende Kluft zwischen Arm und Reich spiegelt sich nachdrücklich im Urlaubsverhalten der Menschen wieder. Das ist die Kernaussage der Tourismusanalyse 2012, in der das Zentrum für Zukunftsstudien an der Fachhochschule Salzburg und die Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg zeitgleich die aktuellen Reisegepflogenheiten der Deutschen und Österreicher ergründen.

Das Wort „Urlaub“ kommt von „erlauben“…

In Deutschland preisen Werbeslogans die Urlaubszeit als die schönsten Wochen des Jahres. In den Nachbarländern ist die Wahrnehmung nicht wesentlich anders: Dafür haben wir jahrein jahraus gearbeitet, Überstunden geschoben, gespart. Wir empfinden Auszeit und Ortswechsel als gerechten Lohn für die Zumutungen des Alltags und der beruflichen Plackerei.

Sprachlich geht der Begriff Urlaub indessen auf das alt- bzw. mittelhochdeutsche Wort für „erlauben“ (irloubon) zurück. Der Urlaub setzte eine Erlaubnis (des Gutsbesitzers oder Lehnherrn) voraus.

Heute gehen die Begriffe „Urlaub“ und „erlauben“ wieder eine Verbindung ein – wenn auch in einer anderen Form als in der feudalen Gesellschaftsordnung des Mittelalters: Den Urlaub muss man sich finanziell erlauben können.

… und das merkt man heute wieder

Wie die aktuelle Tourismusanalyse zeigt, hat in Österreich eine stark zunehmende Anzahl von Bewohnern das Gefühl, sich den Urlaub nicht mehr erlauben zu können: 2011 urlaubte weniger als die Bevölkerungshälfte – 46 Prozent – länger als 5 Tage hintereinander. Das entspricht gegenüber 2010 einem Rückgang von 2 Prozent, als dessen Hauptursachen wirtschaftliche Unsicherheit und die Schrumpfung der Realeinkommen namhaft gemacht werden.

Frappant unterschiedliches Urlaubsprogramme

Als „dramatisch" bezeichnete Reinhold Popp, Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien, bei der Präsentation der Tourismusanalyse in der Wiener Sky-Bar die tatsächlich frappant unterschiedliche Urlaubshäufigkeit in den jeweiligen Einkommensgruppen. Während der Anteil von Besserverdienern von 61 auf 63 Prozent zunahm, fiel dieser bei Beziehern niedriger Einkommen im abgelaufenen Jahr von 34 Prozent 2010 auf 23 Prozent. Je höher das Gehalt, desto größer auch die Neigung zu Fernreisen.

Reiselustige Wiener

„Auch in anderen soziodemografischen Untergruppen sind signifikante Unterschiede nachweisbar“, heißt es in der Studie. „So lag z.B. der Anteil von Arbeitern (38%), Pensionisten (31%) oder formal niedriger Gebildeten (33%) auf Reisen deutlich unterhalb des österreichischen Gesamtdurchschnitts. Eine überdurchschnittlich hohe Reiseintensität zeigten dagegen fast zwei Drittel der Wiener (62%), der höher Gebildeten (63%) und der Selbstständigen (70%).“

Urlaubsreise-Planung 2012: Abwarten

Lediglich zwei von fünf Österreichern – 40 Prozent – haben bisher feste Entschlossenheit bekundet, heuer zu verreisen. Weitere 30 Prozent wollen Angebote und Möglichkeiten abwarten, bevor sie sich entscheiden. Zwar ist der Wunsch, die Ferien außerhalb der Heimat zu verbringen, nach wie vor existent – die Frage ist die Leistbarkeit. Fixe Urlaubsreisepläne wälzen mehrheitlich die Besserverdienenden und Höhergebildeten sowie Jugendliche, Selbständige und Angestellte.

Auch in Deutschland reisen Niedrigverdiener weniger

Etwas anders ist die Situation in Deutschland, obwohl die Auswirkungen der Einkommensunterschiede auch hier zu beobachten sind: Während 32 Prozent der Niedrigverdiener in den Urlaub aufbrachen, waren es bei den Besserverdienenden 77 Prozent. Auch in Deutschland ist Bildung der Reiselust sehr zuträglich: So verreisten Hauptschulabsolventen (39%) etwa nur halb so oft wie Hochschulabsolventen (76%). Anders als in Österreich hat sich in Deutschland aber die durchschnittliche Reiseintensität 2011 um ein Prozent auf 53 Prozent gesteigert und es bewahrheitet sich neuerlich die Prämisse, dass die Deutschen eher Einschränkungen in anderen Bereichen hinnehmen als auf ihren Urlaub zu verzichten.

Interessanter Ländervergleich: Urlaubsausgaben pro Tag

Eine interessante Schlussfolgerung über offensichtlich recht differente Reisephilosophien legt indes ein Blick auf die durchschnittlichen Reiseausgaben pro person pro Tag nahe: Da haben nämlich die Österreicher mit 107 Euro gegenüber den Deutschen (81 Euro) klar die Nase vorn.

Wenngleich dieses Gefälle auch darauf zurückzuführen ist, dass die Österreicher deutlich mehr Auslandsreisen unternehmen, scheinen ihm auch höhere Ansprüche zugrunde zu liegen: Im Urlaub wollen es sich Herr und Frau Österreicher gut gehen lassen – wenn das nicht möglich ist, dann lassen sie ihn gleich bleiben.

Quelle

Reinhard Popp / Ulrich Reinhardt: Tourismusanalyse 2012. Herausgeg. von der Fachhochschule Salzburg Zentrum für Zukungsstudien und Stiftung für Zukunftsfragen Hamburg.

www.fh-salzburg.ac.at

www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/