Lynne Truss: Für dich immer noch Sie Arschloch!

Rezension: Lynne Truss schreibt flotten Ratgeber mit kleinen Schwächen zum Thema "Null Toleranz für schlechtes Benehmen"

Alles in Allem lässt sich sagen: Lynne Truss' Buch ist zwar nicht streng gegliedert, stringent geschrieben und alles andere als sachlich, aber genau das macht den Charme aus. Es ist wie ein angenehmer Plausch über die Unzulänglichkeiten der Welt, beziehungsweise ihrer Bewohner, die skurrilen Episoden des Alltags und gibt durch bildhafte Sprache reichlich Anlass zum Schmunzeln und auch mal handfestem Lachen - ohne in die plumpe Komik abzurutschen. Liest man ihre Thesen, nickt man zustimmend und lupft auch schon mal erhellt die Augenbrauen. Unterhaltsam und witzig. Wie beim Kaffeekränzchen unter besten Freundinnen fühlt man verstanden - und versteht.

Wirrer Start, bevor das Buch Fahrt aufnimmt

Es scheint es zu Beginn allerdings so, als wisse die Autorin selbst nicht genau, welches Ziel sie mit ihrem Buch verfolgt. Als (selbsternannte?) "Queen of no tolerance" und der Erläuterung im Vorwort über Benimm- und Erziehungsbücher wird zunächst der Eindruck erweckt, es handele sich tatsächlich um ein ebensolches.

Allerdings startet sie nach enormen 42 Seiten Einleitung (von insgesamt 210 Nettoseiten, Dankessagung und Bibliographie ausgenommen) unter dem Motto "Sechs gute Gründe, zu Hause zu bleiben und die Tür zu verrammeln".

Wie wenig sie diesem selbst auferlegten Motto folgt, zeigen die Überschriften der unter diesem Slogan folgenden Kapitel, zum Beispiel "Warum bin ich diejenige, die das hier tut?" oder "Die Preisrichter ausbuhen". Man denkt sich unweigerlich: Bitte was? Sollten auf die Ankündigung von sechs Gründen nicht auch welche folgen? Diesen Duktus und diese Gliederung des Inhaltsverzeichnisses hätte man sich meiner Meinung nach sparen können.

Aber: Wer das Inhaltsverzeichnis ignoriert, hat durchaus Spaß beim Lesen. Ungeduldig sollte man allerdings nicht werden, denn es dauert sehr lange, bis die Autorin Lynne Truss auf den Punkt kommt. In der etwas überzogen langen Einleitung lässt sie sich nämlich zunächst darüber aus, warum sie sich nach einem Ratgeber über Zeichensetzung dazu entschlossen hat, ein Buch über schlechtes Benehmen zu schreiben - und schreibt sogar, sie hoffe, dies sei der langweiligste Teil ihres Buchs. Sie wolle lediglich beschreiben und analysieren, dass man zuweilen vor Empörung und Frust schier ausrasten möchte. Deswegen gebe sie auch keine Anleitung, wie man sich gut benimmt, sondern verfolge die These, dass "unverschämtes Benehmen ein universeller Krisenherd" ist und sie wolle das Warum klären. Das gelingt ihr zugegebenermaßen recht humorvoll, was über das ansonsten ziellose Herumschreiben hinwegtröstet. Möglicherweise - das sei zur ihrer Entlastung gesagt - resultiert das episodenhafte ihres Schreibstils aus der Tatsache, das Lynne Truss in erster Linie ihre Erfolge als Kolumnistin feierte.

Falsche Zurückhaltung oder höfliche Distanz?

So fragt sie beispielsweise, ob es wirklich unhöflich ist, andere Menschen beim Kennenlernen auf Partys über Namen, Beruf und Stand auszufragen? Truss' Antwort widerspricht jedem Benimmbuch und trifft trotzdem ins Schwarze: Es ist vielleicht unhöflich, aber völlig zu Unrecht, denn durch die vornehmen Zurückhaltung kann es passieren, dass man dem Erzbischof von Canterbury stundenlang schmutzige Witze erzählt, nur weil man nicht wusste, wenn man vor sich hat.

Nur wenige Seiten später mockiert sie sich über die Servicegesellschaft, die einerseits durch die Nennung unzähliger Wahlmöglichkeiten den Eindruck erweckt, man hätte tatsächlich die Wahl. Was aber, wenn man weder Latte Macchiato, noch Mocha oder Cappuccino möchte, sondern einfach nur einen stinknormalen Kaffee in trinkbarer Größe?

Warum sie konkrete Beispiele für schlechtes Benehmen in der Einleitung eingreift, anstatt sie zu den anderen Episoden in die ausführlichen Kapitel zu stecken, wird ihr Geheimnis bleiben.

Erklärung für die Rätsel dieser Gesellschaft

In den folgenden Kapitel wird sich die Autorin mit ihrem Anspruch der Analyse durchaus hier und da gerecht. Dabei ist vor allem ihre Begründung der Tatsache interessant, weshalb so viele Menschen beim Telefonieren mit dem Handy so unverfroren intimste Gespräche führen und dabei nicht bemerken zu scheinen, dass ihnen das ganze Abteil atemlos und unauffällig zuhört. Die These von Lynne Truss klingt einleuchtend und löst damit ein Rätsel der Zivilisation: So, wie man in einem persönlichen Gespräch die Konturen verliert und zu verschwinden scheint, wenn der Gesprächspartner einen Anruf bekommt, sind auch die Mitfahrer im Zug für den Handybenutzer unsichtbar. Umso interessanter ist allerdings sein Monolog.

Interessant ist auch ihre These, wie sich das Verhalten in der virtuellen Welt mit ihren Kontextmenüs, Löschtasten und Reloadtasten auf das wahre Leben auswirkt. Es ist dem modernem Mensch schwer begreiflich zu machen, dass unerwünschte Ereignisse nicht per "Entf"-Taste verschwinden, man falsche Entscheidungen nicht per "Abbruch ohne Speichern" und einem Neustart wieder gut macht. Manchmal muss man eben von allein das Richtige tun, ohne Wahlmöglichkeiten als Menü vorgegeben zu bekommen.

Truss' wichtigste Botschaft: Wir alle leben nicht in einer Blase.

Niemand ist eine Insel.

"Für dich immer noch Sie Arschloch" erschien im Original 2007 unter dem Titel "Talk to the hand". Für die hervorragende deutsche Übersetzung der 2009 produizierte deutschen Erstauflage zeichnet Elvira Willems verantwortlich. Das Buch erschien im Goldmann-Verlag, ISBN 978-3442155767.

Barbara Ochs, Arianne Ruppel

Barbara Ochs - Meine journalistische Ausbildung hat mir das nötige Rüstzeug aus Wissen und Können verschafft, um mich in Ihre Themen ...

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