
- Besuchergruppe im Fürstenlager - Eva Bambach
Ab in den Urlaub – was heute als Recht für alle angesehen wird, war lange Zeit nur privilegierten Schichten vorbehalten. Es umfasste zunächst vor allem die zeitweise Übersiedlung von der Stadt auf das Land mit dem gesamten Hausstand – von Last-Minute-Reise keine Rede. Umfangreiche Vorbereitungen waren für diese Art der Sommerfrische jedes Mal nötig. Unterkunft fand man in der Regel nicht im Gasthof oder Hotel, sondern in eigenen Immobilien. So hielten es auch die Landgrafen und Großherzöge von Hessen-Darmstadt im 18. Jahrhundert und erschufen mit ihrem „Fürstenlager“ bei Bensheim-Auerbach ein ungewöhnliches kulturhistorisches Denkmal – ausgesprochen gut erhalten und ganzheitlich, wie man heute gern sagt.
Auf der Grundlage eines im 18. Jahrhundert von örtlichen Betreibern forcierten Kurbetriebs um einen Mineralbrunnen errichtete das Haus Hessen-Darmstadt dort zunächst kleine Gebäude für ihre Kuraufenthalte an der hessischen Bergstraße. Schließlich begannen Landgraf Ludwig X. und seine Gemahlin Luise 1790, hier ihren regelmäßigen Sommersitz zu etablieren. Der schon bald versiegte Mineralbrunnen bildet als „Gesundbrunnen“ noch heute den Kern der als Miniaturausgabe eines Dorfes errichteten Anlage. Noch heute fast unverändert sind hier Fremden- und Kavaliersbau, Prinzen- und Damenbau, Wachen, Remisen und das Herrenhaus um den Brunnen versammelt eingebettet in einen mehr als 40 Hektar großen Park mit exotischen Pflanzen.
Urlaub auf dem Land: eine Inszenierung
Der Reiz, der von der dörflichen Gemeinschaft ausging, war offenbar stark. Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben war so groß, dass man nicht wie in anderen bei Schlössern angelegten Landschaftsgärten ein Dörfchen als gelegentliches Ausflugsziel unterhielt: Die fürstliche Familie lebte im Dorf selbst, was das Fürstenlager zu einem in dieser Hinsicht wirklich einzigartigen Gartendenkmal macht. Park und Gebäude sind als eine fürstliche Version ländlichen Lebens zu verstehen – realistische Abbilder bäuerlichen Lebens waren sie natürlich nicht. Da die Fürsten nicht selbst zu Pflug und Mistgabel griffen, wurde rund um sie herum ländliches Leben inszeniert und erfahrbar gemacht. Wie zufällig tauchten im Park immer wieder blökende Schafe samt Hirten und Hunden auf. Pferdekarren, Musikanten, weidende Kühe, Äpfel erntende Mädchen in bunten Kleidern und hin und wieder ein Ochsenkarren leisteten programmgemäß die von den Fürsten gewünschte Einbindung der landwirtschaftlichen Umgebung und des bäuerlichen Alltags in den Park.
Die arrangierte Wahrnehmung der Natur
Diese arrangierten ländlichen Szenen unterstrichen auch die Funktion der vielen im Park angelegten Blickachsen, die den Park zu einem lebenden Landschaftsgemälde machten, das von den Weinbergen der Bergstraße oder der Burgruine des Auerbacher Schlosses über die Monumente und Bauwerke des Parks selbst bis hin zu Tieren und Menschen alle Elemente in die Komposition einbezog. Hohe Bäume rahmen noch heute wie gotische Spitzbogenfenster den Ausblick in die Rheinebene. Reihen von steil aufragenden Pappeln setzen grafische Zeichen in die Landschaft. Alle gärtnerischen Entwürfe waren das Ergebnis sorgfältiger Planung in Hinblick auf den möglichst vollkommenen Sinneseindruck. So wurde etwa den wechselnden Lichtverhältnissen zu den verschiedenen Tageszeiten höchste Bedeutung beigemessen – der Park entfaltete sich als Kunstwerk nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Es war der Anspruch, alle fünf Sinne des Menschen zu berühren. Es sollte nicht nur das Auge gereizt werden, sondern auch der Geruchssinn – etwa durch den Duft von Pflanzen – und das Gehör – sei es durch das Bimmeln von Kuhglocken oder durch musikalische Darbietungen.
Romantik und Unterhaltung im Fürstenlager
Die Gestaltung des Auerbacher Fürstenlagers steht damit ganz in der Tradition der Landschaftswahrnehmung in der Romantik, bei der die Mannigfaltigkeit der Sinneseindrücke wichtig war für die durch die Landschaft bewirkte Gestaltung der Gefühle des Menschen. Der im Park lustwandelnde Mensch schuf mit seinen wechselnden Standorten – und den damit wechselnden Bildausschnitten – ganz individuell ständig neue, flüchtige „Gemälde“ romantischer Landschaftsmalerei. Nicht nur die Sinne, auch die Gefühle sollten im Park angesprochen werden. Ein Freundschaftstempel und ein hoch über dem Park platzierter Freundschaftsaltar waren Zeichen eines mitunter religiöse Züge annehmenden Kults der Freundschaft, wie er auch am Hof in Darmstadt gepflegt wurde. Aber nicht anders als der Urlauber heute suchten die Landgrafen von Hessen-Darmstadt im Fürstenlager vor allem einen Ort des Müßiggangs, des Spiels und des Vergnügens. So war man bemüht, neben Einrichtungen wie Kegelbahn oder Schießstand ein abwechslungsreiches Programm zur landgräflichen Unterhaltung zu bieten.
