
- Apocalypse - Peter Lachnit
"Pech gehabt, dumm gelaufen, kann bei uns nicht passieren, sauberste Energie". So oder ähnlich argumentieren Politiker und Interessensvertreter, wenn es um die Problematik von Atomkraftwerken geht. Die Gier nach Geld geht manchmal im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen und zeigt ein selbstsicheres "nach mir die Sintflut" Denken auf.
Europa hat Fukushima schon längst vergessen
25.000 Tote haben nach der Katastrohe in Fukushima keine Sprache mehr, mehr als Hunderttausende obdach- und arbeitslos gewordene Menschen hingegen schon. Allerdings nur in Japan. In Europa hat das kollektive Vergessen bereits wieder eingesetzt. Brüssel freut sich, bis 2030 vierzig neue Atomkraftwerke in der EU bekanntzugeben. Europa hat derzeit 196 Atomkraftwerke in Betrieb, vierzehn sind in Bau und eben vierzig geplant. Zum Vergleich - in Nord- und Südamerika gemeinsam sind 128 Atomanlagen in Betrieb, eines ist in Bau und sieben weitere geplant. Europa hat die größte Dichte an Atomkraftwerken. Tschernobyl ist schon lange her und kleinere Feuer in Anlagen nicht der Rede wert - es tritt kaum nennenswerte Strahlung aus. Sollte man davon nicht betroffen sein.
Verdrängung, Vertuschung, Überlebenskampf in Japan
Es ist nicht nur die japanische Mentalität mit Katastrophen umzugehen. "Gambare Nippon" - "Kopf hoch, Japan" lautet die Devise. Flucht und Resignation gelten als Verrat an der Gemeinschaft und unehrenhaft. Den offizellen Aussendungen der Behörden über die Strahlenbelastung wird daher voller Glauben geschenkt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, denn ein Verlassen des verstrahlten Gebietes würde weitgehende Konsequenzen nach sich ziehen. Jobverlust, Schulwechsel der Kinder, Aufgabe der Wohnung, im Stich Lassen der Eltern und Verwandten.
Alles unter Kontrolle - oder doch nicht?
Die zuständigen Behörden in Japan werden nicht müde, die Unbedenklichkeit des Großraums von Fukushima zu behaupten. Aber auch Japaner lesen zwischen den Zeilen. So hat etwa die Stadt Kyoto das für das traditionelle Feuerfest angebotene Kiefernholz aus den zerstörten Wäldern nördlich von Fukushima wegen zu hoher Cäsiumbelastung abgelehnt. Besorgte Eltern aus der Stadt Fukushima organisierten selbst Strahlungsmessungen von unabhängigen Experten. Daraufhin wurde das gesamte Erdreich rund um Schulen und öffentlichen Parks der 300.000 Einwohnerstadt ausgetauscht.
Europa setzt wieder verstärkt auf Atomkraft
Alternativen zur Atomkraft gäbe es viele. Allerdings müsste ein Umdenken in der Energieeffizient stattfinden. Kein gutes Argument für Politiker auf Stimmenfang und Lobbyisten. Daher wird weiter an der "sauberen Energie" der Atomkraft festgehalten. Das Hasardspiel eines schweren Unfalls wird in Kauf genommen nach dem Prinzip mich und die meinen wird es schon nicht treffen. In einer schnelllebigen Zeit kann jedoch manch Unvorhergesehenes schneller passieren als für möglich gehalten.
Quelle: Die Furche 50/2011
