
- Fukushima: 170 Millisievert und eine "Radioaktive - Daniel Clemens
Nur zehn Minuten dauerte laut einer Meldung auf NHK-World der Besuch zweier Arbeiter am 19.05.2011 in Gebäude 3 der havarierten Atomanlage in Fukushima. Speziell gekleidet, mit Sauerstofftanks auf dem Rücken wollten sie sich einen Überblick verschaffen, wurden jedoch von den hohen Strahlungswerten, etwa 170 Millisievert pro Stunde in der Nähe des Sicherheitsbehälters, zur Rückkehr gezwungen. Auch gut ausgerüstet ist ein Arbeiten bei solch einer Strahlung nur kurz möglich.
Kein wirklicher Schutz durch die Spezialkleidung
In erster Linie soll ein Schutzanzug den direkten Kontakt mit und die Aufnahme von radioaktiven Festteilchen verhindern, gegen die Strahlung hilft er dagegen nur bedingt. Allgemein gilt – je besser man gegen diese geschützt sein will, desto kompakter muss auch das Material sein, aus dem die Schutzkleidung besteht. Im Idealfall ist sie aus Blei, was jedoch ein schnelles und filigranes Arbeiten stark einschränkt. So muss ein produktiver Arbeitsgang an strahlenexponierten Orten gleichzeitig ein Kompromiss zwischen körperlichen Schutz und aufgewandter Zeit sein, um gesundheitliche Schäden zu minimieren. So geschehen auch bei den so genannten Liquidatoren in Tschernobyl – schlechte Ausrüstung der befohlenen Soldaten, rigide Befehlsstrukturen in der Armee und nur 45 Sekunden auf dem Dach, dann wurde gewechselt. Genutzt hat es damals nicht viel, da die Strahlung in den meisten Fällen höher war als angenommen, bis zu 3..000 Millisievert pro Stunde wurden im Nachhinein vermutet.
150 Millisievert Grenzwert für Arbeiter
In Fukushima scheint es von Außen betrachtet so zu sein, dass man die Belastungen der Arbeiter peinlichst registriert. Nach eigenen Ansprüchen, soll dort keiner mehr als 150 akkumulierten Millisievert ausgesetzt sein. Ist diese Grenze erreicht, soll der Betroffene abgezogen werden. Jedoch ist es so, dass niemand eine Strahlung in dieser Höhe innerhalb eines Arbeitsganges aushält. Viele Pausen, viel Schlaf und Essen sind notwendig, um auch wesentlich kleinere Dosen zu kompensieren, auch wenn man diese nie rückgängig machen kann. Ob und wie viele Arbeiter in Fukushima letztlich schon ausgewechselt wurden, ist dagegen nirgendwo recherchierbar.
Hohe Luftfeuchtigkeit, Pfützen radioaktiven Wassers und 50 Millisievert in Block 2
Auch in Block 2 sind die Arbeitsumstände laut einer gestrigen Meldung alles andere als optimal. Eine frühere Meldung sprach noch von lediglich 4,27 Millisievert pro Stunde, was aber anscheinend nur der Dosis entsprach, welcher die Arbeiter ausgesetzt waren. Nun wird aber von 50 Millisievert in einigen Teilen des Gebäudes gesprochen. Erschwerend wirkt auch die massive Luftfeuchtigkeit, welche sich vor allem in alles ausfüllenden Dampfschwaden äußert. Tepco stellte noch einmal klar, dass vorab die Reduzierung dieser Feuchtigkeit unerlässlich für alle weiteren Arbeitsschritte im Gebäude ist. Überall Dampf, überall tropft in unbekannter Intensität kontaminiertes Wasser von Oben herab, überall haben sich Pfützen gebildet. Tepco vermutet zwei Quellen dieses Zustandes – eine geborstene Kondensationskammer und das in der oberen Etage gelegene Abklingbecken. Letzterem soll in den kommenden zwei Wochen mehr Kühlung verschafft werden, um das Problem in den Griff zu bekommen.
Unterschiedliche, schwierige Umstände könnten „Road Map“ gefährden
Die japanischen Medien gehen davon aus, dass die vielschichtigen Probleme, auf die Tepco in den Reaktorgebäuden 1 bis 3 stieß, auch den erst vorgestern vorgestellten Plan zur Rückgewinnung der Kontrolle über das aktive Kernmaterial in Frage stellen könnte. In manchen Teilen des Reaktorblockes 1 herrscht eine tödliche Strahlung von 2.000 Millisievert, der Druckbehälter ist durch radioaktive Schmelze aus dem Kern beschädigt, die Masse könnte partiell ungekühlt liegen. Der Sicherheitsbehälter scheint auch undicht, denn es haben sich tausende Tonnen Kühlwasser im Keller des Gebäudes angesammelt. In Reaktorblock 2 findet man die beschriebene „radioaktive Sauna“, welche ein zielgerichtetes Arbeiten an der eigentlichen Reaktoranlage erst einmal verhindert. In Reaktorblock 3 herrscht überall eine zu hohe Strahlung, welche zusätzlich die Kontrolle über eine Rohrleitung einschränkt, welche die Einspeisung von Stickstoff gewährleisten soll, damit eine befürchtete Wasserstoffexplosion verhindert wird. Hinzu kommt, dass man über die Zustände der Kerne und Behälter der Reaktoren 2 und 3 nur Vermutungen anstellen kann. Sollte sich aber bestätigen, dass sie sich in einem ähnlichen Zustand wie Reaktor 1 befinden, wartet noch erheblich Arbeit auf Tepco.
400 Tonnen Meerwasser im AKW Hamaoka entdeckt
Die japanische Nachrichtenagentur JijiPress meldet unterdessen, dass man über 400 Tonnen Meerwasser in der Kondensationskammer des stillgelegten AKW Hamaoka gefunden hat. Fünf Tonnen davon seien sogar bis zum Kern vorgedrungen - ein gefährdender Umstand, kann das aggressive Meersalz doch Beschädigungen auslösen. Hamaoka wurde erst vor einigen Tagen auf Anordnung der japanischen Regierung herunter gefahren, da sich das Kernkraftwerk auf einer tektonischen Bruchlinie befindet, Erdbeben sind dort wesentlich wahrscheinlicher und vor allem stärker als anderswo. Das jetzt Wasser aus dem Meer im Kern gefunden wurde, weist auf ein Versagen des Systems hin. Das Meerwasser wird nur zum Kühlen des Wasserdampfes benötigt, nachdem dieser die Turbinen durchschritten hat. Jedoch sind beide Kreisläufe normalerweise strikt getrennt, so dass es wahrscheinlich irgendwo eine Beschädigung geben muss.
Quellen: JijiPress, NHK-World 1 – 2 – 3, Spiegel, Sueddeutsche Zeitung, Planet-Wissen.de
Siehe auch: Fukushima Update – 12.05, 13.05, 14.05, 15.05, 16.05, 17.05, 18.05, 19.05, sowie Restrisiko Fukushima und IAEA/Fukushima
