
- Fukushima: Doch Kernschmelze ausgetreten - Daniel Clemens
Am gestrigen 20.05.2011 begingen laut einer Bekanntgabe Tepcos sechs Arbeiter das Gebäude des Reaktorblockes 1 in der havarierten Atomanlage in Fukushima. Zuerst betraten zwei Arbeiter die Ruine und blieben eine lange Stunde in ihr. Danach folgten vier weitere Arbeiter, welche sogar eineinhalb Stunden verweilten. Die erste Gruppe hatte die Aufgabe, den Wasserstand im Keller zu überprüfen, welcher mit 4,2 Meter gemessen wurde. Laut Tepco war ein leichter Anstieg zu letzter Woche, als man das Wasser entdeckte, zu verzeichnen. Die zweite Gruppe sollte mit Hilfe einer speziellen Kamera für Gammastrahlung die Strahlungsverteilung feststellen. Diese Kartografierung der Räumlichkeiten ist wichtig für alle weiteren Arbeiten. Strahlungsspitzen können so registriert werden und das Gebäude kann so in „Go-“ und „No-Go-Areas“ unterteilt werden. Am Freitag letzter Woche, dem 13. Mai, wurde in einem Teil des Erdgeschosses eine Spitze von 2.000 Millisievert gemessen. Solche Areale bei den kommenden Arbeiten zur Etablierung eines Kühlsystems für den Reaktor zu umgehen, ist lebenswichtig. Derweil ändern sich die Meldungen über den Zustand der Kernschmelze im Gebäude täglich.
Schmelze wahrscheinlich aus Druckbehälter ausgetreten
Die Lage ist weiterhin unübersichtlich. Nach einer Meldung von NHK-World hält es Tepco auch für möglich, dass das geschmolzene Kernmaterial nicht nur den Druckbehälter, sondern auch den Sicherheitsbehälter beschädigt hat. Darüber hinaus sollen die Leckagen von Kühlwasser eben aus diesen Beschädigungen herrühren. Eine in dieser Klarheit formulierte Vermutung ist neu. Bisher waren ähnliche Annahmen einzig seitens der Presse geäußert worden. Diese war jedoch lediglich im Stande, ein unvollständiges Bild zu erstellen, zu kompliziert schienen die technischen Hintergründe. Da sich erwiesenermaßen tausende Tonnen ehemaliges Kühlwasser in den Kellern der Anlage befinden, schien es aufgrund des Aufbaus der Anlage logisch, dass der Sicherheitsbehälter ebenfalls beschädigt ist. Die nun erfolgte klare Stellungsnahme, von NHK aus erster Hand berichtet, lässt dann aber doch aufhorchen.
Geschmolzenes Kernmaterial gelangte in den Sicherheitsbehälter?
Tepco hatte es bisher vermieden, von einem Austreten der Schmelze aus dem Druckbehälter zu sprechen. Letzte Meldungen sprachen zwar von Löchern, die sie in dessen Boden gebrannt haben sollen, jedoch betonte man immer, dass man glaube, die Masse selbst sei nicht ausgelaufen. Vielmehr ging man davon aus, sie liege nun, zu großen Teilen von Kühlwasser bedeckt, zäh am Boden des Behälters. Bereits vor fünf Tagen hatte ein Tepco-Sprecher zwar die Wahrscheinlichkeit eingeräumt, Material könnte ausgetreten sein, doch eine am gleichen Tag veröffentlichte Pressemitteilung in PDF-Form ging ausdrücklich nicht davon aus. Überraschend ist diese plötzliche Kehrtwende auch, da man in den täglichen Updates auf der Online-Presseplattform Tepcos ganz anderes lesen kann. Dort wird tabellarisch der Zustand jedes Blocks aufgeführt und dort steht über die Behälter des Blocks 1 - Kein Reaktorkühlwasser entweicht in den Sicherheitsbehälter. In Anbetracht der Pressekonferenzen und Meldungen der letzten Tage mutet diese Aussage doch recht veraltet an.
Lage in Block 2 und 3 weiterhin undurchsichtig
Neuigkeiten zu den Blöcken 2 und 3 sind derweil nicht zu berichten. Seit dem Betreten beider Blöcke in dieser Woche sind keine essentiellen Informationen bezüglich des Zustandes der eigentlichen Reaktoranlagen veröffentlicht worden. Tepco geht offiziell immer noch von einer ähnlichen Situation wie in Reaktor 1 aus, was schon schlimm genug ist. Zurzeit versucht man die Arbeitsbedingungen in beiden Gebäuden so zu optimieren, dass weitere Untersuchungen der Reaktoren und eine angestrebte Installierung von Kühlsystemen um diese erfolgen können. In Block 2 muss man die sehr hohe Luftfeuchtigkeit und den damit verbundenen sichteinschränkenden Wasserdampf reduzieren. Eine verstärkte Kühlung des Abklingbeckens in der oberen Etage, welches als eine der Hauptquellen des Dampfes vermutet wird, soll hier Erfolg bringen. In Block 3 hatte man eine generelle Strahlungsintensität von bis zu 170 Millisievert in der Spitze gemessen. Bei einer konstanten Intensität dieses Niveaus ist ein längeres Arbeiten lebensbedrohlich. Wie man diesem Umstand abhelfen will, hat man noch nicht gesagt.
Block 4 scheinbar unter Kontrolle
Wo sich die Blicke der Presse auf Block 1 richten, da über diesen die meisten Informationen zirkulieren, sowie Tepco selbst Spekulationen über den Zustand der Reaktoren 2 und 3 in Umlauf gebracht hatte, fristet Block 4 ein mediales Schattendasein. Dabei gilt dieser eigentlich als der gefährlichste. Der Reaktor war am 11. März zwar ausgeschaltet und enthielt keinerlei Material, jedoch lagern im Abklingbecken über 1.300 alte Brennelemente. Von diesen geht eine höhere Gefahr aus, als von den Reaktorkernen der Anlagen 1 bis 3, da lange Zeit aktive Brennstäbe mehr gefährliche Spaltprodukte enthalten. Doch scheinen die Vorgänge im Becken weitestgehend unter Kontrolle. Zwar sollen einige dort gelagerte Brennstäbe beschädigt sein, die ständige Einspeisung von Frischwasser hat die Temperatur aber anscheinend unter 100 Grad Celsius gedrückt.
Riesiges Tankfloß eingetroffen
Unterdessen ist auch das riesige Tankfloß vor Ort eingetroffen. Es soll helfen, Millionen Liter an leicht verseuchten Wassers aus den Kellern aller Gebäude zu lagern. Ob es auch gleichzeitig die Endstation dieser „Brühe“ wird, ist nicht bekannt. Des Weiteren vermeldete Japan Today, dass der Grund für insgesamt 400 Tonnen Meerwasser im stillgelegten Atomkraftwerk Hamaoka gefunden wurde. Demnach sei ein etwa drei Zentimeter langes Leck in einer der Röhren gefunden worden, durch dass das salzhaltige Wasser eindringen konnte. Gestern hieß es in den japanischen Medien, fünf Tonnen davon sind sogar bis zum Kern selber vorgedrungen. Das Salz im Wasser kann dort zu Korrosionsschäden führen.
Quellen: NHK-World 1 – 2, Japan Today, Die Zeit, Tepco Pressebericht, The Denki Shimbun, GRS Skizze
Siehe auch: Fukushima Update – 12.05, 13.05, 14.05, 15.05, 16.05, 17.05, 18.05, 19.05, 20.05, sowie Restrisiko Fukushima und IAEA/Fukushima
