Fukushima: Tepcos Weg zum kalten Kern

Fukushima: Kerne bis Januar abgekühlt - Daniel Clemens
Fukushima: Kerne bis Januar abgekühlt - Daniel Clemens
Am 18.05.2011 ist nun klar, nichts läuft wie gedacht, denn alles ist wesentlich komplizierter. Tepco will dennoch den Zeitplan einhalten.

Tepco hat bei der gestrigen Präsentation Probleme zugegeben, die zu Abänderungen des im April vorgestellten Plans führen. Laut dem Vizepräsidenten des Unternehmens Sakae Muto soll der Zeitplan aber eingehalten werden. Dieser sieht vor, den Abschaltungsprozess bis zum Januar 2012 abzuschließen.

Warum musste der Plan geändert werden?

Pünktlich eine Woche bevor Tepco zukünftige Schritte der Öffentlichkeit präsentieren musste, ändern sich plötzlich die Realitäten dramatisch. Die Erkenntnisse dieser vergangenen Woche sind es nun auch, die den alten Plan nutzlos gemacht haben. Da wurde zum Beispiel festgestellt, dass der Pegel des Kühlwassers in Reaktor 1 viel zu niedrig ist und dass somit der Kern freiliegt. Dieser ist laut neueren Erkenntnissen eh schon 16 Stunden nach dem Erdbeben vollständig geschmolzen und liegt als zähflüssige Masse am Boden des innersten Behälters, der Druckkammer. Dort hat er laut Angaben von Tepco-Vertretern auch zu Beschädigungen geführt, welche sich höchstwahrscheinlich in kleinen Löchern darstellen. Muto führte außerdem dem Fund von schwer radioaktivem Wasser im Keller des Gebäudes 1 an, welches aus dem beschädigten Reaktor stammen könnte. Dieser Fund würde erklären, wieso sich der Pegel des Kühlwassers im Reaktor nicht erhöhen lässt, obwohl man beständig neues hinzuführt.

Was soll nun geschehen?

Wichtig ist laut der Nummer 2 der Tepcohierarchie, dass man einen stabilen Kreislauf zur Kühlung des Kernmaterials konstruiert. Ursprünglich wollte man um den Kern, mit Hilfe eines intakten Druckbehälters, einen geschlossenen Kühlkreislauf etablieren. Da dieser nun aber als beschädigt gilt, musste man diesen Plan aufgeben. Stattdessen will man nun einen größeren Kreislauf etablieren. Dieser neue Plan wurde schon kurz nach der Entdeckung von 3.000 Tonnen Kühlwasser im Keller des Gebäudes in der letzten Woche entworfen. Er sieht vor, das bereits vorhandene, aber verseuchte Wasser aufzufangen, abzupumpen und dem Kern neuerlich zuzuführen. In den Kreislauf eingeschaltet werden aller Vorausicht nach ein Wärmeaustauscher und ein Filter für Radioaktivität. Letzter soll vor allem verhindern, dass die "Brühe" durch wiederholten Kontakt mit dem Kernmaterial immer weiter verseucht wird, denn die Radioaktivität könnte sich akkumulieren. Das Letzte was man aber will, ist eine superradioaktive Suppe, die später ja auch noch abgepumpt und in Tanks gelagert werden muss. Während dieser auf drei Monate kalkulierten ersten Phase sollen wohl auch die Löcher und Risse in den Behältern gefunden und repariert werden. Wie das geschehen soll, wurde nicht klar dargestellt. Genau an diesem Punkt gibt es auch die meiste Kritik seitens externer Experten, die eine solche Arbeit als zu schwierig erachten. In der anschließenden auf sechs Monate veranschlagten Phase soll die Schmelze dann soweit herabgekühlt werden, dass sie inaktiv wird. Außerdem sollen restliche Leckagen beseitigt und das verseuchte Wasser abgepumpt werden.

Sprechen die derzeitigen Umstände für diesen Plan?

Das nötige Wissen darüber liegt allein in den Händen Tepcos. Doch gibt es einige Aspekte, welche auch von Außen betrachtet den Plan unausgereift wirken lassen. So wird aufgrund der neuerlich gewonnenen Erkenntnisse in Gebäude 1, gleichzeitig auf die Zustände in den Gebäuden 2 und 3 geschlossen, obwohl es bisher nicht möglich war, diese zu betreten. So wird davon ausgegangen, dass es dort ebenfalls Leckagen gibt, dass Kühlwasser also nicht auf dem Stand ist wie angenommen. Man geht mittlerweile auch davon aus, dass es dort zu Kernschmelzen gekommen ist, spricht aber nicht über die Schwere möglicher Beschädigungen der Druckbehälter. - Sind diese beschädigt und in welchem Maße? Ist das Kernmaterial noch im Druckbehälter, oder muss man mit Schlimmeren rechnen? Wenn ja, kann dann der an den Umständen in Gebäude 1 aufgemachte Plan bei den Reaktoren 2 und 3 überhaupt angewandt werden? Diese Fragen sind auf der Basis der von Tepco zur Verfügung gestellten Informationen derzeit nicht beantwortbar und man kann nur hoffen, dass sich das Unternehmen klarer über die Umstände ist, als es bis jetzt zugeben wollte.

Kühlsystem wurde per Hand abgeschaltet

Unterdessen wurde bekannt, dass das Notkühlsystem von Reaktor 1 am Tag des Bebens manuell abgeschaltet wurde. Dies soll geschehen sein, um eine Beschädigung des Reaktors zu verhindern. Der Druck innerhalb sei nach dem Beben plötzlich von 70 auf 45 Atmosphären gefallen. Dass man die angelaufenen Notsysteme dann per Hand stoppte, sollte einen erneuten Druckaufbau schaffen. Dieses könnte aber zu den jetzigen verheerenden Konsequenzen geführt haben.

Japan gibt grünes Licht für IAEA-Intervention

Derweil erlaubt Japan der Internationalen Atomenergiebehörde ein Spezialistenteam in das Land und vor Ort zu schicken. Das 20-köpfige Team wird unter anderem die Präfektur Fukushima besuchen und sich dort über die Fortschritte der Arbeiten, sowie über die staatlichen Evakuierungsmaßnahmen informieren. Die Ergebnisse sollen dann bei einer IAEA Veranstaltung in Wien im kommenden Juni vorgestellt werden. Regierungssprecher Yukio Edano erklärte, man wolle damit die internationale Gemeinschaft über die Vorgänge so gut wie möglich ins Klare setzen. Doch dass diese Nachricht wie eine Heilsverkündung durch die weltweite Presse ging, dürfte nicht nur Greenpeace ärgern. Viel Kritik wurde in der jüngeren Vergangenheit über die Rolle der IAEA, welche sich laut ihren Statuten der Förderung der friedlichen Nutzung der Kernenergie verschrieben hat, in der doch schlechten Informationspolitik über die Katastrophe in Japan laut. Nicht wenige dürften daher finden, dass gestern „der Bock zum Gärtner gemacht“ wurde.

Quellen: JijiPress 1 - 2, NHK-World 1 - 2, The Japan Times

Siehe auch: Fukushima Update – 12.05, 13.05, 14.05, 15.05, 16.05, 17.05, sowie Restrisiko Fukushima und IAEA/Fukushima