
- Amano - Die Lage in Fukushima - Daniel Clemens
„Dieses ist, soweit ich sehen kann, wenn man es ernstlich behandeln will, überhaupt kein Problem …Ich habe mir in Karlsruhe sagen lassen, daß der gesamte Atommüll, der in der Bundesrepublik im Jahr 2000 vorhanden sein wird, in einen Kasten hinein ginge, der ein Kubus von 20 Metern Seitenlänge ist. Wenn man das gut versiegelt und verschließt und in ein Bergwerk steckt, dann wird man hoffen können, daß man damit dieses Problem gelöst hat“, sprach Carl Friedrich von Weizsäcker noch 1969.
Diese Aussage kommt einem aus heutiger Sicht recht naiv vor und doch spiegelt es nur die unwissende Unvoreingenommenheit früherer Generationen gegenüber der Kernenergie wider. Diese Aussage wurde zudem nicht von irgendeinem Politiker oder Industriellen getroffen, sondern von einem der profiliertesten deutschen Physiker des 20. Jahrhunderts, einem jener Wissenschaftler, wegen dem die USA das Manhatten-Projekt aus der Taufe hoben. Sie hatten schlichtweg Angst Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und Co. könnten die Atombombe zuerst entwickeln. Wenn so ein Mann „nicht“ wusste von was er da redet – wer dann? Gleichzeitig ist diese Aussage ein letzter Wink aus einer Epoche kritikloser Technikgläubigkeit. Aus einer Zeit, in der die Gefahr der Kernspaltung nicht aus ihrer Unberechenbarkeit herrührte, sondern aus der Hand, die sie entfesseln konnte.
Die IAEA – ein Relikt aus „besseren“ Zeiten
Die hohe Zeit der Technikgläubigkeit lag in den 1950ger und 1960ger Jahren. Computer ließen sich bereits in einen einzigen Raum packen und es gab nicht wenige, die damit rechneten zwanzig Jahre später, mit dem eigenen Hubschrauber zur Arbeit zu fliegen. Das die Kerntechnik handelbar ist, war Usus. Noch in den 1950gern, fast ein Jahrzehnt nach den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki reichte für die Menschen in den USA „Duck and Cover“ gegen einen Angriff mit Atomwaffen. Die Kernenergie war seit ihrer Entdeckung durch Otto Hahn 1938 zwar zu einem potenten militärischen Instrument geworden, versprach aber darüber hinaus, alle zukünftigen Energieprobleme der Menschheit zu lösen.
Die IAEA wurde, inspiriert durch die „Atoms for Peace“- Rede von Dwight D. Eisenhower und belebt durch die Festlegungen der 1. Genfer Atomkonferenz 1955, 1957 in Wien gegründet. Sie sollte die friedliche Nutzung der Kernenergie vorantreiben und die Vorkommen spaltbaren Materials verwalten. Ab 1968, dem Jahr des Atomwaffensperrvertrages, war die Organisation ferner dazu bestimmt, sich um die Einhaltung dessen zu kümmern. Diese beiden zentralen Aufgaben bestimmen das Handeln der Behörde nach wie vor. Doch im Gegensatz zu damals, ist die eine Aufgabe eine unerlässliche Notwendigkeit, wohingegen die andere, die Forcierung der Kernenergie, durchaus mit Kritik zu behaften ist, will man aus den Ereignissen in Harrisburg, Tschernobyl und nun Fukushima auch nur das Geringste lernen.
Die IAEA und das Bildnis des Dorian Grey
Oscar Wildes Hauptwerk „Das Bildnis des Dorian Grey“ handelt von einem Mann, der ein Bild besitzt, das an seiner statt altert und auch die Narben seiner Sünden trägt. Während er seiner Umwelt weiter jung und begehrenswert erscheint, zeigt das Bild das wahre Alter und den wahren Charakter des Mannes. Man könnte sagen, mit der IAEA scheint es sich dahingehend um ein umgekehrtes Gleichnis zu handeln. In der heutigen Medienkultur, die geprägt ist durch Bilder und Metaphern, ist das Bild einer Person oder Institution wichtiger als das tatsächliche Sein. Das Bild der IAEA ist aber geprägt durch ein dominantes und rezessives Merkmal. Kontrolle und Eindämmung der Verbreitung von Atomwaffen sind eine hehre Aufgabe und prägen das attraktive Bild der IAEO wie kein anderes. Nicht zuletzt der Friedensnobelpreis für die IAEA und ihrem damaligen Generaldirektor und heutigen ägyptischen Volksheld Mohammad el-Baradei im Jahre 2005 hat dazu beigetragen. So könnte man sagen, dass das Bild vom Einsatz gegen die Ausbreitung von Atomwaffen, das Bild der Forcierung der Nutzung der Kernenergie überdeckt. Selbst der Betrachter, welcher der Atomkraft gegenüber generell kritisch eingestellt ist, kann es im täglichen Nachrichtenkonsum kaum durchdringen. Die IAEA selber und ihre Ziele sind aber veraltet, den weder ist die Kernenergie vollends kontrollierbar, noch bedarf es ihrer zur Energiesicherung in der Zukunft und die Narben Tschenobyl und Fukushima kann man leider nicht auf dem Bild erkennen.
Die IAEA gehört nicht zur UN
Komplettiert wird das positive Bild von dem allgemeinen Urteil, die IAEA gehöre zu den Vereinten Nationen, was nicht richtig ist. Sie hat zwar einen Sonderstatus gegenüber verschiedenen Gremien der UN, insbesondere dem Sicherheitsrat, was sich aber aus ihrer 1968 zugewiesenen Kontrollfunktion bezüglich atomarer Waffen ergibt. Die Vereinten Nationen verhalten sich aber gegenüber der Frage der friedlichen Anwendung der Kernenergie neutral. Die IAEA spricht in dieser Hinsicht also nicht für die Einstellung der UN, sondern nur für sich selbst, gemäß den Vorstellungen der technischen Kontrollierbarkeit der Atomkraft aus der Gründungszeit der Organisation.
Die IAEA und die Instrumentalisierung des Bildes
Die IAEA selber will also nicht nur einen Fortbestand vorhandener Kernenergiekapazitäten, sondern arbeitet auch an ihrem Ausbau. Die Kontrollen seitens der IAEA durch die so genannten Osart-Missionen (Operational Safety Assessment Review Team), bei denen die Sicherheit von Atomkraftwerken überprüft werden, gelten als Gütesiegel. Doch dieses Gütesiegel wird nicht zufällig vergeben. Bevor eine Osart-Mission gestartet wird, vergeht eine lange Vorwarnzeit für das Energieunternehmen. Osart-Missionen werden in der Regel von der zuständigen Behörde des Staates angefordert, jedenfalls in den europäischen Staaten. In den meisten anderen Staaten mit Atomkraftwerken gibt es solch eine Behörde nicht einmal. In Deutschland gab es seit Initiierung der Missionen 1983 genau fünf Überprüfungen und bei der letzten kam heraus, dass der Reaktor Neckarwestheim I, welcher jetzt von der Schwarz-Gelben Regierung aus Sicherheitsüberlegungen abgeschaltet wurde, angeblich noch sechzig Jahre betrieben werden könnte. So darf man sich auch nicht wundern, dass diese Osart-Missionen auch gerne mal als „…vertrauensbildende Maßnahme…“ für als störanfällig bekannte Meiler bestellt werden, wie dieser Brief vom ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Günther Oettinger beweist. Nach den jüngsten Ereignissen in Fukushima hatte dieser ja auch Stresstests an europäischen AKWs , sicher als weitere vertrauensbildende Maßnahme, in seiner Funktion als EU Kommissar für Energie vorgeschlagen. Inwieweit der derzeitige Bundespräsident von Deutschland Christian Wulff vom Bild der IAEA und ihrer Osart-Missionen beeinträchtigt ist und was das über den zukünftigen Weg der Koalition aussagen könnte, soll hier mal dahingestellt sein.
Was durch Fukushima aus dem Bild der IAEA wird, ist noch nicht absehbar. Dass der alte Kurs beibehalten wird, ist aber jetzt schon klar.
