Gab es einen "deutschen Sonderweg"?

Anmerkungen zu einer historiographischen Kontroverse

Die These vom "deutschen Sonderweg" führt die NS- Machtergreifung auf langfristige Fehlentwicklungen seit dem Kaiserreich zurück. Gab es diesen Sonderweg?

Der deutsche Radikalnationalismus brachte Ende des 19. Jahrhunderts eine folgenreiche Denkfigur hervor: Deutschland müsse einen Sonderweg gegenüber dem demokratischen Westen und den autokratischen Osten Europas, später zugespitzt gegenüber dem kapitalistischen Westen und dem bolschewistischen Osten, beschreiten. Am deutlichsten trat das Sonderbewusstsein während des Ersten Weltkriegs in der Gegenüberstellung von deutscher Kultur (= historisch, emotional, hierarchisch) und westlicher Zivilisation (= abstrakt, rational, massendemokratisch) hervor.

Der „deutsche Sonderweg“ als historiographische Kontorverse

In einer Aufsehen erregenden Monographie über das Deutsche Kaiserreich (1973) entdeckte Hans- Ulrich Wehler die Sonderwegsthese neu und deutete sie als Fehlentwicklung um. Wehler fragte nach langfristigen Ursachen für die Katastrophe von 1933 und wurde im deutschen Kaiserreich fündig. Das Ungleichgewicht zwischen der schnellen sozioökonomischen Modernisierung und der verhinderten politischen Modernisierung habe Deutschland auf einen von Westeuropa abweichenden Sonderweg geführt. Schuld daran sei vor allem die Beharrungskraft vormoderner Eliten (namentlich der Junker) gegenüber dem im „Vorhof der Macht“ (Max Weber) verbliebenen Bürgertum. Mittels „Revolutionen von oben“ sei es gelungen, das Bürgertum mit einem Scheinkonstitutionalismus abzuspeisen und es über populistische „Ersatzbefriedigungen“ (Nationalismus, Antisemitismus, Militarismus, Kolonialismus) an den autoritären Staat zu binden. Das Bürgertum habe sich daraufhin in seinen Wertvorstellungen dem Adel angenähert und die Demokratisierungsziele von 1848/49 ad acta gelegt.

Die These vom „deutschen Sonderweg“ provozierte eine vor allem in den 1970/80er Jahren teils heftig geführte Kontroverse. Thomas Nipperdey unterstellte der Wehlerschen Sonderwegthese eine ex- post- Betrachtung mit 1933 als teleologischem Zielpunkt. Dagegen betonte er die Vielschichtigkeit und Ergebnisoffenheit der Geschichte des Kaiserreichs. Das Bewusstsein von einem „deutschen Sonderweg“ war allerdings nicht, wie Nipperdey vermutete, allein in der nachträglich gestellten Kontinuitätsfrage verankert, sondern durchaus in zeitgenössischen Wahrnehmungen präsent – so in der positiven Sonderwegthese der Rechten und in der linksliberalen Gesellschaftskritik. Als paradigmatisch hierfür können die Schriften der Gebrüder Mann gelten: Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) für die affirmative und Heinrich Manns Der Untertan (1918) für die gesellschaftskritische Perspektive auf deutsche Sonderentwicklungen im 19. Jahrhundert.

Als fundierter erwiesen sich die Einwände angloamerikanischer Sozialhistoriker um David Blackbourn und Geoff Eley. Die Sonderwegsthese gehe ausschließlich von obrigkeitlicher Manipulation aus und ignoriere gesellschaftliche Selbstmobilisierung. Das Bürgertum sei nicht von alten Eliten ausmanövriert worden, sondern an einer Demokratisierung gar nicht interessiert gewesen. Die Kopplung von Modernisierung und Demokratisierung könne nicht einfach als Normalfall angenommen werden, zumal Wehler gar keinen internationalen Vergleich vorgenommen habe. In den folgenden Diskussionen standen sich nicht wie häufig behauptet eine angloamerikanische Schule und die „Bielefelder Schule“ gegenüber. Während sich die Extrempositionen von Blackbourn/ Eley und Wehler langfristig nicht behaupten konnten, haben die Sonderwegthese und die Kritik an ihr für einen Boom der Kaiserreichforschung über alle Schulen hinweg gesorgt. Das gilt vor allem für die Teildisziplinen Regionalgeschichte, Sozialgeschichte, Politikgeschichte und „neue Kulturgeschichte“.

Regionalgeschichte: Preußischer oder deutscher Sonderweg?

Die Regionalgeschichte hat festgestellt, dass sich die Sonderwegthese zu stark an den Verhältnissen im ostelbischen Preußen orientiert, um Gültigkeit für ganz Deutschland zu beanspruchen. Studien zum Rheinland, Baden, Bayern und Sachsen sehen die wichtigsten Konfliktlinien nicht zwischen Adel und Bürgertum, sondern zwischen Protestanten und Katholiken, Produzenten und Konsumenten oder Bürgern und Arbeitern. Gleichzeitig ist aber auch bestätigt worden, dass es einen überproportionalen politischen Einfluss der Junker, so in der Spätphase der Weimarer Republik, tatsächlich gab.

Sozialgeschichte: Bürgertumsforschung und internationaler Vergleich

Die Bürgertumsforschung hat festgestellt, dass die Feudalisierung des Bürgertums nicht als Kennzeichen einer deutschen Sonderentwicklung verstanden werden kann. Sie war weder spezifisch deutsch, noch mit dem Verzicht auf politische Teilhabe verbunden. Zudem fand parallel eine Verbürgerlichung des Adels statt. Die strukturelle Schwäche des deutschen Bürgertums bestand weniger in seiner Nähe zum Adel, als in der Zwei- Fronten- Stellung zwischen Obrigkeitsstaat und aufstrebender Arbeiterbewegung.

Politikgeschichte: Scheinkonstitutionalismus oder Demokratisierung?

Die These, dass in Deutschland Demokratisierungsprozesse durch Manipulation „von oben“ erfolgreich verhindert worden seien, ist zumindest für die Wilhelminische Zeit in Frage gestellt worden. Viele Historiker erkennen Anzeichen für eine „schleichende“ Demokratisierung nach der Abdankung Bismarcks oder nach der Jahrhundertwende. Brett Fairbairns, Robert Arsenschale und Margaret L. Anderson verweisen etwa auf den „politischen Massenmarkt“, den Bedeutungsgewinn des Reichstags und die Wahlrechtsreformen in den Ländern. Die entsprechenden Studien vertreten allerdings einen missverständlichen Demokratiebegriff. Die Steigerung von politischer Partizipation, so Thomas Kühne, war nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit Demokratisierung. Weder folgte der Aufwertung des Reichstags eine verfassungsmäßige Parlamentarisierung, noch vertraten die neuen Massenverbände eine demokratische Agenda. Zudem mangelt es an international vergleichenden Ansätzen. So ist z.B. unzureichend erforscht, ob Nationalismus und Militarismus in ihren Ideen, Zielen und Organisationsformen deutsche Sonderentwicklungen darstellen.

„Neue Kulturgeschichte“: Kosten von Modernisierungsprozessen

Die Wende zur Kultur-, Alltags- und Mikrogeschichte seit den 1980er Jahren war mit einem fundamentalen Wandel im Verständnis von „Modernisierung“ verbunden. Die Anhänger der Sonderwegthese verstanden Modernisierung mit Max Weber als Durchsetzung des okzidentalen Rationalismus oder mit Talcott Parsons als strukturfunktionalistische Ausdifferenzierung. Die „neue Kulturgeschichte“ folgt dagegen der Aufklärungskritik Horkheimers, Adornos und Foucaults und betont die Kosten von Modernisierungsprozessen. In der Moderne verstärke sich der Zugriff des Staates und der Ökonomie auf die „Ressource Mensch“ über biopolitische und sozialtechnologische Möglichkeiten, die von den neuen Natur- und Humanwissenschaften zur Verfügung gestellt werden. Hieraus ergab sich vor allem eine Neubewertung von Nationalismus, Rassismus, Kolonialismus und Militarismus, die nun nicht mehr als antimodern, sondern als strukturell modern aufgefasst wurden. Aus dieser Perspektive ist ein „deutscher Sonderweg“, verstanden als verhinderte Modernisierung, schon im Ansatz nicht mehr plausibel. Hierin liegt aber auch die Schwäche der „neuen Kulturgeschichte“: Weder widerlegt sie die Sonderwegthese inhaltlich, noch überwindet sie die Logik von Modernisierungstheorien, sondern vollzieht schlicht eine normative Umwertung.

Fazit

In den 1970/80er Jahren prägte die Kontroverse um den „deutschen Sonderweg“ maßgeblich die deutsche und angloamerikanische Geschichtsschreibung zum Deutschen Kaiserreich. In neueren Gesamtdarstellungen ist sie, abgesehen von Heinrich- August Winklers Der lange Weg nach Westen (2 Bde, 2000), nicht mehr vertreten worden. Selbst Hans- Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte (Bd.3, 1995) präsentiert nur eine stark abgeschwächte Variante. Viele Annahmen der Sonderwegthese sind von der Forschung modifiziert, relativiert oder widerlegt worden. Zudem haben eine gewachsene Skepsis gegenüber soziologischen Großthesen, der Paradigmenwechsel zur Kulturgeschichte und der Bedeutungsgewinn der Zeitgeschichte die Geschichtswissenschaft in methodischer und thematischer Hinsicht auf neue Wege geführt. Wehlers Frage nach langfristigen Ursachen für die nationalsozialistische Machtergreifung und den Holocaust ist dagegen, wie Helmut Walser Smith jüngst gezeigt hat, durchaus prägend für die Geschichtsschreibung zum Deutschen Kaiserreich geblieben. Dabei ist die modernisierungstheoretische Perspektive der Sonderwegthese und ihrer Kritiker allerdings zunehmend einer international vergleichenden und transnationalen Betrachtungsweise gewichen.

Literatur

Blackbourn, David/ Eley, Geoff, The Peculiarities of German History. Bourgeois Society and Politics in 19th century Germany, Oxford 1984.

Deutscher Sonderweg – Mythos oder Realität? Hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte, München 1982.

Grebing, Helga, Der „deutsche Sonderweg“ in Europa 1806- 1945. Eine Kritik, Stuttgart 1986.

Kühne, Thomas, Das Deutsche Kaiserreich 1871- 1918 und seine politische Kultur, in: NPL 43 (1998), S. 206-263.

Kühne, Thomas, Demokratisierung und Parlamentarisierung. Neue Forschungen zur politischen Entwicklungsfähigkeit Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg, in: GG 31 (2005), S. 293-316.

Müller, Sven Oliver/ Torp, Cornelius (Hg.), Das Deutsche Kaiserreich in der Kontroverse, Göttingen 2009.

Nipperdey, Thomas, 1933 und die Kontinuität der deutschen Geschichte, in: HZ 227 (1978), S. 86-111.

Smith, Helmut Walser, The Continuities of German History. Nation, Religion, and Race across the long 19th century, Cambridge 2008.

Wehler, Hans- Ulrich, Das Deutsche Kaiserreich, Göttingen 1973.

Wehler, Hans- Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd.4: 1849- 1914, München 1995.

Winkler, Heinrich- August, Der lange Weg nach Westen, 2 Bde., München 2000.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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